. Der Caplan war auf das äußerste betroffen . Der Freiherr hatte von Jugend auf den Gedanken an den Tod gescheut , den Besuch der Kirchhöfe gemieden und seit der Beisetzung der Baronin Angelika die Familiengruft nie mehr besucht . Sie hier , gnädiger Herr ? rief er , und seine Freude , den alten Lebensgenossen wiederzusehen , war eben so lebhaft , als sein Erschrecken über den außerordentlichen Verfall , den er an seinem Freunde wahrnahm . Was führt Sie hieher , verehrter Freund ? rief er noch einmal ; und obenein in dieser heißen Schwüle , die Ihrem Befinden gewiß nicht heilsam ist ? Der Freiherr lächelte ; aber es war nicht mehr der frühere gewinnende Ausdruck in diesem Lächeln . Seine Abspannung und seine Gebrochenheit sprachen aus jedem Zuge und aus jeder seiner Mienen . Eben die heiße Schwüle , entgegnete der Freiherr , und eben mein Befinden , das viel zu wünschen übrig läßt . Ich schlafe schlecht , fühle mich niedergeschlagen , und das heutige Wetter lastet wie Blei auf mir . So wollte ich versuchen , mir mit einem weiteren Gange , als ich ihn in den letzten Monaten unternommen habe , über die Abspannung fortzuhelfen und mir Schlaf zu schaffen für die Nacht . Unterwegs kam mir der Gedanke , meine Schritte hieher zu lenken und Sie aufzusuchen . Wir haben uns lange nicht gesehen . Sehr lange nicht , entgegnete der Geistliche , und seine Sorge um den Freiherrn wuchs , da er den gebrochenen Ton seiner Stimme vernahm . Sie haben viel durchgemacht , viel durchgemacht ! nahm der Freiherr wieder das Wort und hielt unentschlossen , ob er weiter sprechen solle , inne , bis er mit einem Ausdrucke tiefer Schwermuth hinzufügte : Aber auch an mir , wenngleich ich Ihre Gefahren und Arbeiten nicht theilte , sind diese Zeiten nicht spurlos vorübergegangen . Er seufzte dabei und schritt , sich abwendend , dem Familienbegräbniß zu . Die Thüre der Gruft war geöffnet ; als er hineingehen wollte , hielt der Caplan ihn davon zurück . Es ist kalt in der Gruft , warnte er , Sie sind vom Gehen warm , und es ist alles in dem Gewölbe , wie es vorher gewesen ist . Die Särge sind also wenigstens nicht angetastet worden ? fragte der Freiherr . Ganz und gar nicht ; nur die Vorhalle war stark mitgenommen . Die Ruhe unserer Todten wurde nicht gestört . Der Freiherr antwortete nicht . Der Gruft gegenüber lag ein starker , gefällter Baumstamm an der Erde , der hier auf dem Kirchhofe zu neuen Latten für die Umzäunung zerschnitten werden sollte . Auf diesen Baumstamm ließ der Freiherr sich nieder , und den Stock in seinen Händen , das Haupt auf die Hände gesenkt , blickte er lange schweigend nach der Gruft . Niemand hatte es erlebt , daß er sich in solcher Weise auf offener Straße seinem Empfinden überließ , und vielerfahren , wie der Geistliche es war , konnte er sich doch des tiefsten Mitleidens mit dem Freiherrn nicht erwehren . Er trat an ihn heran und forderte ihn auf , sich zu erheben und den Schatten aufzusuchen , da die Wolken sich zertheilten und die sinkende Sonne ihre letzten Strahlen in voller Kraft über das Erdreich ausbreitete . Aber der Freiherr verweigerte es . Lassen Sie mich hier verweilen , sagte er . Die Sonne ist mir erfreulich , und es thut mir wohl , zu denken , daß selbst solche Kriege , wie sie über uns hinweggegangen sind , die Ruhe der Todten nicht gestört haben . So weiß man doch , wo man Ruhe für sich zu erhoffen hat - und es will mich oft bedünken , als würde ich sie bald hier suchen kommen . Denn wenn die Todtgeglaubten wiederkehren , müssen die Lebenden von dannen gehen , fügte er hinzu . Sie haben Paul gesehen ! rief der Caplan . Der Freiherr neigte schweigend das Haupt . Was wissen Sie von ihm ? fragte er darauf . Der Caplan sagte , daß er durch Renatus die erste Kunde von dem so lange verschollen Gewesenen erhalten habe . Da Paul aber seinen Namen gewechselt und sich geflissentlich von dem freiherrlichen Hause fern gehalten habe , so habe auch er es für angemessen gehalten , des Wiedergekehrten gegen den Freiherrn nicht besonders zu erwähnen . Jetzt sei in den Dörfern durch den Bauer , der Paul zu dem Grabe seiner Mutter hingeleitet habe , die Kunde von seinem Leben und von seiner Heimkunft als ein Gerücht verbreitet , und er habe demselben nicht widersprochen , da ohnehin die Familie Steinert , in welcher Paul durch mehrere Wochen gewohnt habe , in das Geheimniß seines Namenswechsels eingeweiht und mit ihm und seinen Verhältnissen bekannt sei , weil Adam Steinert mit dem Hause Flies , dem Tremann angehöre , in beständiger Geschäftsverbindung stehe . Der Freiherr hörte dem Berichte ohne eine unterbrechende Frage zu . Dann sprach er , als ob er mit sich selber rede : Wie das emporsteigt , wie sich das zusammenfindet : die Flies ' , die Steinert ' s und nun gar Paul ! Wie die Flut eines Meeres erhebt er sich um uns , dieser Stand der Bürger , und man hat die Dämme freventlich zerstört , die uns vor seinem Andrange sicher stellten ! Er schüttelte das Haupt und versank in seine Gedanken . Nach einer Weile richtete er sich auf und sagte : Ich sehe trübe , sehr trübe in die Zukunft unseres Vaterlandes , mein alter Freund , und ich werde mich nicht beklagen , wenn ich nicht mehr Zeuge der Entwicklung sein sollte , welche dieser Volkskrieg gegen Frankreich vorbereitet ! Ich habe ohnehin nichts mehr , was mich freut , nichts mehr , worauf ich zuversichtlich hoffe ! Ich bin müde , wie Einer , der die eigene Zeit zu Grabe trägt ; und oftmals möchte ich mich fragen : wofür habe ich gelebt ? -