war am wenigsten geschaffen , sich solchen Eindrücken zu entziehen . Sie gab sich ihnen mit voller Seele hin , während sie , ganz erfüllt von Freude und Erwartung , an der Seite ihres Vormundes dahinschritt . Sie hatte ihm gegenüber schnell genug die frühere Unbefangenheit wiedergefunden . Jene seltsame Stunde am Nixenbrunnen war längst vergessen , ebenso wie der flüchtige Ernst , den sie wachgerufen . Das war wie ein Traum an ihr vorübergegangen und schnell und spurlos wie ein Traum auch wieder verschwunden . Auf diesem sonnenhellen Grunde haftete nun einmal nichts , was einen Schatten ähnlich sah . Gabriele empfand es allerdings , daß der Freiherr seit jenem Tage eine ganz ungewohnte Güte und Nachgiebigkeit gegen sie zeigte , hatte er doch den heutigen Ball nur beschlossen , um , wie er sagte , gewissen tanzlustigen Füßchen Gelegenheit zu geben , sich endlich einmal müde zu tanzen . Das [ 240 ] war unerhört bei ihm , der alle Festlichkeiten nur als lästige Etiquettenpflichten betrachtete , aber die junge Dame war es so gewohnt , von den Eltern und der Umgebung verzogen zu werden , daß ihr das alles nicht besonders auffiel . Sie nahm die Güte ihres Vormundes hin , wie sie früher seine Strenge hingenommen hatte , mit dem Uebermuthe und der Launenhaftigkeit eines Kindes , und heute drängte nun vollends der Gedanke an das kommende Fest alles Uebrige bei ihr in den Hintergrund . Sie sprühte von allerlei neckischen Einfällen , und ihr helles Lachen klang immer wieder von Neuem durch die feierliche Stille der Prachträume . Raven war ernst und schweigsam wie gewöhnlich , aber er hörte mit offenbarem Vergnügen dem Geplauder zu , und dabei haftete sein Blick wie selbstvergessen auf dem jungen Wesen , das so rosig blühend an seinem Arme hing und mit den leuchtenden , glückstrahlenden Augen zu ihm aufblickte . Gabriele hatte nie reizender ausgesehen , als an diesem Abende , in dem duftigen weißen Ballanzuge , durch den sich hier und da blühende Gewinde schlangen , und mit dem vollen Blüthenkranze in den blonden Haaren ; ihre ganze Erscheinung war von einem so bestrickenden Zauber , von einer so thaufrischen Anmuth , als sei eine der lustigen , neckischen Elfengestalten der Sage lebendig geworden . In dem Lichtmeer , das heute durch die Säle floß , war sie das Hellste und Lichteste von Allem . Sie hatten ihren Rundgang beendet und betraten jetzt den großen Empfangssalon , der mit den Portraits verschiedener historischer und fürstlicher Persönlichkeiten geschmückt war . Der blendende Glanz der Kronleuchter floß nieder auf die prachtvollen , aber noch völlig öden Räume , die trotz des festlichen Schmuckes in ihrer Leere und Stille einen beinahe unheimlichen Eindruck machten . Man vernahm nichts , als den Schritt des Freiherrn und das Rauschen des Kleides seiner Begleiterin . „ Wir sind wirklich wie in einem verzauberten Schlosse , “ sagte Gabriele muthwillig . „ Die einzigen lebenden Wesen in all der todten Pracht ringsum . Ich habe nicht geglaubt , daß Dir so viel Glanz zu Gebote stände , Onkel Arno ; es muß doch schön sein , sich als Herr darüber zu fühlen . “ Der Freiherr sandte einen prüfenden , aber sehr gleichgültigen Blick durch die Gemächer , als er antwortete : „ Du findest das wohl sehr beneidenswert ? Ich habe von jeher auf diese Seite meiner Stellung wenig Gewicht gelegt . “ „ Auch auf diese nicht ? “ Gabriele deutete auf das Ordensband . Es war einer der höchsten Orden des Landes , den der Freiherr trug , eine Auszeichnung , wie sie nur in den seltensten Fällen gewährt wurde . „ Auch darauf nicht , “ sagte Raven ruhig , „ obwohl ich beides nicht entbehren möchte . Der äußere Glanz ist nun einmal unzertrennlich von jeder Machtsphäre ; den meisten Menschen verkörpert sie sich ja nur in solchen Aeußerlichkeiten ; also muß man ihnen Rechnung tragen . Ich habe das von jeher gethan , aber mein Streben selbst ging nach anderen Zielen . “ „ Die Du doch auch erreicht hast , wie Alles im Leben . “ Der Freiherr schwieg einige Secunden lang . Es war ein rätselhafter Ausdruck , mit dem sein Auge aus dem Antlitze des jungen Mädchens ruhte , als er endlich entgegnete : „ Ich habe Viel erreicht . Alles – nein ! “ „ Willst Du noch höher hinaus ? “ fragte Gabriele mit naiver Verwunderung . Er lächelte . „ Nein , diesmal möchte ich um zwanzig Jahre rückwärts schreiten . “ „ Und weshalb denn ? “ „ Um wieder jung zu sein . Ich habe es in der letzten Zeit oft genug empfunden , daß ich – alt geworden bin . “ Die junge Baroneß deutete neckend auf den großen Wandspiegel , der sich ihnen gerade gegenüber befand . „ Sieh dorthin , Onkel Arno , und dann sage es noch einmal , daß Du alt bist ! “ Raven folgte der Richtung ihrer Hand . Das helle Glas warf in voller Klarheit sein Bild zurück , die hohe , gebietende Gestalt in reifster Manneskraft . Er musterte es mit einem Gemisch von Befriedigung und leiser Unruhe . „ Und doch stehe ich bereits an der Schwelle der Fünfzig , “ sagte er langsam . „ Weißt Du das , Gabriele ? “ „ Gewiß ! Aber weshalb legst Du einen solchen Nachdruck darauf ? Du fühlst doch sicher noch nicht einen einzigen der Vorboten des Alters . “ „ Eben deshalb komme ich bisweilen in Versuchung , es zu vergessen , und das kann unter Umständen gefährlich werden . Du solltest mich am wenigsten dazu ermuthigen . “ Raven brach plötzlich ab , als er den fragenden Blick des jungen Mädchens gewahrte , das die Aeußerung offenbar nicht verstand . Er wandte sich weg von dem Spiegel und fuhr in leichterem Tone fort : „ Es gefällt Dir also bei mir im Schlosse ? “ „ Wenn Alles so