Mutter mir meines Vaters Haus gezeigt hat , ehe sie in den Wellen dieses Flusses Ruhe für sich suchte ! Der Freiherr trat einen Schritt zurück . Seine Augenlider hoben sich rasch empor , er schaute dem Sprechenden mit starrem Blicke in ' s Antlitz . Ich selber , ich selber ! rief er und bedeckte seine Augen mit der Hand . Sie blieben schweigend vor einander stehen . Was der Freiherr sich oft gesagt , was er nie bitterer empfunden hatte , als an dem Tage , an welchem Vittoria ' s Verrath ihm plötzlich klar geworden war , das brannte in diesem Augenblicke als ein verzehrender Schmerz in seinem Innern . Nur Ein Weib hatte ihn treu , hatte ihn allein und ausschließlich geliebt - die Niedriggeborene , der er nicht seinen Rang , nicht seinen Namen gegeben , wie der Tochter der Grafen Berka , wie der Tochter des Hauses Giustiniani . Nur Ein Weib , nur Pauline hatte nicht zu leben vermocht ohne ihn und seine Liebe , und er hatte , weil sie nicht seines Standes gewesen war , sich berechtigt gehalten , sie von sich zu weisen , als er dies für seine Zwecke nöthig gefunden , und er hatte sie in den Tod getrieben ! Sie allein hatte sein Wesen so in sich aufgenommen , daß es ihm jetzt von ihrem treuen Schooße geboren wie sein eigenes Bild entgegentrat , wie sein eigener Schatten , vor dem er zitterte , weil dieser Doppelgänger seiner eigenen Jugend sich stolz und selbständig wider ihn erhob . - Er konnte nicht fassen , was er eben jetzt erlebte , er konnte seine Gedanken nicht ordnen , nicht sammeln . Er war also nicht todt , der Todtgeglaubte , dessen plötzliches Erscheinen einst Angelika den Tod gegeben hatte , der jetzt auch ihm selber , er fühlte es , den kalten Stachel in das ohnehin so müde Herz drückte . Wo war er gewesen ? Wo kam er her , eben jetzt ? Eben jetzt , da der Freiherr sich niedergebeugt fühlte von der Schmach , welche Vittoria ihm angethan , da er sich gedemüthigt fühlte bis in ' s Tiefste seiner Seele , weil er seines Hauses Namen auch dem Sohne Vittoria ' s , einem Bastard , hinterlassen mußte , wenn er seine eigene Schande nicht verkünden wollte - seines Hauses alten Namen ! Und hier stand er vor ihm , der Ausgestoßene , sein Bastardsohn - in jedem Zuge sein Fleisch und Blut - in jedem Blicke und Tone sein eigner Sohn , für ihn verloren , sollte er nicht sein ganzes Leben eine Lüge strafen , für ihn verloren auf immerdar , sollte er nicht , was er stets gemieden hatte , die Welt geflissentlich zum Mitwisser und zum Richter seines Thuns und Lassens machen ! Die Vorstellungen lösten , wie vorhin in seines Sohnes Geiste , einander mit Blitzesschnelle in ihm ab . Nur Eines blieb unwandelbar : er fürchtete den Heimgekehrten . Und in seines Alters Kraftlosigkeit dieser deutlichsten Empfindung die Herrschaft über sich lassend , machte er eine abwehrende Bewegung gegen den regungslos ihm gegenüber Stehenden . Sie wirkte wie ein Schlag auf Paul , sie erkältete ihm die Seele . Er wollte nicht von hinnen . Seine Brauen zogen sich finster zusammen . Der Freiherr kannte diese Miene . Es war Paulinen ' s dunkler Blick , er übte auch jetzt , auch aus ihres Sohnes Auge den alten , bannenden Zauber über ihn aus . Er meinte , Pauline vor sich zu sehen , eben emporgestiegen aus dem wallenden Nebel dieses dunkeln Wassers . Er konnte sie kaum noch auseinander halten : sein eigenes Dasein und dieses Mannes Erscheinung und Paulinen ' s schattenhaftes Bild . Es war wie ein Spuk , der ihn umgab , dem er sich mit Gewalt zu entziehen suchen mußte , sollte er an ihm nicht augenblicks zu Grunde gehen . Was willst Du von mir ? rief er ; sprich , was willst Du ? Nichts ! entgegnete Paul und richtete sich in seiner ganzen stolzen Höhe empor , daß er die gebeugte Gestalt seines Vaters fast um eines Hauptes Höhe überragte . So verlaß mich ! sprach der Freiherr , seiner angstvollen Beklemmung folgend , und wie vor dem eigenen grausamen Worte erschrocken , schauderte er zusammen und wendete sich , den Mantel fest um seine Schultern schlagend , von dem Sohne ab , mit schwankendem Schritt den Rückweg nehmend . Paul blieb wie angewurzelt stehen . - Sie war verschwunden die aufwallende Kindesliebe , nur eine erbarmende Sorge um den Greis regte sich noch in ihm . Er sah ihm achtsam und unverwandten Blickes nach , bis die Hecke auf der Terrasse und die Dämmerung den Freiherrn seinem Auge entzogen , bis er ihn unter dem Schutze seines Hauses , in der Nähe seiner Leute wußte . Er liebte , er haßte den Vater nicht , er bemitleidete ihn . Tief aufathmend , in sich gefaßter als je zuvor , und um eine Erfahrung , und um welche ! reicher ging er von dem Flusse fort . Am Rande des Waldes wendete er sich um . Nur die Umrisse des mächtigen Baues waren noch zu erkennen . Das Schloß sah wie ein riesiges Grabmal aus ; es machte ihm einen melancholischen Eindruck . Er hatte einst die glücklichen Kinder beneidet , die hinter den goldenen Fenstern dieses Schlosses spielen würden . Heute beneidete er die Besitzer dieses Schlosses nicht mehr , heute fühlte er kein Verlangen mehr , sein Loos gegen das des jungen Freiherrn zu vertauschen . Ihr Stern war im Sinken , der seine stieg empor , und er hatte sie nicht mit sich fortzutragen durch das Leben , die Herz und Sinn verengenden Ueberlieferungen , die hemmenden und herabziehenden Vorurtheile dieses Hauses ; er konnte frei und ungehindert seiner Einsicht , seiner Ueberzeugung und seinem Bedürfen folgen . Er freute sich , daß keine Verpflichtung irgend einer