oben konnten ihm wenig helfen , sie hielten nur das Seil , das ihn im äußersten Falle vor dem Sturz bewahren sollte , leiten und tragen konnte es ihn nicht , denn der Horst lag nicht unmittelbar an der Wand , sondern seitwärts , in dem Felsenmeere , das sich unter dem höchsten Grat hinzog . Nur einige zwanzig Fuß war Adrian herabgelassen worden , bis zu einem schmalen Vorsprung , der ihm gerade Raum zum Stehen gewährte . Hier begannen die Klüfte , von hier aus mußte er sich seinen Weg allein suchen , und welchen Weg ! Bei jedem Schritte galt es , erst eine Todesgefahr zu überwinden , bei jeder Bewegung gähnte ihn der Abgrund an , und trotzdem ging er vorwärts , mitten durch Felsgeröll und Felsgestrüpp über breite Spalten und Risse hinweg , an steilen Wänden entlang , wo der Fuß kaum eine Hand breit Raum fand , immer vorwärts , dem Ziele entgegen . Und das Glück schien in der Tat den Tollkühnen zu begleiten . Kein Stein wich unter seinen Füßen , kein Stützpunkt versagte ihm den Dienst . Je näher er dem Horste kam , desto mehr wuchs die Gefahr , die wie mit tausend Armen nach ihm griff , aber sie vermochte nicht , ihn zu erreichen . Kalt und vorsichtig prüfte er jeden Tritt , berechnete er jede Entfernung , der Mann schien in der Tat Sehnen und Muskeln von Stahl zu haben und einen stählernen Sinn , der die Gefahr verlachte . Endlich war der Horst erreicht , mit einer letzten , kraftvollen Anstrengung gewann Adrian den Fels , auf dem sich das Nest befand , nur wenige Schritte unter ihm , so daß er es mit der Hand erreichen konnte , und hier , auf dem verhältnismäßig breiteren Raume , wo das Gestein ihm überall Stützpunkte gewährte , war er vorläufig in Sicherheit . Siegbert und Alexandrine waren mit angstvoller Spannung jeder Bewegung gefolgt , jetzt atmeten beide auf , obgleich das Wagnis erst zur Hälfte vollbracht war . Es galt ja noch einmal denselben Weg zurückzulegen , und auf diesem Rückwege war die Gefahr nicht geringer . Adrian verlor indessen keine Zeit , kaum daß er sich eine Minute des Aufatmens und Ausruhens gönnte . Er lehnte sich fest an eine der Zacken , die ihm Halt gewährte , die Knie gegen den Boden gestemmt , beugte er sich nieder und streckte die Hand nach dem jungen Adler aus , der sich in der Tat im Neste befand , und schutzlos dem Räuber preisgegeben war . Da stieß etwas herab aus der Höhe , mit der Schnelligkeit eines jäh herniederfahrenden Blitzes . Der Stoß traf Adrian mit voller Gewalt und hätte ihn in die Tiefe geschleudert , ohne jene Zacke , an der er sich hielt . Der Adler war zurückgekehrt und eilte seinem bedrohten Jungen zu Hilfe . Auf dem schmalen Raum , über der schwindelnden Tiefe entspann sich jetzt ein wilder , verzweifelter Kampf zwischen dem riesigen Manne und dem riesigen Tiere . Das Tier kämpfte mit dem Instinkt der Mutterliebe um die Rettung seines Jungen , der Mann kämpfte nur noch um sein Leben . Wenn Adrian auch eine Waffe bei sich hatte , so konnte er doch kaum Gebrauch davon machen . Er hing ja festgeklammert an dem Fels , bei jeder Bewegung drohte der Sturz und mit ihm unabwendbares Verderben . Dennoch schien er sich zu verteidigen , schien sogar anzugreifen , aber das wütende Ringen dauerte nur einige Minuten . Dann durchschnitt plötzlich ein Schrei die Luft , ein furchtbarer , markerschütternder Schrei , den das Echo der Felswand dumpf , wie mit Geisterstimme zurückgab . Das Seil flatterte lose , zerrissen in der Luft . Mit mächtigem Flügelschlage schoß der Adler zum Horste und breitete schützend seine Schwingen über das gerettete Junge aus , und der Unselige , der es gewagt hatte , die Hand danach auszustrecken , lag zerschmettert drunten in der Egidienschlucht . Alexandrine hatte die Hand über die Augen gelegt , um das Entsetzliche nicht zu sehen , aber jener Schrei verriet ihr doch , was geschehen war . Siegbert stand an ihrer Seite , auch er war totenbleich , aber er hatte nicht einen Moment lang den Blick abgewendet , und jetzt stürzte er vorwärts nach dem Rande der Schlucht und beugte sich hinüber . » Um Gottes willen , nicht so nahe ! « rief Alexandrine angstvoll . » Seien Sie vorsichtig ! Sie können von hier oben nichts entdecken . « Siegbert hatte sich bereits wieder emporgerichtet , seine Stimme bebte , aber in seinem Antlitz stand ein Zug ungewohnter Energie und Entschlossenheit . » Nein , von hier ist nichts zu sehen , die Tannen hindern den Einblick . Ich muß hinunter ! « » Was wollen Sie ? « fragte Alexandrine , die ihren Ohren nicht traute . » Hinunter in die Schlucht ! « » Sind Sie von Sinnen ? Wollen Sie das eigene Leben wagen , um eines Toten willen ? Er muß ja zerschmettert sein bei dem Sturz aus dieser Höhe . Sie kommen in jedem Falle zu spät . « » Wer weiß ! Vielleicht haben die Tannen ihn aufgefangen , vielleicht kann noch Hilfe gebracht werden , und es dauert Stunden , ehe die Männer dort oben herabkommen . Hier ist der einzige Punkt , von wo es möglich ist , in die Schlucht zu dringen . Ich will es wenigstens versuchen . « Alexandrine stand bereits an seiner Seite und blickte gleichfalls hinab . Es war allerdings möglich , von hier aus in die Schlucht niederzusteigen , die von allen anderen Stellen fast senkrechte Wände zeigte , aber auch eben nur möglich . Der Abhang senkte sich hier nicht so jäh , und Felstrümmer und Tannenwurzeln bildeten eine Art von Stufen . Aber ohne die dringendste Not wagte gewiß niemand diesen Weg in die Tiefe , und ein Fremder , der des Steigens ungewohnt war ,