etwas nüchterner seyn könnte ; denn es ist nicht zu läugnen , daß ihm , wiewohl er eben kein bösartiger Menschensohn ist , doch ziemlich viel fehlt , um für ein Muster der Sokratischen Sophrosyne zu gelten . Unstreitig läßt sich also nicht nur ein besserer Mensch denken als er ; ich glaube sogar zu begreifen , wie er selbst , unter andern Umständen , dieser bessere Mensch seyn könnte . Wenn ich aber überlege , daß er ein geborner Cappadocier , unter ungebildeten Menschen aufgekommen , schlecht erzogen , schlecht genährt , und nie zu etwas Besserm als knechtischer Arbeit angehalten worden ist u.s.w. , so finde ich mehr Ursache , mich wundern zu lassen , daß er nicht schlechter als daß er nicht besser ist , und ich fordre nicht mehr Weisheit und Tugend von ihm , als ihm unter allen Bedingungen seiner Existenz zuzumuthen ist . Sollte , was von meinem Cappadocier gilt , nicht aus gleichem Grunde von jedem gebildeten und ungebildeten Athener , Thebaner oder Korinthier gelten ? - Aber ( könntest du mir einwenden ) kommen nicht Fälle vor , wo du deinen Sklaven zu einer Pflicht ermahnest , oder ihm eine Unart verweisest , oder ihn wohl gar körperlich züchtigen lässest ? - Das letztere ist in meinem Hause nicht üblich . Wenn einer meiner Sklaven sich auf einen wiederholten scharfen Verweis nicht bessert , wird er auf den Markt geführt und - nicht für gut - verkauft . - » Du nimmst also doch die Besserung als etwas Mögliches an ? « - Warum nicht ? Wenn ich ihm einen mehrmals begangenen Fehler scharf verweise , so geschieht es nicht des begangenen wegen , denn der ist nun einmal gemacht ; aber da der Fall wieder kommen kann , warum sollt ' es nicht möglich seyn , daß mein Kappadox , indem er im Begriff ist dieselbe Sünde wieder zu begehen , sich meines Verweises und der angehängten Drohung erinnerte , und dadurch zurückgehalten würde ? Wo nicht , so wirkt vielleicht eine derbe Züchtigung , die ihm sein künftiger Herr geben läßt ; aber aus beiden Fällen geht weiter nichts hervor , als daß ein Mensch , der einer gewissen Versuchung heute nicht zu widerstehen vermochte , es mit Hülfe eines stärkern Beweggrundes ein andermal vielleicht vermögen wird . Belehrung , Warnung , Züchtigung , beziehen sich daher immer auf künftige Fälle , und sind , insofern , als mögliche Verbesserungsmittel nicht zu versäumen . Denn die Möglichkeit durch gehörige Mittel unter den erforderlichen Umständen besser werden zu können , ist unläugbar eine Eigenschaft der menschlichen Natur , wiewohl daraus nicht folgt , daß eben derselbe , der in einer gewissen äußern Lage und innern Stimmung etwas zu thun oder zu unterlassen vermag , auch bei veränderten Umständen Kraft genug haben werde , dasselbe zu thun oder nicht zu thun . - » Du rechnest also nichts auf die Kraft eines fest entschloss ' nen Willens ? « - Im Gegentheil , sehr viel . Aber ein Wille , der zu allen Zeiten jeder Versuchung , jeder Leidenschaft und jeder Gewohnheit siegreich zu widerstehen vermag , setzt eine große erhabene Natur voraus , und kann nicht das Antheil gewöhnlicher Menschen seyn . Von diesen zu fordern , was nach dem Zeugniß der Erfahrung nur in sehr seltnen Fällen von den außerordentlichsten Heroen der Menschheit geleistet worden ist , wäre unbillig und vergeblich . Wir bewundern alle Arten von Helden , aber niemand ist schuldig ein Held zu seyn , und hört er auf es zu seyn , wenn er ' s einst war , was können wir dazu sagen , als daß ihn seine Kraft verlassen habe ? Er ist in die Classe der gemeinen Menschen zurückgesunken , und verdient deßwegen keine Verachtung , wiewohl er , als er ein Held war , Bewundrung verdiente . - Du wirst mir einwenden , die Rede sey nicht von moralischen Heldenthaten , sondern von dem , wozu jeder Mensch verbunden ist , von der Pflicht gerecht und gut zu seyn ; und ich - werde wiederholen müssen was ich schon gesagt habe : die Vernunft fordert beides , aber nur von vernünftigen Wesen . Der bürgerliche Gesetzgeber scheint zwar diese Forderung ohne Unterschied an alle Glieder des Staats zu machen ; aber im Grunde rechnet er wenig auf ihre Vernunft ; er verlangt nur Gehorsam . Unbekümmert aus welcher Quelle dieser Gehorsam fließe , glaubt er genug gethan zu haben , indem er seine Untergebnen durch Strafen von Uebertretung der Gesetze abschreckt . Indessen zeigt der allgemeine Augenschein wie wenig dieß hinreicht , und Plato hat vollkommen Recht , wenn er behauptet , daß die Bürger eines Staats von Kindheit an durch zweckmäßige Veranstaltungen zur Tugend erzogen , d.i. mechanisch an ihre Ausübung gewöhnt werden müssen , und daß alle andern Mittel , wodurch man dem Gesetze Kraft zu geben vermeint , unzulänglich oder unvermögend sind . So lange diesem Mangel nicht abgeholfen ist , sind Strafgesetze zwar ein nothwendiges Uebel , aber immer ein Uebel , worüber der Weise den Kopf schüttelt und der Freund der Menschheit trauert . Aber wir haben es , bei Beantwortung der Fragen über Seyn und Sollen , nicht mit Bürgern , sondern mit Menschen zu thun , nicht mit einer dialektischen , geschweige Platonischen Idee der Menschheit , sondern mit den sämmtlichen einzelnen Wesen , welche unter dem allgemeinen Namen Mensch begriffen werden . Von diesen zu fordern , sie sollten anders seyn als sie sind , - wäre die Vernunft nur dann berechtigt , wenn sie unbillige Forderungen thun könnte . Aber die Vernunft will nichts als daß sie anders werden sollen , und auch dieß erwartet sie nur von solchen innern und äußern Veranstaltungen , wodurch die Verbesserung möglich wird : denn sie verlangt nicht ( mit dem Sprüchwort zu reden ) , daß das Böckchen im Hofe herum springe bevor die Ziege geworfen hat . Ich hätte noch mancherlei zu bemerken , wenn