nicht . Sei offenherzig gegen uns ; dir ist sonst etwas Unangenehmes begegnet . Gewiß , du bist ja ganz außer dir ; sei ruhig , setze dich nieder und theile uns mit , was dich quält . Du lieber Gott , wir sind ja von der Natur angewiesen , uns gegenseitig zu vertrauen und zu trösten . « » Ja , ja , « sprach seufzend der Doktor . Dann machte er die Hände der Schwester sanft von seinem Halse los und führte sie zu dem Sopha , wo sie sich niederließ und ihr Taschentuch vor das Gesicht drückte . Dabei entfiel ihrer Hand ein weißes Papier , welches auf den Boden niederflatterte . Arthur blickte darauf hin , und unwillkürlich kam ihm das Gespräch in den Sinn , welches die beiden Weiber auf der Treppe zusammen geführt . Er bückte sich , um das Papier aufzuheben , doch als er sah , daß Marianne ebenfalls die Hand darnach ausstreckte , zog er sich discret zurück . » Nehm ' es nur , « sagte hierauf die junge Frau ; » ich will gewiß vor euch keine Geheimnisse haben . Sieh die Aufschrift und betrachte sie genau ; auch du , Eduard . - Wer hat das geschrieben ? « Ueber Arthur ' s Züge flog ein eigenthümliches Lächeln , als er das Papier einen Augenblick betrachtet und die Adresse gelesen hatte ; doch reichte er es stillschweigend seinem Bruder , der augenblicklich ausrief : » Ah ! das hat Alfons geschrieben ; das ist die schöne , feste und sehr leserliche Schrift deines Mannes . « » Sie ist es , « rief Marianne empört . » Lies laut , was er schreibt . « » Fräulein Marie U. Adresse Frau Wittwe Becker , am Kanal Nro . 20 hier , « las Eduard mit großer Gewissenhaftigkeit laut und deutlich . » Und wißt ihr auch , wer das ist : Fräulein Marie U. ? « » Nein , « sagte der Doktor ; wogegen Arthur stillschwieg . » O , man soll mich nicht betrügen ; hier ist das neue Adreßbuch ; ich habe den Namen sogleich nachgeschlagen - seht ihr , da steht ' s. U. - Schreiner U. - Kaufmann U. - Metzger U. - Marie U. , Ballettänzerin . - Eine Tänzerin ! Schändlich ! schändlich ! eine Tänzerin ! « Der Doktor schielte aus seinen Augenwinkeln bedeutsam nach Arthur hin , zuckte alsdann mit den Achseln und dachte : so ein Adreßbuch ist doch eigentlich eine gefährliche Erfindung . Dann sagte er : » Nun ja , aber was soll das bedeuten ? « » Was das bedeuten soll ? « rief heftig die junge Frau , - sie war aus dem Stadium der Wehmuth in das des Zornes übergegangen , und zerknitterte zitternd ihr Taschentuch in der Hand , - » ich will es euch sagen , ich , eine betrogene , vernachlässigte Frau , ich , die er beständig hofmeisterte , ich , die nichts von ihm hörte , als was der Anstand erheische , was die Schicklichkeit verlange , - ich , die in den lebenden Bildern nicht mitwirken sollte , weil das nicht passend sei , ich , die beständig gehütet wurde , wie ein kleines Kind , ich , die auf dem Balle mit einem Freund unseres Hauses nicht dreimal tanzen durfte , ich ! - ich ! - ich ! von der man seinen Reden nach hätte glauben können , ich trachte darnach , ein freies Leben zu führen , ja , eine leichtsinnige Frau zu sein , - ich - ich « - hier holte sie nach dem gewaltigen Zorneserguß tief Athem und fuhr dann schluchzend fort : - » ja , ich will es euch sagen : am Weihnachtsabend kaufte er Handschuhe . « - » Das ist wahr , « bemerkte der Doktor , » ich war dabei . « » Du warst dabei ? « fragte Marianne mißtrauisch . » Nun ja , wir trafen uns zufällig im Laden ; ich kaufte Einiges für meine Frau , und er , glaube ich , sprach von Handschuhen , die er gekauft für - « » Für wen ? « rief heftig die junge Frau . » Nun , für dich , « entgegnete ruhig der Doktor ; » so sagte er wenigstens . « » Ah ! für mich ! « lachte Marianne krampfhaft hinaus . » Der Verräther ! - Er kam also an jenem Abend nach Haus , die Taschen voll ; ich ließ ihn natürlicher Weise auf seinem Zimmer machen , was er wollte , als ich aber zufällig an der Thüre vorbei ging , siegelte er ein Packetchen , welches in dieses Papier gepackt war . - Handschuhe für die Tänzerin Fräulein Marie U. - Oh ! das ist himmelschreiend ! - Für eine Tänzerin ! « » Nun , ob es eine Tänzerin war oder sonst Jemand , « meinte begütigend der Doktor , » das ist am Ende gleichviel ; das Faktum ist es , woran wir uns halten wollen . « » Und ich werde mich daran halten ! « rief Marianne empört . » Jetzt gleich gehe ich zur Mama und sage ihr die ganze saubere Geschichte . « » Das wäre sehr unklug von dir , « sprach Arthur . » Ueberhaupt was willst du ? « » Einen Heuchler entlarven . « » Zugestanden ; aber das gelingt dir nicht durch Uebereilung ; da mußt du der Sache genau auf den Grund gehen . « » Aber wie kann ich das , eine arme , wehrlose Frau ? « » Du nicht , aber wir ; ich werde mich deiner Sache annehmen und schon dahinter kommen . « » Ah ! so eine Tänzerin ! « » Ach ! laß die armen Tänzerinnen aus dem Spiel , « entgegnete Arthur mit ernster Stimme ; » wer weiß , ob das Mädchen den Herrn Alfons