und alles , was ich zu fürchten hatte , vergessen . Wenn endlich meine innere Quaal aufs höchste steigt , meine Wuth über seine glühenden Schilderungen hervorbrechen will , ergreift er mich plötzlich mit seiner gewaltigen Liebe . Ich , ich selbst bin es nun , den er schildert . Mit allen meinen Leiden , mit allen meinen schrecklichen Fragen und Zweifeln . Im höchsten Erstaunen sehe ich ihn in das Innerste meines Herzens dringen , Gefühle entwickeln , für die ich bis jetzt keinen Namen hatte , Begebenheiten hervorrufen , die ich verworren nur ahnete . In dem Augenblicke , wo ich ihn dann mit meinen Händen zerreißen mögte ; weil er sie alle nennt , meine Marter , in dem Augenblicke fällt er ein mit seiner seelenerschütternden Klage . Mein Grimm löst sich in Wehmuth auf , er stürzt in meine Arme , und , ohne es zu wollen , drücke ich ihn fest an mein Herz . Aber ihn hier zu behalten , war mir unmöglich . Alle seine Bitten vermogten nichts , er mußte sich ergeben . Gleichwohl bestand er mit einem unerhörten Trotze darauf , sich nicht weiter als eine halbe Stunde von hier zu entfernen . Nun drohte ich mit meiner eignen Abreise . » Thue es - sagte er - und wenn Du bis an das Ende der Welt gehst ; ich folge Dir nach . « » Mir ? « - wiederholte ich mit Bitterkeit . » Ja Dir ! Meinst Du , ich könne ohne Dich , Du ohne mich leben ? - Wer versteht Dich , wer tröstet , wer liebt Dich wie ich ? « » Bestechungen ! « » Wehe Dir , wenn Du es glaubst ! « - » Ich werde schon Mittel finden . « - » Sie helfen Dir nichts . « » Was unterstehst Du dich ? - » Ich unterstehe mich , das Unmögliche unmöglich zu nennen . Mache was Du willst ! uns scheidest Du nicht . « » Uns ? « - » Ja ! uns . « » Sie meinst du . « » Wenn ich sie meinte ; würde ich es sagen . « » Du liebst sie . « » Nein , Dich liebe ich , sie bete ich an . « » Und das soll ich dulden ? « » Kannst Du es ändern ? « » Nicht in mein Haus ! « » Das verspreche ich Dir . « » Nicht in meinen Garten ! « » Auch das . « » Noch auf die Anhöhe ! « » Sie gehört Dir nicht . « » Ich werde sie kaufen . « » Ich habe sie schon gekauft . « » Das hast Du gethan , um sie zu sehen , um von ihr gesehen zu werden . « » Das Letzte ist nicht wahr , auch ist es unmöglich . « » Aber Du willst sie sehen . « » Ja , weil es Dir nicht schadet . « » Es beunruhigt mich . « » Und mich tödtet es , wenn ich sie nicht sehe . Was willst Du lieber ? « - » Du trotzest ! « » Nein . Das sagst Du nur , Du , glaubst es nicht . Sieh mich an ! ist es wahr , daß ich ohne sie nicht leben kann ? ist es wahr , daß es mir unmöglich ist , jemals etwas Schlechtes zu wollen ? ist es wahr , daß ich Dich liebe , daß ich mein Leben für Dich lassen würde ? « Ach ! dann sehe ich in sein großes , schwarzes Auge , und verstumme . Dreyßigster Brief Julie an Wilhelmine Wo bist Du jetzt , meine Geliebte ? Zürnst Du noch mit Deiner Julie ? Nein ! nein ! Du irrst Dich in Dir selbst . Weder Dein Verstand , noch Dein Herz klagt mich an . Wir lieben uns , und werden uns ewiglich lieben . Noch immer kann ich mich nicht von Deiner Abreise überzeugen . Mich dünkt sogar , Du wärest in meiner Nähe . Besonders wenn ich in den Garten trete , überfällt mich ein wunderbar sehnsüchtiges Wonnegefühl . Ach es ist der Duft von den vielen , köstlichen Pflanzen , der geheimnißvolle Schatten dieser hohen unnachahmlich schönen Bäume . Wirklich , unser Garten ist ein Paradies . Ob er gleich beynahe drey Viertelstunden im Umfange hat , wollte ihn mein lieber Mann doch noch durch eine benachbarte Anhöhe vergrößern . Aber sie ist leider schon verkauft , und so werden wir wohl Verzicht darauf thun müssen . Wie sonderbar ! sonst war ich mit so Wenigem zufrieden , hätte mich bey einem einzigen kleinen Blumenbeete überglücklich gefunden . Jetzt , seitdem von der Anhöhe gesprochen ist , denke ich nur immer : wie viel schöner unser Garten seyn müßte , wenn er sie mit umschlösse . Diese wunderliche Grille beherrscht mich sogar im Schlafe . Letzt dünkte mich , ich werde von einer unsichtbaren Kraft weit über die Mauer unsers Gartens gehoben , und plötzlich auf der Anhöhe niedergelassen . Es war eine andre Welt . Himmlische Kinder wandelten darauf . Ihr Gesicht blühte wie Rosen im Morgenlichte . Ein glänzendes Flügelpaar erhob sich über ihre Schultern . Schnell , wie Gedanken , eilten sie hin und her und streiften an meiner Wange vorüber wie Frühlingshauche . Jedesmal , wenn sie mich so berührten durchdrang mich ein unaussprechliches Wonnegefühl . Endlich flogen sie alle auf mich zu , schlossen mich in einen dichten Kreis , und tanzten mit unglaublicher Schnelligkeit um mich her . » Wir wechseln das Leben ! wir wechseln das Leben ! « - so sangen sie . Aber mit einem Male ward ich von einem kalten Hauche angeweht . Kein Tanz mehr , kein Gesang . Die Kinder standen unbeweglich . Ich eile auf sie zu , da sind sie plötzlich in Blumen verwandelt und ich erwache mit einer Art wehmüthig süßem