und verbündete sich , soweit es in Alfonsos Interesse möglich war , mit dieser seltsamen Macht , welche Lucrezia von jung an aus begrabenden Wellen gehoben und wie auf Schwingen über zerschmetternde Abgründe hinweggetragen hatte . So genoß er , die Kluge stündlich täuschend , kein Vergnügen der Bosheit , sondern er glich dem Arzte , der von einer lieben Kranken , die an Wahnsinn leidet , Gifte und tötende Waffen entfernt . Auch die Regentin , obgleich sie das Gegenspiel des Kardinals teilweise zu erraten begann , blieb ihm aus Klugheit und unbewußter Achtung einer verwandten Anlage gleicherweise gewogen . Sie zog ihn oft zur Tafel und dann entspann sich bald das anregendste Gespräch , in welchem eines das andere zu enträtseln und zu erhaschen suchte , dem feinsten Schachspiele vergleichbar . Nur daß die Herzogin jeden Vorteil emsig benützte , während der überlegene Kardinal sie mitunter lächelnd auf einen von ihr begangenen Fehler aufmerksam machte , oder eine von ihm genommene Figur großmütig stehen ließ . Federigo , Cäsars Bote , hatte der Herzogin , bevor er nach Bologna zu der Heiligkeit des Papstes zog und von ihm gefesselt wurde , im Geheimnis den zweiten Brief des Bruders übergeben . Es war ein Schreiben von wenigen dringenden Linien , zwischen denen , nur dem Auge Lucrezias sichtbar , verruchte Anschläge und teuflische Einflüsterungen liefen . Nachdem der Verführer gemeldet , er habe mit dem Könige von Frankreich angeknüpft , bis jetzt zwar ohne Erfolg , den er abwarten könne , da er fürs erste nach Italien strebe , schrieb Cäsar : Um dort Fuß zu fassen , bedürfe er durchaus eines Gehilfen , eines ungewöhnlichen Mannes von bedeutenden Eigenschaften und ebenso gefälliger als imponierender Erscheinung . Er wisse einen , wahrlich wie gemacht , ihm zu dienen , den Richter Herkules Strozzi . Er kenne ihn wohl , denn der Vater ihres Gemahles , weiland Herzog Herkules , habe ihm diesen Strozzi , einen Jüngling von klassischen Zügen und strengem Betragen , als seinen Geschäftsträger in die Romagna gesendet , damals da er auf dem Gipfel seiner Macht gestanden , welchen er mit Gottes und des Schicksals Gunst und der geliebten Schwester Hilfe wieder zu ersteigen hoffe . » Teuerste « , schloß er , » tue , was Dir möglich ist , das Größte und Äußerste , um diesen einzigen , den ich als einen Bruder schätze , für mich zu gewinnen . « Lucrezia erbleichte über dem Briefe . Aber sie hatte jetzt seit Wochen wieder mit Cesare in seinen vielen , auch seinen jugendlichen und liebenswürdigen Gestalten zusammengelebt . So hatte er sich , obschon ein Abwesender , wieder mit ihrem ganzen Denken verschmolzen und ihre Seele mit seinem Frevelsinn verpestet . Zwar sie widerstrebte kräftiger als früher dieser schmachvollen Sklaverei . Aber war sie nicht an Cäsar , als an ihr Schicksal , geschmiedet , seit er sie vom Sterbelager ihres zweiten , von ihm gemordeten Gemahles wegriß , und sie den Widerstand vergaß ? Sie gehorchte ihm wiederum . Sie berief den Richter , hielt aber Angela neben sich und faßte sie bei der Hand , um nicht einen Augenblick mit ihm allein zu sein . Herkules Strozzi wurde in das enge Oratorium der Herzogin geführt , die ihm schweigend den Brief ihres Bruders bot . Nachdem er ihn gelesen – nur einmal , denn die tückischen Worte , die seine Leidenschaft stachelten und ihr schmähliche Dienste zu leisten schienen , hatten sich ihm schon auf ewig eingebrannt – schwieg er und schwelgte in glühenden Träumen . Er sah Cesare siegreich nach der Krone Italiens greifen . Er sah sich selbst als seinen Kanzler an seiner Seite . Der Herzog von Ferrara war verschwunden , wohl von Cesare Borgia ausgelöscht und aus der Mitte getan . Lucrezia wiederum Braut , jugendlicher und heller als je , stand vor seinen trunkenen Augen in derselben triumphierenden Lichtgestalt , wie er sie bei ihrem Einzuge in Ferrara geschaut hatte . Er sah sie mit den Blicken seiner taumelnden Sinne , denn , die vor ihm stand , war eine andre . Zwar lächelte sie auf das Geheiß des Bruders , doch die großen lichten Augen starrten versteinernd , wie die der Meduse . Er aber sah sein Verderben nicht . Heuchlerisch redete er , der geborene Republikaner , von Cäsar Borgias Gerechtigkeit , die er immer bewundert habe . Die Kleinen und Schwachen habe der Großmütige geschützt und gehegt , wie der Blitz Jupiters habe er nur die stolzen Zinnen getroffen . Er pries die Tugend der Stärke . Er lobte die Gewalttat , die durch die Unterdrückung des Rechts in das höhere Recht zurückführe . So erschöpfte er das ganze ekle Wörterbuch des Tyrannenlobs ; und er wäre ein Abscheulicher gewesen , wenn er geglaubt hätte , was er sagte ; aber er redete unüberzeugt und leer , während er nur ein Begehr hatte , der vor ihm stehenden Lucrezia irgendeine Gewährung , einen Lohn abzulocken oder abzuzwingen . Zuweilen stammelte er dieses Ziel verfolgende , irre Worte , unheimlich gemischt mit dem Lobliede der Gewaltherrschaft . Dann aber sah er plötzlich auf dem Munde Lucrezias ein Lächeln zucken , bitter wie der Tod . Er sah die ernsten und tieftraurigen Augen Angelas unter richtenden Brauen auf sich geheftet . Und , mehr als der Prunk der ihn umgebenden Kruzifixe und heiligen Bilder , erschreckte ihn der stumme Vorwurf des unschuldigen Mädchens . Er mußte darauf verzichten , das kleinste gewährende Wort mit sich zu nehmen . Da sann er eine Weile mit verschränkten Armen und unglücklichem Antlitz . » Ich gehe zu Don Cesare ! « sagte er dann . » Was schickt Ihr ihm durch mich , Madonna ? « » Euch selbst ! « antwortete Lucrezia . » So sieht der Bruder , daß ich ihm gehorche . « » Darf ich sagen , daß Ihr ihm willig gehorchet ? « Lucrezia antwortete nur mit einem schwachen Lächeln . Rasch verschwand er