Wohnsitze und Landgüter wechselsweise ausrauben und verwüsten , die eroberten Städte schwächerer Völker nicht dem Erdboden gleich machen , die Ueberwundnen nicht mit kaltem Blute morden , oder auf öffentlichem Markt als Sklaven verkaufen , u.s.w. Wer erkühnt sich zu läugnen , daß dieß alles nicht seyn sollte ? Und gleichwohl ist es . - Leider ! Aber wie könnt ' es anders seyn ? Das Bedürfniß unsre Gedanken an Worte zu heften , und die unvermeidliche Unschicklichkeit , mit diesen Worten allgemeine Begriffe bezeichnen zu müssen , deren Allgemeinheit ihren Grund nicht in der Natur der Dinge , sondern bloß in unsrer verworrenen und unvollständigen Ansicht derselben , und in den Trugschlüssen haben , die wir aus diesen täuschenden Anschauungen ziehen , - diese Quellen beinahe aller der Irrthümer , Halbwahrheiten und Mißverständnisse , die so viel Unheil unter den Menschen anrichten - sind auch hier die Ursache eines Trugschlusses , an dessen Richtigkeit gleichwohl die Meisten so wenig zweifeln , daß ich Gefahr laufe des Verbrechens der beleidigten Menschheit angeklagt zu werden , wenn ich mich erkühne ihn anzufechten . Indessen , der erste Wurf ist nun einmal geschehen , und ich werde schon auf meine Gefahr fort spielen müssen . Daß der Tiger blutdürstig , der Affe hämisch , die Otter giftig ist , daß der Wolf Lämmer stiehlt und der Iltiß die Tauben erwürgt um ihre Eier auszuschlürfen , wer wundert sich darüber ? Es ist ihre Natur , sagt man , und wie lästig sie uns auch dadurch werden , fordert doch niemand , daß sie anders seyn sollten als sie sind . Diejenigen , welche behaupten , daß die Menschen weiser und besser seyn sollten , als sie sind , nehmen als Thatsache an , » daß sie dermalen , im Ganzen genommen , eine thörichte und verkehrte Art von Thieren sind ; « Plato trägt sogar kein Bedenken zu behaupten , es gebe kein Volk in der Welt , dessen Verfassung , Lebensweise , Sitten und Gewohnheiten nicht durch und durch verdorben wären . - » Aber es sollte und könnte anders seyn , sagt man . « - Allerdings könnte und würde es anders seyn , wenn die Menschen vernünftige Wesen wären . - Wie ? sind sie es etwa nicht ? Wer kann daran zweifeln ? - Ich ! - Wenn sie es wären , so würden sie anders , nämlich gerade das seyn , was vernünftige Wesen , ihrer Natur zufolge , seyn sollen . Aber diese sehr ungleichartigen einzelnen Erdenbewohner , die ihr , weil sie auch zweibeinig und ohne Federn sind und den Kopf aufrecht tragen wie die eigentlichen Menschen , mit diesen zu vermengen und unter dem gemeinschaftlichen Namen Mensch zusammen zu werfen beliebt , sind nun einmal größtentheils ( wie ihre ganze Weise zu seyn und zu handeln augenscheinlich darlegt ) alles andre was ihr wollt , nur keine vernünftigen Wesen . Das äußerste , was ich , ohne mich an der Wahrheit zu versündigen , thun kann , ist , ihnen eine Art von vernunftähnlichem Instinct zuzugestehen , mit etwas mehr Kunstfähigkeit , Bildsamkeit und Anlage zum Reden , als man an den übrigen Thieren wahrnimmt ; Vorzüge , wodurch sie einer zwar langsamen , aber doch fortschreitenden Vervollkommnung fähig sind , deren Gränzen sich schwerlich bestimmen lassen . Dieß gibt einige Hoffnung für die Zukunft . Binnen etlichen hundert Metonischen Cyklen 38 mögen sie , nach zehntausendmaliger Wiederholung der nämlichen Mißgriffe und Albernheiten , durch die immer gleichen Folgen derselben endlich gewitziget , einige Schritte vorwärts gemacht haben , und wenn sie dereinst völlig zur Vernunft gereift sind , zuletzt so verständig und gut werden , als sie eurer Meinung nach bereits seyn sollten ; was doch unter allen Bedingungen ihrer dermaligen Existenz und auf der Stufe von Cultur , worauf sie stehen , keine Möglichkeit ist . Ihr vergeßt nämlich , daß von allem , was wir uns , unter einem abgezogenen unbestimmten Begriff , als möglich vorstellen , keines eher in die wirkliche Welt eintreten kann , bis die Ursachen und Bedingungen seiner Möglichkeit in derselben vollständig zusammentreffen . Ihr vergeßt , daß das , was itzt ist , aus dem , was zuvor war , hervorgehen muß , und daß Jahrtausende nöthig waren , bis an jenen Tigermenschen , Wolf- und Luchsmenschen , Pferde-Stier- und Eselmenschen u.s.w. , welche , als die wahren ursprünglichen Autochthonen , vor undenklichen Zeiten den noch rohen Erdboden inne hatten , das Menschliche so viel Uebergewicht über die ungeschlachte Thierheit bekam , daß es einem Hermes , Cekrops , Phoroneus , Orpheus , den Kureten , Telchinen , Idäischen Daktylen und ihresgleichen möglich war , sie in eine Art von bürgerlicher Gesellschaft zu vereinigen , sie an einige Ordnung und Sittlichkeit zu gewöhnen , und in den ersten Anfängen der Künste , die das Leben menschlicher machen , zu unterrichten . Wer sich die Mühe nehmen mag , den unendlichen Hindernissen und Schwierigkeiten nachzudenken , welche die Vernunft noch itzt , da die sogenannten Menschen sich aus ihrer ursprünglichen Rohheit und Verwilderung schon so lange herausgearbeitet haben , in ihren Wahnbegriffen und Leidenschaften , in ihrer Geistesträgheit , Sinnlichkeit und thierischen Selbstigkeit zu bekämpfen hat , der wird sich nicht wundern , daß es mit ihrer Veredlung so langsam hergeht , und wird nicht schon von der harten und herben grünen Frucht die Weichheit und Süßigkeit der zeitigen verlangen . Nun wohl , höre ich sagen , wenn dieß auch von der größten Mehrheit der Menschen in Eine Masse zusammengeworfen gelten könnte , bleibt darum weniger wahr , daß dieser und jener , oder vielmehr daß jeder einzelne Mensch besser seyn könnte , folglich seyn sollte , als er ist ? - Mich dünkt hier ist viel auseinanderzusetzen . Wenn ich z.B. meinen Sklaven Kappadox aus dem ganzen Zusammenhang seiner äußern Umstände und aus sich selbst gleichsam heraushebe , so scheint es allerdings , daß er verständiger , besonnener , geschickter , fleißiger und bei Gelegenheit