das Aeußerste bot . „ In die Trennung , ja ! “ erwiderte sie fest . „ Ich bist ja machtlos dagegen . Aber nicht in Deine Rückkehr , Reinhold . Wenn Du jetzt gehst , mit ihr gehst , trotz meiner Bitte , trotz unseres Kindes , so thue es – aber dann gehe auch für immer ! “ „ Willst Du mir Bedingungen stellen ? “ rief Reinhold auflodernd . „ Habe ich es nicht jahrelang getragen , dieses Joch , das die sogenannten Wohlthaten Deines Vaters mir aufzwangen , das meine Kindheit verbittert , meine Jugend vernichtet hat und mich jetzt an der Schwelle des Mannesalters zwingt , mir das erst in endlosen Kämpfen zu erobern , was ein Jeder als sein natürliches Recht beansprucht , die freie Selbstbestimmung ? Ihr habt mich losgelöst von Allem , was Anderen Freiheit und Glück heißt , habt mich festgekettet an eine verhaßte Lebenssphäre mit allen nur möglichen Banden und glaubtet nun Eures Eigenthums sicher zu sein . Aber endlich ist doch für mich die Stunde gekommen , wo es beginnt , zu tagen , und wenn es dann auf einmal wie ein Blitz in die Seele niederschlägt und in flammender Klarheit das Ziel zeigt und den Preis am Ziele , dann erwacht man aus dem jahrelangen dumpfen Traume und findet sich – in Fesseln . “ Es war ein Ausbruch der wildesten Leidenschaftlichkeit , des glühendsten Hasses , der schrankenlos hervorbrach , ohne danach zu fragen , ob er sich über Schuldige oder Unschuldige ergoß . Das ist ja eben das furchtbar Dämonische der Leidenschaft , daß sie den Haß gegen Alles kehrt , was sich ihr entgegenstellt , und träfe dieser Haß auch die nächsten und heiligsten , träfe er auch die selbstgeknüpften Bande . Es folgte eine lange , todtenstille Pause . Reinhold hatte sich , überwältigt von der Aufregung , in einen Sessel geworfen und die Hand über die Augen gelegt . Ella stand noch an demselben Platze wie vorhin ; sie sprach nicht , regte sich nicht ; selbst das Beben , das so oft während der Unterredung sie durchzitterte , hatte aufgehört . So vergingen mehrere Minuten , da endlich näherte sie sich langsam ihrem Gatten . „ Das Kind läßt Du mir doch wohl ? “ sagte sie mit zuckender Lippe . „ Dir würde es nur eine – Last sein in Deinem neuen Leben , und ich habe ja sonst nichts weiter auf der Welt . “ Reinhold sah auf und sprang dann plötzlich empor . Es waren nicht die Worte , die ihn so seltsam erschütterten , auch nicht die todtenstarre Ruhe ihres Gesichtes ; es war der Blick , der sich auch ihm jetzt so unerwartet und überraschend entschleierte , wie einst seinem Bruder . Zum ersten Male sah auch er in dem Antlitze seiner Gattin die „ schönen blauen Märchenaugen “ , die er so oft an seinem Knaben bewundert , ohne je danach zu fragen , woher sie stammten , und diese Augen waren jetzt groß und voll auf ihn gerichtet . Es stand keine Thräne darin , auch keine Bitte mehr , aber ein Ausdruck , dessen er Ella nie für fähig gehalten , ein Ausdruck , vor dem sein Auge zu Boden sank . „ Ella , “ sagte er ungewiß . „ Wenn ich zu heftig war – was hast Du , Ella ? “ Er wollte ihre Hand ergreifen ; sie wich zurück . „ Nichts . Wann gedenkst Du zu reisen ? “ „ Ich weiß nicht , “ antwortete Reinhold immer mehr betreten . „ In einigen Tagen – oder Wochen – es eilt nicht . “ „ Ich werde die Eltern benachrichtigen . Gute Nacht ! “ Sie wandte sich , um zu gehen . Er that ihr heftig einen Schritt nach , als wolle er sie zurückhalten . Ella blieb . „ Du hast mich mißverstanden . “ Die junge Frau richtete sich hoch und fest auf . Sie schien auf einmal eine Andere geworden zu sein ; diesen Ton und diese Haltung hatte Ella Almbach nie gekannt . „ Die ‚ Fessel ‘ soll Dich nicht länger drücken , Reinhold . Du wirst ungehindert Dein Ziel erreichen und Deinen – Preis . Gute Nacht ! “ Sie öffnete rasch die Thür und trat hinaus . Das Mondlicht fiel hell auf die schlanke Gestalt ist dem dunklen Kleide , auf das starre blasse Antlitz und die blonden Flechten . Im nächsten Augenblicke schon war sie verschwunden . Reinhold stand allein . „ Das ist jetzt ein Elend hier im Hause ! “ sagte der alte Buchhalter im Comptoir , indem er die Feder hinter das Ohr steckte und das Rechnungsbuch zuklappte . „ Der junge Herr seit drei Tagen fort , ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben , ohne nach Frau und Kind zu fragen – der Herr Capitain setzt den Fuß nicht mehr [ 446 ] über die Schwelle – der Principal geht in einer Wuth herum , daß man es kaum wagt , ihm nahe zu kommen , und die junge Frau Almbach sieht aus , daß Einem das Herz in der Brust weh thut , wenn man sie nur anschaut . Weiß der Himmel , was aus dieser unglückseligen Geschichte noch werden wird ! “ „ Aber wie ist denn der Bruch nur so plötzlich gekommen ? “ fragte der erste Commis , der gleichfalls – es war der Schluß der Comptoirstunde – seine Schreibereien bei Seite legte und sein Pult verschloß . Der Buchhalter zuckte die Achseln . „ Plötzlich ? Ich glaube kaum , daß er Einem von uns unerwartet kam . Das hat ja wochen- und monatelang gewühlt in der Familie ; es fehlte nur noch der Funke in all dem Zündstoffe , und der ist schließlich auch gekommen . Frau Almbach brachte aus einer Damengesellschaft die Neuigkeit mit nach Hause und so erfuhr denn auch ihr Mann , was bereits die halbe