» Ja , ja , freilich , « sagte der Doctor ; » und ich fühle auch wirklich die Verpflichtung , Ihnen oder den Jungen einen oder den anderen Brief vorzulesen , aber der Teufel weiß , wie es zugeht - « Und der Doctor faßte wieder nach seiner Brusttasche , stülpte dann , wie in Verzweiflung , den abgeschabten Hut auf den großen , kahlen Kopf , und eilte davon , mich wieder einmal in voller Ungewißheit darüber lassend , was denn eigentlich der Inhalt von Paula ' s Briefen sei , die der wunderliche Freund stets vergeblich in seiner Brusttasche suchte . Daß dieser Inhalt dann und wann in directem oder indirectem Bezug zu mir stand , war wohl unzweifelhaft , denn welches Interesse hätte der Doctor sonst wohl gehabt , die Briefe so sorgfältig vor mir zu verheimlichen ? Aber das war auch wirklich Alles , was ich bei mir feststellen konnte ; im Uebrigen mußte ich mir , nicht ohne den tiefsten Schmerz , eingestehen , daß ich mich in Paula nicht mehr zu finden wisse , und weiter , daß sie selbst es zu verantworten habe , daß es das Resultat ihres Benehmens gegen mich sei , wenn ich es nicht mehr konnte , wenn mir die theuerste Freundin , meine Schwester , wie sie sich so oft genannt , eine Fremde und ein Räthsel geworden war . Weshalb ? ich wußte es nicht , ich konnte es nicht ergründen . War es denn ein Verbrechen , daß ich sie einst geliebt hatte mit allen Kräften meiner jungen , hoffnungsfrohen , gläubigen Seele ? daß ich , nachdem sie bei den verschiedensten Gelegenheiten in den verschiedensten Formen meine Liebe zurückgewiesen , wie ein Schiff gewesen war , welches von den Ankern steuerlos in die bewegte See hineintreibt ? War es ein Verbrechen , daß ich selbst über meiner Liebe zu Herminen sie nicht hatte vergessen können , wenn ich auch wußte , daß sie mir ewig fern bleiben würde , und daß ich nur immer zu ihr hinaufzusehen habe , wie zu den hohen Sternen am Himmel ? Mußte ich das so schwer büßen , was mir doch so natürlich war , wie das Athemholen ? Mußte sie mich deshalb aus dem Rath ihres Herzens , in welchem ich sonst so stolz gesessen , ausschließen ? ihre Hoffnungen vor mir verbergen , ihre Pläne , Wünsche , ihre Triumphe , vielleicht auch so manche Enttäuschungen und Kränkungen , wie sie ja Keinem , und am wenigsten dem Künstler erspart bleiben ? Mußte sie deshalb die innige Theilnahme , die sie früher an mir genommen , verleugnen , selbst in der Zeit , da alle meine Freunde sich um mich schaarten , mir mit Rath und That zu helfen , und wo sie nichts für mich hatte , als ein paar Zeilen , die sie mir aus Rom schrieb , und die kaum etwas Anderes enthielten , als den Ausdruck einer Sympathie , zu welcher in solchem Falle sich auch entferntere Bekannte aufschwingen ? Ja , ich war ihr fremd geworden , sonst hätte ich ihre sanfte Stimme vernehmen müssen in der schauerlichen Nacht , die mich nach dem Tode Herminens umgab ; und sie war mir fremd geworden , ich wußte kaum mehr von ihr , als die gleichgültigen Menschen , mit denen ich zusammen vor ihren Bildern auf der Ausstellung stand . Ich wußte ebensowenig , wie Jene , weshalb sie , deren frische , kecke Kraft auf ihren ersten Bildern alle Welt entzückt und hingerissen hatte , seit einiger Zeit nur noch melancholische Vorwürfe zu kennen schien : schwermüthig blickende Hirten , die in den ödesten Theilen der Campagna , zwischen den Trümmern vergangener Herrlichkeit , ihre Ziegen weideten ; Schiffbrüchige an dem Strande der calabrischen Küste , wo die heiße Sonne trostlos zwischen den nackten , zackigen Felsen glühte und die Einsamkeit und Verlassenheit dem Beschauer , ich möchte sagen , greifbar entgegentrat . Wie stimmten diese Stoffe und noch mehr das sonderbar ernste , schwere , trübe Colorit mit der heiteren Stimmung , deren sie sich nach des Doctors Berichten fortwährend erfreuen sollte ? » So kann nur Jemand malen , der tief unglücklich ist ; « hörte ich einmal vor einem dieser Bilder eine Dame in Trauer zu ihrem Begleiter sagen . » Sie hat in der letzten Zeit nur Rückschritte gemacht , « sagte ein anderes Mal ein Kritiker , auf dessen Urtheil man in der Stadt großes Gewicht legte . » Solche Bilder gefallen , weil sie einem gewissen pessimistischen Zug , der durch die meisten Menschen unserer Zeit geht , schmeicheln , aber ich vermisse eine großartige Auffassung ; es ist , ich möchte sagen , ein egoistischer Schmerz , der hier gewaltsam in die Menschen und die Natur hineingelegt wird , und auch die Ausführung läßt Manches zu wünschen , sehen Sie hier und hier - « und der Kritiker wies auf verschiedene Stellen , deren Behandlung er flau nannte . » Da ist ihr jüngerer Bruder eine ganz andere Kraft , « fuhr der Kritiker fort . » Haben Sie seine Aquarelle gesehen ? Der Tausend ! ist das ein Feuer und ein Leben ! Und es soll noch ein halber Knabe sein ! Das wird einmal einer unserer Matadore . Denken Sie an meine Prophezeiung ! « Es schien , daß das Publikum in Bezug auf Paula ' s Leistungen nicht ganz der Ansicht des Kritikers war , wenigstens riß man sich um ihre Bilder und bezahlte sie mit den höchsten Preisen ; ich für meinen Theil traute mir kein Urtheil zu ; ich hatte in der That kein Urtheil ; ich wußte nur , daß , wenn Paula sich einer so andauernden , glücklichen Heiterkeit erfreute , wie der Doctor behauptete , sie dieser Heiterkeit den seltsamsten Ausdruck von der Welt gab . Die Unterredung , in welcher mir der Doctor mittheilte , daß sich Paula mit ihrer Mutter in Meran aufhalte ,