Der Himmel war klar , aber seine Farben waren wie im Herbst kalt , und herbstlich raschelte auch das im vorigen Jahre liegen gebliebene welke Laub am Boden in dem wenig gepflegten Parke . Es war Alles still in der Natur ; nur hier und da , wenn der aufsteigende Abendwind sie bewegte , knackte es leise in den Wipfeln der Bäume , um die das letzte Glühen der Sonne seine spielenden Flammen leuchten ließ . Gerade so war es gewesen , als er mit der Mutter einst diesen Weg gekommen war . Mit raschen Schritten ging er vorwärts . Ihm klopfte das Herz , er wollte mit sich fertig werden , es abgethan haben . Er hatte keine Erinnerung gehabt an die Gegend , an die Ortschaften , welche er an diesem Nachmittage durchritten : hier kannte er jeden Schritt , und wie aus einem Zauberspiegel tauchten die alten Bilder aus seiner frühesten Jugend vor ihm auf . Wie an jenem Abende , ganz wie an jenem Abende , so lag es vor ihm auf der Terrasse , die sich über dem Flusse erhob , das stolze Herrenschloß der Freiherren von Arten-Richten . Die untergehende Sonne funkelte in seinen hohen Fenstern , daß sie golden erglänzten , als feiere man hinter ihnen ein fröhliches Fest ; die Schornsteine stiegen , vom Abendrothe angestrahlt , hoch in die Höhe , nur unten auf dem Flusse dunkelte es schon und des Nebels graue Wellen fingen an , sich über dem Wasser zu kräuseln , wie an jenem Abende ! Wie an jenem Abende ! Er meinte sie noch zu fühlen , die Hand , welche ihn damals so fest gehalten , daß es ihn geschmerzt hatte ; er meinte sie noch zu hören , die Stimme seiner Mutter , die so streng und rauh geklungen an jenem Abende , daß er sich vor ihr gefürchtet . » Das ist Schloß Richten , « hatte sie gesagt , » das gehört dem Freiherrn von Arten , dem Onkel Baron , und der Onkel Baron ist Dein Vater ! « - Er hatte Mühe , sich selber die Worte nicht nachzusprechen , wie einst seiner Mutter . Wie damals zählte er die Fenster , wie damals zählte er die Schornsteine . Er wunderte sich fast , daß er kein Kind mehr sei ; aber es hätte ihn nicht gewundert , hätte seine Mutter plötzlich wieder an seiner Seite gestanden , wäre aus dem Abendscheine , wie damals , ein Mann hervorgetreten . Er hielt in seinen Gedanken inne , er traute seinen Augen nicht . Was das auch nur ein Gebilde seiner aufgeregten Phantasie , oder wer war es , der da drüben gebeugten Hauptes , in einen weiten Mantel eingehüllt , langsam am Ufer herabkam und plötzlich nicht ferne von ihm stehen blieb ? Er ging nach jener Seite hin ; auch die Gestalt bewegte sich vorwärts . Nur wenige Augenblicke und sie standen einander gegenüber . Paul trat sprachlos zurück . Es war kein Zweifel möglich , es war der Freiherr . Aber die Veränderung in seines Vaters Zügen und Erscheinung preßte Paul das Herz zusammen . Er hätte , alles Andere vergessend , das einst so stolze Haupt wieder aufgerichtet , den müden , schweren Schritt des Greises wieder so rasch und fest wie früher sehen mögen . Er hatte eben erst im Geiste den Jammer seiner jung gestorbenen Mutter durchlebt , jetzt erfaßte ihn der Schmerz um seines Vaters Alter . Er kam sich so glücklich , so mächtig vor in dem Vollgefühle seiner Kraft , im Hinblicke auf seinen emporsteigenden Lebensweg , daß er ein Erbarmen fühlte mit der Hinfälligkeit des Menschen und mit aller seiner Schwachheit , als ob er selber ihnen niemals unterworfen sein würde . Nichts als Mitleid , nichts als liebevolles Rückerinnern , als das Verlangen , diesen müden Mann zu stützen , war in des Sohnes Herzen rege , als der Freiherr ihn mit dem gebietenden Tone anrief , der ihm auch jetzt noch eigen war . Wer sind Sie ? herrschte er . Es wallte heiß auf in des Sohnes Brust , als er diese Stimme nach so langen , langen Jahren wieder an sein Ohr schlagen hörte . Es drängte ihn , sich zu nennen , es kostete ihn Ueberwindung , nicht zu sagen : Müder Vater , ich bin Dein Sohn , und ich bin jung und glücklich ! - Aber er fürchtete , den Greis zu erschrecken , und sich zusammennehmend sagte er : Ich bin , wie Sie es sehen , ein Landwehrmann , der zu des Königs Heere zieht . Von woher kommen Sie ? erkundigte sich der Freiherr , der sich wie die Fürsten und Vornehmen die Freiheit des Fragens zuerkannte und doppelt , wenn er , wie in diesem Falle , dazu berechtigt war . Ich bin mit der russischen Armee in ' s Land gekommen , entgegnete Paul , zufrieden , den Freiherrn im Gespräche festzuhalten . Aber Sie sind kein Russe ! Nein ! Was führte Sie in diese Gegend ? Der Auftrag , die hiesigen Freiwilligen zu versammeln und einzuüben , und .... Er zauderte und schwieg . Und ? fragte der Freiherr , dem ein Etwas in des stattlichen Fremden Wesen wunderbar und doch vertraut entgegentrat , daß er sein Auge nicht von des Mannes schönem Antlitze abziehen konnte . Und ? - Da hielt sich Paul nicht länger . Die ihn selber überraschende Zuneigung zu dem greisen Freiherrn , der Wunsch , es darzuthun , was er aus eigener Kraft aus sich gemacht , auch ohne daß seines Vaters Namen und Hülfe ihm zu Theil geworden waren , das Verlangen , als ein Rächer seiner Mutter Andenken in dem Freiherrn zu erwecken , das alles stürmte in raschem Wechsel auf ihn ein , und die mächtigen Augen auf den Freiherrn gerichtet , sagte er mit festem und doch schmerzlichem Tone : Ich wollte die Stelle wiedersehen , an welcher meine