ihm , daß die sämmtlichen vier Chorschüler nach der Kreisstadt zu gehen dächten , um in die Landwehr einzutreten , daß er sie übermorgen , da die Kirche voll Kranker liege , zu diesem Schritte in seiner Wohnung vorzubereiten und einzusegnen wünsche , und daß er den Freiherrn anfrage , ob es ihm möglich sei , den jungen Leuten das Geld zu ihrer Ausrüstung zu geben , widrigenfalls er ihn ersuche , ihm einen Theil seines rückständigen Gehaltes auszahlen zu lassen , damit er , so viel an ihm sei , für die Bewaffnung seiner bisherigen Zöglinge sorge . Er meldete zugleich , daß aus allen drei Dörfern eine Anzahl von Arbeitern und von Bauernsöhnen sich dem Könige stellen , daß sie unter Adam Steinert ' s Führung , der gleichfalls in das Feld ziehe , sich auf den Weg machen würden , und daß der Pastor in Neudorf deßhalb auch eine religiöse Vorbereitung und Einsegnung auf dem Kirchhofe veranstalten werde . Der Freiherr brauchte eine Weile Zeit , sich zu fassen . Die Welt wurde ihm fremd . Die Worte : Volkserhebung , Volkskrieg , Volkswille , die ihm von Frankreich her oft genug aus der Ferne entgegengeklungen , wurden von dem ältesten Genossen seines Lebens anerkennend gebraucht , wurden jetzt unter seinen Augen , wenn auch in veränderter Gestalt , zu einer Wahrheit , und sie erschreckten ihn . Er sah um sich her ein Geschlecht , eine Zeit , eine Welt erstehen , in welcher er besorgen mußte , seine bevorzugte Stellung nicht mehr aufrecht erhalten zu können , und ein Traum , den er einst gehabt , kam ihm plötzlich in die Erinnerung zurück . Er hatte einmal geträumt , daß er an einem Sommertage schlafend in einem Saatfelde gelegen , und die Saat war gewachsen und in Aehren geschossen und die Halme waren hoch und immer höher geworden , bis sie über ihm zusammenschlugen wie ein wallendes Meer , aus dem er sich mit Herzensangst zu erretten strebte und das ihn endlich doch in seinen Wellen begrub . Jetzt schoß eine solche Saat empor und ihre Halme schlugen über ihm zusammen . Er fühlte sich vereinsamt und gebeugt , aber er durfte dem Freunde nicht verweigern , was dieser mit Recht begehren konnte , und er mußte sich mit Widerstreben eingestehen , daß er diese Volkserhebung , der er sich im tiefsten Innern abgeneigt fühlte , daß er diesem Kriegsunternehmen , welches er als ein unglückliches und hoffnungsloses ansah , seinen Beistand leihen , daß er sich dem allgemeinen Wollen , der allgemeinen Stimmung und Meinung unterordnen und zur Ausrüstung der Freiwilligen wider seinen Willen seinen Beitrag zahlen müsse , wenn er nicht dazu gezwungen werden , wenn er nicht auf die Achtung fast aller seiner Standesgenossen und Freunde verzichten wolle . Er hatte wenig baares Geld im Vorrathe , und es war überall nicht leicht , in diesem Augenblicke Geld herbeizuschaffen . Nachdenklich stand er vor dem Schranke , in welchem er die Werthgegenstände des Hauses aufbewahrte . Er sah die Schmuckkästchen an , welche den Frauen des Geschlechtes von Arten angehört hatten , und nahm dasjenige in die Hand , das einst zur Hochzeit für die Gräfin Angelika angefertigt worden war . Ohne recht zu wissen , was er damit wollte , öffnete er es . Der ganze , prächtige Schmuck lag noch darin , er sah ihn wohlgefällig an , die Brillanten funkelten im Sonnenlichte . Sie sprachen zu ihm von fernen Tagen . Es war ihm zu Muthe wie einem Gläubigen vor einem Heiligenschreine , und doch überkam ihn eine Art von Unruhe , von Angst vor seinem Denken und vor seinem Wollen . Er hielt den Kasten gegen das Fenster , um der Schönheit des Schmuckes recht inne zu werden . Es fehlt kein Stein ! sagte er , und das Etui vorsichtig verschließend , setzte er es an die gewohnte Stelle zurück und ging , Vittoria aufzusuchen . Er mochte nicht mit sich allein sein , er war auch nicht in der Verfassung , jetzt dem Caplan die Antwort zukommen zu lassen . Vittoria war nicht in ihrem Zimmer . Der warme Sonnenschein hatte sie mit ihrem Knaben in das Freie hinausgelockt . Die Wärterin meinte , die Frau Baronin müsse bald wiederkehren , da die Mittagszeit Valerio ' s nahe sei . Der Freiherr schickte sie fort , ihre Herrin und das Kind zu holen , und setzte sich auf das Sopha nieder . Es war Vittoria ' s gewöhnlicher Platz . Er wußte nicht recht , was er dachte , aber es lag eine tiefe Traurigkeit über seiner Seele . Er wünschte , Vittoria zu sehen , er wollte sie bitten , ihm etwas vorzusingen , er hatte Lust , den Knaben bei sich zu haben - und sie blieben aus . Freilich hatte die Wärterin sie erst suchen zu gehen , und sie wußte nicht , nach welcher Seite sie gegangen waren , indeß das Warten machte ihn doch ungeduldig . Er griff nach einem Buche , das auf dem kleinen Lackschränkchen zur Seite des Sopha ' s lag . Vittoria hatte ihre Briefschaften und mancherlei Andenken in diesem Schränkchen aufbewahrt ; sie hing an diesem kleinen Besitze mit großer Liebe ; es durfte Niemand daran rühren , sie trug den kleinen Schlüssel stets an einem Kettchen auf der Brust . Heute jedoch hatte sie ihn wider alle ihre Gewohnheit stecken lassen ; der Entschluß , auszugehen , mochte ihr wohl plötzlich gekommen sein , und sie mußte in ihrer Lebhaftigkeit des Schlüssels vergessen haben . Der Freiherr , in müßigem Warten , wollte statt ihrer das Schränkchen zuschließen , indeß es widerstand etwas darin . Er öffnete die Thüre , einige Blätter Papier waren aus dem oberen Fache herabgeglitten . Als er sie auf die Seite schieben wollte , fiel ihm eine goldene Kapsel auf , die er nie bei Vittoria gesehen hatte . Arglos nahm er sie zur Hand , und blieb regungslos vor