das Schmerzlichste ihre Augen trocken geblieben waren . Vorgänge dieser Art sind im Beichtstuhl nichts Seltenes ... Bonaventura , tieferschüttert , durfte Lucinden Zeit lassen , sich zu sammeln ... Sah er auch wol , daß sich allmählich schon andere , die an sein Ohr zu kommen begehrten , eingefunden hatten , er bedurfte selbst der Sammlung . Endlich sprach er : Rufen Sie den Helfer an , von dem Sie ja wissen , daß wir auf dem Wege zur Buße vorzugsweise zu ihm zu beten haben , den Heiligen Geist ! Keine Antwort ... Lucindens Schluchzen war jenes , das wir alle an uns kennen , ein Weinenmüssen , wo wir sogar selbst sagen : Welche Thorheit ist das nun von dir ! Und wir können doch nicht anders . Wann haben Sie zum letzten mal gebeichtet ? fragte Bonaventura mit Milde ... Nur Thränen antworteten ... Welcher Sünde zeihen Sie sich ? Da er die Frage nach einer Weile wiederholte , war es ihm , als hörte er das Wort » aller « ! So schnell aber kam es , so erstickt , so entsetzlich aufrichtig für sein Ohr , daß er eine weitere Gewissenserforschung nicht mehr anzuknüpfen wagte . Auch erhob sich Lucinde . Schlank und hoch , wie sie war , ging sie ohne Segen und Absolution von dannen . Eine Flucht war es ... Bonaventura sagte sich : Welch ein Anfang ! Was wird da kommen ! Gewiß wurde dieser Theil seiner Seelsorge für ihn der mühevollste , zehrend an seiner geistigen und physischen Kraft . Wie blickte er in die Tiefen der menschlichen Herzen ! In Abgründe , vor denen ihn Schaudern ergriff ! Wie nur allein die Frauen zu ihm redeten ! Solche zumal , die sein in der Stola verborgenes Auge kaum sah , denen er aber schon am Rauschen ihrer Kleider anhörte , daß sie der vornehmen Welt angehörten . Der Duft , der ihrem Haar , ihren spitzenbesetzten Taschentüchern , die sie vor die Augen drückten , entströmte , verrieth ihren Stand . Manche dieser Frauen kannte er schon durch dieselbe Atmosphäre , dann denselben Ton des Vortrags , dieselben Vorwürfe , die sie sich machten , dieselben Allgemeinheiten , die er zurückzuweisen pflegte . Viele kamen nur , um dagewesen zu sein . Wem er anhörte , daß sein Beichtbedürfniß nur eine phrasenhafte Aeußerlichkeit , ein Luxus der Gefühle war , den unterbrach er mit dem Worte der Schrift : » Die Lüge aber ist der Leute Verderben . « Das Schmerzlichste war freilich , das Uebel sehen und es doch trotz alles Vorbaues nicht im Keime ersticken können . Verbrechen hören und nicht anzeigen dürfen ! Verbrecher hören und sie nicht einmal ansehen dürfen ! Ihm war schon in St.-Wolfgang geschehen , daß ihm Bekenntnisse gemacht wurden von einem Knecht , der ihn selbst bestahl . Den Dieb durfte er nicht entlassen , weil jener daraus einen Misbrauch des Beichtgeheimnisses hätte entnehmen können . Die Katastrophe des Kirchenfürsten hatte Bonaventura voraussehen müssen und doch erschütterte sie ihn und schloß eine Weile die zwiespältige Stimmung seines Innern . Als jüngster Domherr , eben eingetreten , hatte er im engern Kapitel noch keine Stimme . Die Curie übernahm die Regierung des erledigten Kirchenthrons . Glücklicherweise blieb der Präsident , sein Stiefvater , fern . Immermehr verblaßten bei solchen Aufregungen die Schriftzüge des räthselhaften Briefes , den er wie der Dechant einst empfangen . Anfangs träumte er von ihm , in schlaflosen Nächten traten ihm die lateinischen Worte in Bildern entgegen , wie wenn er das Concil von Trient noch einmal versammelt sähe , noch einmal mitstimmen müßte in Kostnitz , ob Huß und Hieronymus zu verbrennen wären ... Bald aber ließ ihn die Seelsorge , dieser Beruf so voll außerordentlicher Mühen , aber auch Belohnungen und Erhebungen , die Versuchungen zum Zweifel vergessen . Lucinde war nicht wiedergekommen . In der Kirche begegnete er ihr oft ; sie schlug die Augen nieder ... Klingsohr war unmittelbar nach seiner Abreise im September vom Kirchenfürsten » bis auf weiteres « unter strengste Klausur gestellt worden . Als Bonaventura zurückkehrte , bewohnte er noch die Zelle im alten Profeßhause der Jesuiten , durfte sie aber nicht verlassen . Räthselhaft blieb ihm diese fortgesetzte Strenge , über die er sich bei Michahelles erkundigte und nichts als ein ausweichendes Achselzucken zur Antwort erhielt . Hatte man von Lucinden erfahren ? Traute man der Selbstbeherrschung des Mönches nicht ? War Neues geschehen ? ... Klingsohr schien eine Zeit lang als Gefangener nicht seiner geistigen Hülfsmittel beraubt . Artikel schrieb er nach wie vor . Jetzt erst bewunderte Bonaventura in den von ihm gründlicher gelesenen Aufsätzen die Kraft der Darstellung , die nicht immer täuschende Kunst einer Beweisführung , die trotz der tiefsten Demüthigung nicht aufhörte die protestantische Welt zu bekämpfen . Klingsohr klirrte an einer Kette , die er dennoch gelassen trug ... Imponiren mußte ihm etwas , wenn es ihn überzeugen sollte , und war es seine eigene Züchtigung ! ... In jener Zeit schrieb er , wo ihm geistesverwandte norddeutsche Philosophen anfingen , mit Bewunderung von Asien und Rußland zu sprechen . So tief ausgehöhlt sich in sich selbst fühlend , so in ewiger Verneinung sogleich ohne alle und jede Liebe selbst für das , dem man doch selbst verwandt ist , so von einigen Schwächen seiner eigenen Partei sogleich erkältet , bedurften sie eines Ersatzes für die sie umgebende Schemenwelt . Sie bewunderten die Kosacken . Sie begannen das » Naturwüchsige « zu preisen in jeder Form , wenn es nur nicht Fleisch war vom eigenen Fleisch , Bein vom eigenen Bein , zuletzt nichts , was die Signatur der Bildung trug ... Einem Besuch , den Bonaventura beim Pater Sebastus machen wollte , stellten sich Hindernisse in den Weg und auch das einst so lebhaft empfundene Bedürfniß des Mönches , gerade ihm zu beichten , schien vor vielleicht neuerwachtem Hochmuth zurückgetreten ... Zwei Seelen wohnten in dieser widerspruchsvollen Brust , von denen