am Kirchhofthore wartenden Wagen zu erreichen . Als er einsteigen wollte , blickte er noch einmal zurück . Es lagen in dem Erbbegräbnisse der Steinert ' s nahe am Eingange des Kirchhofes unter den beiden von Adam neu gepflanzten Linden - denn die uralten Bäume hatten die Russen niedergehauen - Steinert ' s Vater und Mutter und sein ganzes , ihm vorangegangenes Geschlecht in Frieden unter dem grünen Rasen beisammen . - Werden ich und mein Sohn auch hier ruhen , oder wo wird uns die Todesstunde schlagen ? fragte er sich unwillkürlich . Aber er sprach es nicht aus , und obschon die Seinigen ihn erriethen und Aller Augen sich feuchteten , hielten Alle sich still und aufrecht ; sie durften einander die Herzen nicht erweichen . Kommt denn der Herr Hauptmann nicht zurück ? fragte die Frau , als sie bemerkte , daß der Bursche , dem man des Hauptmanns Pferd zu halten gegeben hatte , es noch am Zügel führte , und es war eine Selbstüberwindung für sie , daß sie an etwas Anderes und an einen Andern dachte , als an ihren Mann und ihren Sohn und ihren Schmerz . Der Hauptmann wird uns nachkommen , laßt ihn gehen ! entgegnete Steinert , und sie fuhren von dannen , während der Mann , von dem sie gesprochen hatten , sich nach der anderen Seite des Kirchhofes wendete und mit ruhigem Schritte , die mächtige Gestalt hoch aufgerichtet , langsam über den Rasen herging . Jahr und Tag war er von Deutschland entfernt gewesen , und es hatte ihn nicht danach gelüstet , in das Vaterland zurückzukehren , so lange die Franzosenherrschaft im Lande noch mächtig gewesen war . Er hatte es auch nicht wagen dürfen , denn der Blutbann schwebte über ihm , seit er bei dem Uebergange über die russische Grenze den französischen Commissär erschossen hatte . Aber ihn dünkte , als läge dieses Ereigniß weit , sehr weit hinter ihm , denn er hatte viel erlebt in dieser Zeit und viel gelernt und viel gewirkt . In der Nähe der nach Rußland geflüchteten deutschen Vaterlandsfreunde und unter ihrer Leitung mitwirkend für die Beförderung ihrer Zwecke , hatte er in der vielbewegten Zeit die Gelegenheit wahrnehmen und benutzen können , seine und des Flies ' schen Hauses Capitalien im Handelsverkehre sich bewegen und wachsen zu machen , und während er selbst seinen Besitz vergrößerte , seine Anschauungen erweiterte , den Kreis seiner Bekanntschaften ausdehnte , hatte er unter des Hauptmanns von Werben Leitung , der , wie viele andere deutsche Offiziere , in russische Dienste getreten war , sich diejenigen militairischen Kenntnisse anzueignen gesucht , die ihn befähigen konnten , bei dem sich bietenden Anlasse für die Befreiung des deutschen Landes wirksam einzutreten . Mit den ersten Russen war er über die Grenze gekommen , und bei der großen , den Krieg vorbereitenden Thätigkeit , welche in der Hauptstadt Preußens sich fast noch unter den Augen der Franzosen zu regen begann und in welcher das Bestreben der gesammten Bürger mit dem selbstständigen Beschließen aller Behörden so einmüthig und ruhmwürdig zusammenfiel , daß sie endlich die zagende Unentschlossenheit des Königs mit sich auf dem Strome ihrer Begeisterung fortrissen , waren die unermüdliche Arbeitskraft und die schnelle Uebersicht eines geschäftskundigen Mannes recht an ihrem Platze gewesen . Wo man seiner bedurfte : bei den Ankäufen für die Ausrüstung , bei der Controle der eingehenden Beiträge , bei der Beschaffung der nöthigen Capitalien , überall war Paul zu uneigennütziger Hülfe bereit ; und als man schließlich daran ging , die Landwehr aufzubieten , war er wieder der Ersten Einer gewesen , die das bürgerliche Kleid mit dem Soldatenrocke , die Feder mit dem Degen vertauscht und das Kreuz an ihre Mütze geheftet hatten , um in dem ihm von den oberen Behörden angewiesenen Kreise im Verein mit Steinert , der zu den treuesten und eifrigsten Vaterlandsfreunden zählte , das Zusammentreten , die Ausrüstung , die erste Einübung und den Abmarsch der Freiwilligen bewerkstelligen zu helfen . Es war nicht Paul ' s Wahl gewesen , daß er eben in diesen Theil der Provinz gekommen war , an den sich keine erfreulichen Erinnerungen für ihn knüpften . Indeß er war es nicht gewohnt , seinen widerstrebenden Empfindungen nachzugeben , wo es eine Pflichterfüllung galt , und die Arbeit , welche auf ihm und Steinert lag , war so gewaltig , der Augenblick nahm die ganze Kraft der Menschen so sehr in Anspruch , jeder Morgen brachte so viel neue Anforderungen , stellte so viel neue Nothwendigkeiten heraus , denen rasch begegnet werden mußte , daß Paul während aller der Tage , die er unter Adam ' s Dach verweilte , nicht viel an sich selber denken konnte . Und doch wachte mit dem Klange der Namen Neudorf , Rothenfeld und Richten , doch wachte bei der Nennung des Freiherrn von Arten eine eigene Wehmuth in seinem vom Leben geprüften Herzen auf , gegen die er sich vergeblich sträubte . Es half ihm nicht , daß er sein Verlangen , die Stätten wiederzusehen , die sein Fuß als Kind betreten hatte , eine müßige Neugier schalt . Er wußte , daß keine Spur mehr vorhanden sei von dem Hause , in welchem er geboren worden war , in welchem er mit seiner Mutter gelebt hatte . Es rief ihn keines Menschen Liebe , keiner Eltern Zärtlichkeit , kein Bruder , kein Jugendgespiele nach der Heimath seiner Kindheit zurück . Er trug auch kein Verlangen , den stolzen Bau zu sehen , den sein Vater über der Stätte aufgerichtet hatte , auf welcher seiner armen Mutter das Herz gebrochen worden war ; aber es bewegte ihm doch die Seele , als er an dem schönen Frühlingstage an der Spitze der kleinen , kampfbereiten Schaar in Neudorf einritt , als er auf demselben Kirchhofe , der seiner Mutter Reste in sich schloß , zu dem ernsten Gange auf Leben und Tod die Weihe und den Segen über sich und seine Gefährten aussprechen