ihnen schwang ein langgestieltes Fleischerbeil – das war der berühmte Pfarrer Jenatsch ! – Als dann der aufgeregte Knabe beim Abendbrot vor seinem Stiefvater , dem Obersten Schmid , von den neuen Tellen erzählte , verbot ihm dieser zornrot , der blutdürstigen Kanaillen in seiner Gegenwart Erwähnung zu tun . Jetzt schaute er dieser Persönlichkeit von bestrittenem Werte Aug in Auge und sie war anders , als sie in seiner Vorstellung gelebt hatte . Statt der rohen und zweideutigen Erscheinung eines geistlichen Demagogen saß ein weltgewandter Mann mit der Sicherheit und Freiheit des Kavaliers in Wort und Bewegung vor ihm . – Von der ungewöhnlichen militärischen Begabung des ehemaligen Pfarrers hatte ihn der im Namen des Herzogs mit diesem geführte Briefwechsel genügend überzeugt , aber was ihn überraschend berührte , war ein gewisser Zauber der Anmut , der die kühnen Züge und warmen Worte des Bündners verschönt hatte , als dieser mit dem Herzog sprach . – Der nichts weniger als arglose Zürcher fragte sich , ob diese Herzlichkeit echt sei . Ja , sie sprudelte voll und natürlich , aber es war ihm nicht entgangen , daß die unausbleibliche Wirkung dieses warmen Eindringens auf den Herzog eine gewollte , vielleicht im voraus berechnete war . Nachdem die Gondel einige schmale Wassergassen durchglitten , folgte sie auf kurze Zeit der Hauptader des venezianischen Verkehrs , dem Canal grande , wo in der Ferne mitten im Gewimmel der Gondeln und Fischerbarken noch das langsam und stolz dahinziehende Fahrzeug des Herzogs sichtbar war ; dann , aufs neue in die Schatten enger Lagunen sich vertiefend , eilte sie der die Stadt nördlich begrenzenden stillen Meerfläche zu . » Ihr fochtet in Deutschland , Hauptmann , bevor Ihr der Republik von San Marco Eure Dienste angeboten habt ? « begann der ungeduldige Wertmüller das Gespräch , da sein Gefährte eigenen Gedanken nachzuhängen schien . » Unter Mansfeld . Dann folgte ich der schwedischen Fahne bis zu dem unseligen Tage von Lützen « , war die zerstreute Antwort . » Unselig ? Es war eine entschiedene Victorie ! « meinte der junge Offizier . » Wäre es doch lieber eine Niederlage gewesen und hätten zwei strahlende Augen sich nicht geschlossen ! « sagte der Bündner . » Durch den Tod eines Mannes ward die Weltlage eine andere . Unter Gustav Adolf war der Krieg kein mutwilliges Blutvergießen : er führte ihn für seinen großen Gedanken , zum Schutze der evangelischen Freiheit ein starkes nordisches Reich zu gründen , und ein solches Reich wäre der Halt und Hort aller kleinen protestantischen Gemeinwesen , auch meines Bündens , geworden . Dies ersehnte Ziel ist uns mit dem großen Toten entrückt und der seiner Seele beraubte Krieg entartet zur reißenden Bestie . Was bleibt übrig ? Zweckloses Morden und habgierige Teilung der Beute . Unter Gustav Adolfs Fahne konnte ein Bündner freudig fechten ; Blut und Leben für die protestantische Sache verströmend , war er sicher , daß es in Segensbächen zurückrinne in sein kleines Vaterland . – Jetzt sehe jeder zu , daß er heimkehre und für das Seine sorge . « » Glaubt Ihr denn , daß ein einzelner Mann , und wäre er Gustav Adolf , so schwer in der Schicksalswaage der Welt wiege ? « fragte rasch der widerspruchslustige Wertmüller . » Die Eifersucht der deutschen Fürsten hätte wie ein Geschling von Sumpfpflanzen seinen Fuß gehemmt , sein neidischer Bundesgenosse Richelieu hätte ihn , sobald er die Hand nach der deutschen Krone ausstreckte , arglistig zu Falle gebracht und erreicht hätte er nichts , als das Zusammenkrachen der alten verrosteten Maschine des Heiligen Römischen Reichs . – Im Grunde erscheint mir der Schwedenkönig als ein frommes Gegenstück zum Wallenstein . Dieser wird als gottloser Empörer schwarz wie der Teufel an die Wand gemalt und jener ist im Geruche der Heiligkeit gestorben ; meines Erachtens aber haben beide unberechtigterweise der Welt ihre willkürlichen Pläne aufgedrängt und beide sind wie feurige Meteore nach kurzem Glanze erloschen . Heute geht nun das Räderwerk der Welt wieder seinen geregelten Gang , wir rechnen wieder mit den gebräuchlichen Zahlen und nach den bekannten Gesetzen . Frankreich und Schweden verschaffen den deutschen Protestanten die von ihnen so heftig begehrte evangelische Freiheit , aber die beiden Gönner werden sich diesen Liebesdienst mit fetten Stücken deutschen Landes nach Gebühr bezahlen lassen . « » Wie , junger Freund « , sprach der Bündner aufmerksam werdend , » von schmählichem Länderraube muß ich Euch reden hören wie von alltäglichem Schacher ? Euch , einen Schweizer ! – Schämt Euch , Wertmüller ... müßt ich sagen , wenn ich es für Euern Ernst hielte ! – Und das nennt Ihr den geregelten Lauf der Dinge ? Ihr anerkennt das Recht des Stärkern in seiner rohesten seelenlosesten Gestalt und leugnet seine göttliche Erscheinung in der Macht der Persönlichkeit ? « Hier blickte Wertmüller mit einem unmerklichen Zuge des Hohns zu ihm auf und ließ einen leisen Pfiff hören . Die vor ihm sitzende nach seinen Begriffen immerhin schwankende und zweideutige Persönlichkeit schien ihm wenig berufen , in die Weltgeschicke einzugreifen . Der andere aber maß ihn mit einem zornigen Blicke . » Ihr mißversteht mich kläglich « , sagte er , » wenn Ihr meint , ich denke an die vom Boden abgelöste Persönlichkeit des einzelnen Mannes , wie sie entwurzelt und eigensüchtig sich umhertreibt , sondern ich rede von der Menschwerdung eines ganzen Volkes , das sich mit seinem Geiste und seiner Leidenschaft , mit seinem Elende und seiner Schmach , mit seinen Seufzern , mit seinem Zorn und seiner Rache in mehrern , oder meinetwegen in einem seiner Söhne verkörpert und den welchen es besitzt und beseelt zu den notwendigen Taten bevollmächtigt , daß er Wunder tun muß , auch wenn er nicht wollte ! . . . Blickt umher ! Seht Euer und mein kleines Vaterland , wie es zusammengedrückt wird von der Wucht ringsum sich bildender großer Monarchien , und sprecht ! Genügt da , wenn wir ein selbständiges Leben