hörte . Der Kirchhof war nicht groß , er hatte nicht weit zu gehen bis zu der Ecke , in welcher , fern von den Gräbern der Glücklicheren oder der Muthigen und Geduldigen , die armen Ausgestoßenen gebettet lagen , die das Leben von sich geworfen hatten , weil es ihnen zu schwer geworden war . Die Hügel waren eingesunken . Kaum daß man noch die Wellungen im Erdreiche unterschied . Ein paar kleine Holztafeln ragten nur wenig über dem Boden hervor , die Kosaken hatten vor einigen Wochen mit ihren Pferden auf dem Kirchhofe campirt , es war Alles niedergetreten , nur ein paar eisenumgitterte Erbbegräbnisse , wie das der Steinert ' s , waren erhalten worden . Er bückte sich nieder , um zu sehen , ob auf den kleinen Tafeln vielleicht ein Name erkennbar sei ; aber der Regen hatte sie weiß gewaschen , die Hufe der Pferde sie zerschlagen , sie waren überhaupt nur übrig geblieben , weil die Kosaken die paar elenden Splitter des Auflesens nicht werth geachtet haben mochten , wo sie Bäume umzuschlagen gefunden hatten . Sinnend , die Arme über die Brust gekreuzt , das Haupt gesenkt , schaute Paul auf die kleine Scholle Erde nieder . Er fühlte ein tiefes Mitleid mit der Frau , die ihm einst das Leben gegeben hatte ; er hätte sie neben sich haben , sie lächeln sehen und ihr alle die Leiden , die sie gelitten , in Freuden verwandeln , durch Glück vergelten mögen . Arme , arme Mutter ! rief er unwillkürlich - und wie das Wort , das er seit langen Jahren nicht mehr ausgesprochen , sein Ohr berührte , fühlte er , was das Leben ihm und ihr versagt hatte , und ein paar große , schwere Tropfen fielen aus seinen dunklen Augen auf den Boden nieder . Es war das einzige Liebesopfer , das er der Mutter darzubringen vermochte . Als er aufblickte , stand der alte Bauer vor ihm , der seine Kinder dem scheidenden Steinert anempfohlen hatte . Er war dem fremden Offizier aus der Ferne gefolgt und hatte ihn schweigend beobachtet . Paul , in seine Gedanken versunken , wollte an dem Alten vorübergehen ; aber dieser , der nicht wußte , wohin er mit der eigenen , ihm ungewohnten Rührung sollte , hielt ihn zurück . Die Pferde sind darüber weggegangen , und über manches Christen Grab werden sie noch fortgehen , daß man seine Spur nicht findet , sagte er mit jener Feierlichkeit , die allen denen eigen ist , welche den Ausdruck für ihre Gefühle einzig aus der Bibel schöpfen . Paul blieb stehen ; es that ihm wohl , auf ein Zeichen des Mitgefühls zu stoßen . Er erkundigte sich bei dem Alten , ob er hier zu Hause sei . Als dieser es bejahte , fragte er , ob er ihm sagen könne , wo man vor Jahren des Jägers Mannert Tochter hier begraben habe . Der Bauer besann sich eine Weile , dann fing er zu zählen an . Hier , sprach er darauf , indem er auf einen der schwachen Hügel hinwies , hier , dieses ist ' s ; es war das fünfte Grab hier von der Mauer ! Paul blickte hin , es war keine Bezeichnung irgend einer Art daran erkenntlich . Er wollte eine Frage thun , unterdrückte sie und konnte dem Verlangen endlich doch nicht widerstehen . Hatte das Grab denn kein Kreuz ? fragte er , weil es ihn zu wissen gelüstete , ob sein Vater der Mutter wenigstens diesen letzten Liebesdienst geleistet habe . Ein Kreuz ? wiederholte der Bauer offenbar verwundert , sie hat sich ja in ' s Wasser gestürzt ! Ein Kreuz konnte sie nicht bekommen und eine Tafel - wer hätte ihr die setzen lassen sollen ? - Sie hatte nicht Vater , nicht Mutter , nicht Bruder , nicht Schwester ; sie hatte gar keine Freundschaft hier zu Lande , und der gnädige Herr ? - der Bauer zuckte , sich unterbrechend , die Schultern - damals freilich stand es noch sehr gut mit ihm . Aber als die Pauline sich in ' s Wasser stürzte , reiste er gerade zu seiner ersten Hochzeit ab , und hernach , wie sie im Garten aufgefischt wurde , waren die Eltern der gnädigen Frau , die Herrschaften von Berka , just im Schlosse . Es wird nun an die zweiundzwanzig Jahre her sein . Da hatte man nur zu thun , daß die nichts davon erfuhren und daß der Leichnam im Stillen unter die Erde kam . Wem ging sie auch was an ? - Arme Mutter ! arme , arme Mutter ! rief Paul in seinem Innern , und noch einmal drängten die Thränen sich in seine Augen . Sich leise niederbeugend , legte er , ohne zu wissen , weshalb er ' s that , die Hand auf das junge , grüne Gras , das über seiner Mutter Asche neu emporwuchs . Dann wendete er sich ab . Er hatte Abschied genommen von der Todten , nun konnte er gehen . Der Bauer sah ihm verwundert zu . Er hatte so etwas noch nicht erlebt ; aber man konnte jetzt vielerlei geschehen sehen , was vorher nicht dagewesen war . Mit Einem Male , wie er so neben dem Offizier her ging , schien ihm ein Gedanke zu kommen . Er sah zu ihm empor und wollte eine Frage thun , aber gerade in dem Augenblicke richtete auch Paul sein Auge noch einmal auf seinen Begleiter , und es war in dem festen , strengen Blicke etwas , das die unerbetene Frage laut zu werden hinderte , etwas , dem der Alte von früher Jugend auf gehorsamt hatte . Er zog den Hut ab und blieb voll Ueberraschung stehen . Der Offizier grüßte ihn und ging mit einem Dankesworte von dannen . Sein ganzer Gang ! sagte kopfschüttelnd der Alte , dem plötzlich die Bedeutung seines Erlebnisses klar zu