unvermerkt Mittag und Abend wurd , ohne daß wir eher ans Abschiednehmen dachten , bis uns die untergehende Sonne daran erinnerte . Das Benehmen meiner schönen Wirthin war munter , offen und absichtlos , immer anständig und edel , ohne Ziererei und Ansprüche , und doch zugleich so traulich , als ob wir nicht anders als Freunde seyn könnten . Mit Einem Worte , du kannst dir nichts Liebenswürdigeres denken als sie , und keinen glücklichern Sterblichen als mich , der , im Genuß des Gegenwärtigen gänzlich befriedigt , keinen Augenblick Zeit hatte zu denken daß noch viel zu wünschen übrig sey , und ( was dir vielleicht unglaublich scheinen mag ) auch nicht durch die leiseste Begierde daran erinnert wurde . Dieß ist , denke ich , die natürliche Wirkung der vollkommenen Schönheit , wenigstens auf einen Menschen meiner Sinnesart ; und hätten die Grazien nicht so viel Reiz und Anmuthendes über alles was sie sagt und thut , bis auf die leiseste Bewegung der Falten an ihrem Gewand , ausgegossen , ich glaube ich könnte Jahre lang täglich um Lais gewesen seyn , ohne jemals aus dem süßen Schlummer , worin ihr Anschauen meine Sinne ließ , aufzuwachen . Seltsam wirst du sagen ; aber so ist ' s ! Oder vielmehr , so war und blieb es - rathe wie lange ? - Beim Poseidon ! Vier ganzer Sommertage lang ; und ohne einen zufälligen Umstand , der dir die Sache zu gehöriger Zeit begreiflich machen wird , dürften es vielleicht , Amor und Aphrodite verzeihen mir ' s ! eben so viele Wochen oder Monate gewesen seyn . Daß neu angehende Freunde , wovon der eine aus Cyrene und der andere aus der Pelopsinsel kommt , einander ihre Geschichte erzählen , versteht sich von selbst . Die meinige war bald abgethan , wiewohl Lais nicht glauben wollte , daß ich noch so sehr Neuling sey , als ich , mit völliger Wahrheit wie dir bekannt ist , zu seyn vorgab , oder vielmehr mit Bescheidenheit andeutete . Die ihrige war indessen nicht viel reicher an Abenteuern ; und da du das Beste an ihrer Erzählung , den Zauberklang ihrer Stimme und den Geist ihrer Augen entbehren mußt , so will ich sie so kurz als möglich zusammenfassen . Lais wurde zu Hykkara in Sicilien geboren . Sie erinnerte sich , daß sie in einem großen Hause auferzogen wurde , und daß ihr zwei Sklavinnen zu ihrer Besorgung zugegeben waren . Sie war ungefähr sieben Jahr alt , als sie das Unglück hatte ( ich nenn ' es Glück , und du wirst mir ' s nicht verdenken ) , bei Eroberung und Zerstörung ihrer Vaterstadt durch den bekannten Athenischen Feldherrn Nikias , vermöge des barbarischen Rechts des Sieges , das unter unsern Völkern zu ihrer Schande noch immer gilt , in die Sklaverei zu gerathen , und mit andern Kindern ihres Alters an den Meistbietenden verkauft zu werden . Leontides , ein reicher Korinthischer Eupatride , kaufte sie , und bezahlte sie beinahe so theuer , als ein marmornes Mädchen von einem Polyklet oder Alkamenes . Dieser Leontides war immer ein großer Liebhaber aller schönen Dinge gewesen ; und wiewohl er im Dienste der Paphischen Göttin bereits grau zu werden begann , oder vielmehr eben deßwegen , kam er auf den Gedanken , sich an der kleinen Laidion Trost und Zeitvertreib für seine alten Tage zu erziehen . Er ließ ihr also Unterricht in allen Musenkünsten und überhaupt eine so liberale Erziehung geben , als ob sie seine Tochter gewesen wäre , ergötzte sich in der Stille an ihren schnellen Fortschritten , und belohnte sich selbst zu rechter Zeit für alles , was er auf sie gewandt hatte , so gut als Gicht , Podagra und Hüftweh es erlauben wollten . Dagegen betrug auch sie sich so gefällig und dankbar gegen ihn , und leistete ihm die Dienste einer Krankenwärterin etliche Jahre lang mit so viel Sorgfalt , Geschicklichkeit und gutem Willen , daß er ihr seine Erkenntlichkeit nicht stark genug beweisen zu können glaubte . Sie lebte in seinem Hause als ob sie seine Gemahlin wäre , schaltete nach Belieben über sein Vermögen , und durfte sich der Freiheit , die er ihr geschenkt hatte , um so unbeschränkter bedienen , da er Ursache zu haben glaubte , sich auf ihre Klugheit und Bescheidenheit zu verlassen . In dieser Lage befand sie sich , als ich , durch den bewußten Zufall , eine Art von Aktäon ( wiewohl mit besserm Glück ) bei ihr zu spielen berufen wurde ; und der plötzliche Einfall , sich auf Unkosten eines zudringlichen Unbekannten eine kleine Lust zu machen , wobei sie selbst nichts zu wagen sicher war , hätte einer lebhaften jungen Sicilianerin , welche die schönste Blumenzeit ihres Lebens einem abgelebten gichtbrüchigen Liebhaber aufzuopfern sich gefallen ließ , von meinem runzligen Freunde Antisthenes selbst nicht übel gedeutet werden können . Bald nach dieser Begebenheit starb der alte Leontides , und hinterließ seiner schönen Wärterin die Freiheit zu leben wie und wo sie wollte , nebst einer beträchtlichen Summe an baarem Gelde und dem zierlichen Landsitz zu Aegina , der zwar von keinem großen Ertrag , aber durch seine reizende Lage und die Schönheit der Gebäude und Gärten beinahe so einzig in seiner Art ist , als seine Besitzerin in der ihrigen . Die schöne Wittwe des Korinthischen Eupatriden befindet sich nun , wie du siehest , in einer Lage , die derjenigen ziemlich ähnlich ist , in welche Prodikus seinen jungen Hercules auf dem Scheidewege80 setzt . Zwey Lebenswege liegen vor ihr , zwischen welchen sie , wie sie selbst glaubt , wählen muß . Soll sie , kann sie , bei diesem lebhaften Bewußtseyn einer Schönheit und einer Zaubermacht , die ihr , sobald sie will , alle Herzen und alle Begierden unterwirft , bei solchen Talenten und einem Triebe zur Unabhängigkeit , dessen ganze Stärke sie in ihrer vorigen Lage kennen zu lernen Gelegenheit hatte