werden anfing . Sein ganzes Gesicht , setzte er hinzu , da Paul , nachdem er zu Pferde gestiegen war , das Haupt noch einmal rückwärts wendete , sein ganzes Gesicht ! Paul hatte gerades Weges nach Hause reiten wollen , aber das eingesunkene , verlassene Grab seiner Mutter hatte ihm das Herz erschüttert . Er meinte sich ihrer plötzlich auf das deutlichste zu erinnern , er meinte , sie vor sich zu sehen , wie sie an dem letzten Abende ihres Lebens neben ihm gestanden . Er glaubte , den Ton der Stimme zu vernehmen , mit welcher sie zu ihm gesprochen hatte , und das Verlangen , das fast jedem Menschen inne wohnt , das Verlangen , sich mit seinen Anfängen im Zusammenhange zu erhalten , ward in ihm so mächtig , daß er sein Pferd zur Rechten lenkte und die Straße einschlug , auf welcher die große Rothenfelder Kirche ihm als Wegweiser diente . Er kannte nicht Weg , nicht Steg . Das Dorf war ihm fremd , fremd auch die Menschen , die es bewohnten , und fremd war er Allen , die hier lebten . Hier und da standen ein paar Leute vor den Thüren und sahen zu dem Vorüberreitenden empor . Sie mochten seine Mutter wohl gekannt haben ; von ihm wußten sie nichts . An einem Fenster nähte ein junges Weib . So hatte seine Mutter wohl auch am Fenster gesessen und auf den Weg hinausgesehen , auf dem der Freiherr zu ihr zu kommen pflegte . Vor den Thüren spielten Kinder . Hatte er auch einst so gespielt , und wo waren sie geblieben , seine Spielgenossen ? Wer waren sie gewesen ? Er wußte sich keines solchen zu erinnern . Die Häuser sahen zum Theil verfallen aus ; auch die Leute schienen ihm armselig und verkommen , wenn er sie mit dem frischen , kräftigen Landvolke verglich , das er in Amerika durch lange Jahre vor sich gesehen hatte ; nur die Kirche ragte stolz empor . Er wußte , daß sie bereits zum zweiten Male als Lazareth benutzt ward , und er dachte , daß sie auf diese Weise doch einem anderen , einem allgemeineren Zwecke diene , als der unfruchtbaren Selbstbefriedigung , zu welcher man sie einst errichtet hatte . Er kannte durch Seba und durch Herbert die Familiengeschichte des Freiherrn von Arten , durch Steinert und durch die Geschäfte des Flies ' schen Hauses die verwickelten Verhältnisse , in denen derselbe sich befand . Er hätte Hand anlegen , helfen mögen , daß so großer , so schöner Besitz nicht zu Grunde gerichtet , daß durch Fleiß und Vorsorge Wohlstand und Gedeihen geschaffen würde , wo thörichte Verschwendung , wo Unkenntniß und Sorglosigkeit den Untergang heraufbeschworen . Er begriff sich selber nicht , so schnell wechselten die Empfindungen und Gedanken in ihm ab . Er schalt sich über die Rührung , die ihn unwillkürlich überfiel , er tadelte sich , daß er sich der Vorstellung nicht entschlagen konnte , was er an dieser Stelle schaffen und leisten würde . Er hatte gewähnt , mit allen Gedanken an seinen Ursprung fertig zu sein , er hatte sich oft mit stolzer Zufriedenheit gesagt , wie es ein Glück für ihn gewesen sei , daß er losgerissen worden von dem trägen Stamme des Arten ' schen Geschlechtes , daß er sie nicht eingesogen , die Vorurtheile dieser alten Welt , und doch fühlte er heute den ganzen schmerzlichen Zorn in sich lebendig werden , der einst aus den Worten seiner Mutter in ihn übergegangen war , als sie mit ihm zum ersten und letzten Male vor dem Schlosse seines Vaters gestanden hatte ; doch brannte heute die herbe , schmerzliche Leidenschaft wieder in ihm auf , die er einst empfunden , als seines Vaters Blick sich kalt und lieblos von ihm abgewendet , jene zornige Leidenschaft , die ihn in die Welt hinausgetrieben hatte . Wer hatte dem Freiherrn das Recht gegeben , seine Mutter zu verlassen ? Wer hatte ihm das Recht gegeben , seinen erstgeborenen Sohn von sich zu stoßen und ihn seines Namens , seiner Heimath , seines Erbes zu berauben ? Thorheit , Thorheit ! rief Paul sich selber zu , als er diese Fragen , auf welche die ganze wirkliche Welt und sein Wissen von ihr ihm die Antwort gaben , wie Gebilde eines wachen Traumes in sich aufsteigen fühlte . Er wollte nicht weiter vorwärts , er sagte sich , daß er nichts zu suchen habe auf diesem Grund und Boden , und nichts mehr gemein mit dem Geschlechte , dem derselbe angehörte . Freiwillig hatte er sich einst von allem Zusammenhange mit dem Manne , der vor den Leuten nicht sein Vater sein mögen , losgerissen , und er dachte nicht im entferntesten daran , die möglichen Beziehungen jetzt zu erneuen . Aber es war , als sei ein Dämon aus dem Grabe seiner Mutter aufgestiegen , als habe ein Zauber ihm den festen Sinn verwirrt . Er konnte es nicht lassen - er mußte es wiedersehen , einmal mußte er es wiedersehen , das Schloß von Richten und den weiten Park , der es umgab . Der Weg war nicht schwer zu finden , der Freundschaftstempel auf der Margarethenhöhe zeigte ihn deutlich an . Ein Knabe , der dem stattlichen Landwehr-Offizier mit staunendem Blicke nachsah , war schnell herbeigewinkt , das Pferd zu halten , als Paul am Parke abstieg . Die breite Haupt-Allee that sich einladend vor ihm auf . Die Sonne war schon im Sinken , wie an dem Abende , da er diesen Park zum ersten Male betreten hatte . Die Gehege , welche ihn an dieser Seite einst umgeben hatten , waren zum Theil noch vorhanden , indeß die bunt gefleckten Hirsche mit den herrlichen Geweihen , die zierlichen Rehe mit ihren klugen Augen guckten nicht mehr aus den Drahtgittern hervor . Das Unterholz war stark zugewachsen , man sah selbst durch die unbelaubten Zweige nicht weit hinein .