Ohr von einer Melodie nicht verlassen wird , ohne daß wir im Willen haben , sie zu singen ... Ein Beweis für die Unsterblichkeit der Seele das ! sagte sich Bonaventura . Ein Bild , eine Melodie bleibt gegen unsern Willen im Auge oder Ohre haften ! Warum hör ' ich nur immer noch den Gesang des Veni creator spiritus ? Warum seh ' ich nur noch immer das feierliche Wandeln der Procession um die neu zu weihende Kirche ? Nichts ruf ' ich davon ; alles kommt von selbst ! Die Seele hat ihr Eigenleben und ist von unserm Willen und Bewußtsein getrennt ! Sie ist unsterblich ! So saß er sinnend , träumend und sah auch seinen Abschied von St.-Wolfgang ... Die Abwickelung der pfarramtlichen Geschäfte war bald vorüber gewesen , der kleine Hausrath bald verpackt ; selbst den wichtigsten Bestandtheil desselben , die Bücher , übernahm Renate nach dem Orte der neuen Bestimmung , in das große » kaltgründige « Kapitelhaus zu überführen . Alle Welt sah Bonaventura mit Betrübniß scheiden . War er auch einer von denen , die dem Volke immer , auch bei Gruß und Handschlag , » hochdeutsch « erscheinen werden , so blieben ihm doch Liebe und Anerkennung nicht aus . Die Männer gaben ihm , als er zunächst nach Kocher am Fall zum Trösten des dortigen großen Leides abreiste , das Abschiedsgeleite und schieden zuerst ; eine Viertelmeile weiter folgten noch die Frauen ; dann eine fernere Viertelmeile die jungen Bursche und die Mädchen , die ihr Abschiedsgefühl mit Blumenspenden ausdrückten ; am weitesten folgten die Kinder , die ein Fähnlein trugen . Diesen schenkte er , beschienen vom Abendroth , abgestiegen von seinem Wägelchen , seinen letzten Vorrath von Heiligenbildern und entließ die kleine Ehrengarde , die ihm so ausdauernd gefolgt war und in der Glückseligkeit über die Bilder fast das Gebot der Mütter , ihm die Hände zu küssen , vergaß , mit seinem Segen fürs ganze Leben und auf Nimmerwiedersehen ... Einen Theil seines eigenen Lebens läßt ein Hirt so zurück , wenn er von seiner Heerde scheidet ... Dann fand er die Aufregungen in Kocher ! Die Ermordung der Schwester der Frau von Gülpen ! Den Onkel noch in besonderer Verzweiflung über die schnelle Erfüllung seiner Besorgnisse wegen so enger Kettung des Neffen an die Römlinge ! Da Bonaventura schon nicht mehr widersprach , traten um so schärfer die Worte des Dechanten hervor : Wir werden noch zu Derwischen werden ! Lies die Sprache unserer Kirchenzeitungen ! Vergleiche die Ausdrücke , die im Streite Menschen gebrauchen , die sonst nur um die Passionsblumenkrone der heiligen Muse ringen ! ... Beda Hunnius war gemeint . Dieser hatte Bonaventura ' s Besuch empfangen , verzehrt vom Neide auf die Ehren , die an ihm vorübergingen . Die von Schnuphase ihm in Aussicht gestellte Ernennung zum Ehren-Kanonikus war nicht eingetroffen . Wie hielt er dem Collegen die Theuerung der großen Stadt entgegen , die Mühen eines solchen Amtes , die Abhängigkeit von den Vorgesetzten , denen man zu nahe gerückt wäre ! Hunnius gab sich die Miene , als wäre der junge Domherr nur zu bemitleiden ... Und in der Dechanei selbst war noch keine neue » Nichte « angekommen und der Dechant verdrießlich über alles , über Gott und die Welt . Als Bonaventura von dem Obersten zurückkam , grämelte er gegen jeden . Ich muß auch den Obersten und Hedemann , sagte er , ernstlich auffordern , die Messe zu besuchen und die Beichte ! Warum kommen sie nicht wenigstens zu mir ! Wahrhaftig ! Ich mache es doch so leicht ! ... Glücklicherweise , setzte er hinzu , rüsten sich beide , unsere Gegend zu verlassen ... In der Erörterung auch über Armgart , ihre Flucht , über das Schicksal der armen Angelika , die nun irgendwo eine neue Stellung finden mußte , über den Proceß des Hammaker , dessen vorauszusehende Hinrichtung - brach der Dechant , als Windhack gerade einige neue Kupferstiche brachte , Ausgrabungen in Ninive darstellend , in die Worte aus : O ich hätte lieber vor zweitausend Jahren leben mögen ! Himmel , aber auch damals regierten schon die Römer ! Nun , dann wär ' ich ein Priester des Osiris gewesen , Windhack ein Sternseher auf den Pyramiden und unsere gute Frau von Gülpen da die schöne Kleopatra ! Nicht wahr , dann hätten wir alle drei die ganze römische Welt schon damals so ruinirt , daß sie nie wieder hätte auferstehen können ! Wenn dereinst und nur zu bald alles aus sein wird , alles , alles - wie gerne kröch ' ich da in den ungeheuern Cheops oder in eine von den großen Sphinxen und erwartete das Jüngste Gericht als Mumie ! Und Windhack und die Tante legten sich auch als - Mumien neben mich ! Bitte , warum denn nicht ? Hunnius müßte zu unserer Einbalsamirung das Räucherwerk liefern ; alle Spezereien , alle Myrrhen , Aloes , alles , was in seiner Dichterapotheke an wohlriechenden Kräutern geführt wird ! Das gäbe eine Genugthuung , wenn am Jüngsten Tage alles verfallen und Staub geworden ist und wir drei nur kröchen aus unsern Cocons heraus , lachend wie die Kobolde , roth und frisch geschminkt , so wohlbehalten , ja hungerig , als wären wir gestern erst bei Major Schulzendorf zu Thee und Abendbrot gewesen ! Alle diese Bilder zogen an Bonaventura vorüber , blitzschnell , auch Lucinde und Sebastus mischten sich beängstigend ein - sogar ein Schnuphase - der menschliche Geist ist ein Vorrathshaus , zu dem der Wille nicht den Schlüssel führt - und doch sollte des Priesters innere Betrachtung und Sammlung der Beichte selbst gelten . Seine Furcht war : Wirst du auch durch die einfachen Lebensvorgänge des Landvolks die Uebung gewonnen haben , dich in die Bekenntnisse dieser Großstädter zu versetzen ? Seine Hoffnung war : Vielleicht nehmen die Städter kaum so vielen Anstoß an den harmlosesten Dingen wie die Landbewohner ! ... Bonaventura war vielleicht