setzen trotzdem anständigerweise voraus , daß da alles mit rechten Dingen zugegangen ist – oder nicht , Klementine ? Wie ? ! « – Die Baronin war bis dahin , selbst bei ihren schneidend und boshaft betonten Bemerkungen ihren Obliegenheiten als Herrin am Teetisch pünktlich nachgekommen – jetzt zog sie ihr Taschentuch hervor und drückte es mit zitternder Hand wiederholt an Mund und Stirne , als errege sie die anzügliche , derbe Ausdrucksweise ihres Schwiegervaters bis zur Ohnmacht , oder auch , als befürchte sie Blutspucken . Baron Schilling sah seinen Vater vorwurfsvoll bittend an und zog die Hand seiner Frau liebreich an sich . » Du darfst meiner Vergangenheit ebenso ruhig vertrauen , wie der Zukunft , die du an meiner Seite verleben wirst , « sagte er mild und freundlich , wie ein treuer , zartfühlender Bruder , der über die weiblichen Schwächen einer Schwester nachsichtsvoll hinwegsieht . » Du wirst dich auch allmählich in die Überzeugung einleben , daß mich mein Streben mit allen Schichten der menschlichen Gesellschaft in Berührung bringen muß . Darf irgendwo der Satz , der Zweck heiligt das Mittel , Anwendung finden , so ist es in der verklärenden Kunst . Ihre Motive sucht sie im Boudoir , wie in der Dachstube , und wenn mich ein Charakterkopf interessiert , so gehe ich ihm nach , und sollte es bis in die Höhle des Verbrechens sein ... Diese Duldung muß jede Künstlerfrau üben , und auch du wirst sie lernen . « » Nein , Arnold . Derartige sanguinische Hoffnungen lasse dir nur gleich vergehen , « erklärte sie mit einer Ruhe , die nach der eben an den Tag gelegten beängstigenden Nervosität förmlich verblüffte . » Ich bin streng wahrhaftig erzogen und verstehe nicht zu lügen ... Zu den Madonnenbildern bete ich , und in der Messe harre ich aus bis zum letzten Ton – als gute Katholikin muß ich das – , sonst aber ist mir alles , was Malerei , Musik und dergleichen heißt , in tiefster Seele zuwider . « Sie sprach mit gesenkten Augen völlig leidenschaftslos und eintönig und zupfte dabei mechanisch an der Spitzenecke ihres Taschentuchs . Aber ihre flache Brust dehnte sich wie befreit unter den verletzenden Worten ihres Bekenntnisses , das einer kaltblütigen Rache für die Malersünden des jungen Ehegemahls sehr ähnlich sah . » Du siehst , ich habe auch den Mut der Wahrhaftigkeit , Arnold , « fuhr sie in demselben Tone fort und hob die Lider . » Ich mache es nicht wie viele meines Geschlechts , die nicht einen Schritt weit gehen würden , um einen Raffael zu sehen , oder Beethovensche Musik zu hören , wenn sie nicht die Verachtung der Kunstnarren fürchteten – sie heucheln ; ich aber bekenne offen , daß Gemälde für meine angegriffenen Augen Farbenkleckse sind , und Zeichnungen mich langweilen , daß die Musik an meinen Nerven schmerzhaft reißt , daß ich eine ausgesprochene Abneigung hege gegen alles , was sich Künstler nennt – und deshalb darf es dich nicht wundern , bester Arnold , wenn ich wohl die Gemahlin des Baron Schilling , auf keinen Fall aber eine Malerfrau sein will und die gewünschte Duldung niemals üben werde . « » Das wird sich finden , « sagte Baron Schilling kurz ; er war bleich geworden , und seine Stirn furchte sich ; aber seine ruhig stolze Haltung bewies unwiderleglich , wer schließlich » der Herr « sein würde . Die junge Frau blickte vor sich nieder – diesmal augenscheinlich betroffen ; der rauh gebieterische Ton schien ihr erschreckend neu zu sein ; sie hatte vielleicht von ihrer » Wahrhaftigkeit « einen anderen Effekt erwartet . Während dieser Wechselreden hatte Felix Lucian schweigend zwischen Baron Schilling und Lucile gesessen . Neben der eigenen Angst und Sorge quoll tiefe Wehmut in seiner Seele auf – was war aus dem trauten Schillingshofe geworden ! – Ein vornehmer Adelssitz , aufs neue angestrahlt vom zurückgewonnenen alten Glanz . Aber früher war es bei leerer Kasse , in spärlicher Beleuchtung , doch hell und lustig im Säulenhause gewesen – Groll- und Schmollwinkel hatte es damals nicht gegeben , und das Nachtgetier böser Launen hatte sich nie breit machen dürfen – während jetzt , bei aller Lichtflut , Hochmut , Bigotterie und versteckte Bosheiten wie Eulen und Fledermäuse aus den Ecken schwirrten ... Und der neue Hausgeist , in Gestalt der halbgeknickten , nervösen Frau dort , rang um die absolute Herrschaft ; er legte die langen totenblassen Hände beschlagnehmend auf Menschenseelen , Schiff und Geschirr , und auf der eigensinnigen Stirn stand ihm lesbar geschrieben : » Es ist alles mein ! « ... Auch hier der despotische Frauenwille , der ihn selbst eben heimatlos gemacht hatte ! ... Wer sah es dem kalten Gesicht mit den beharrlich und nonnenhaft gesenkten Lidern an , daß diese Frau den jungen Gatten geradezu errungen hatte ? ... Vor Jahresfrist war der Freiherr mit seinem Sohne in Koblenz bei dem schwererkrankten Vetter gewesen . Nach der Zurückkunft hatte er Felix lachend ins Ohr geflüstert , daß man ihm insgeheim hinterbracht , die reiche Erbin sei » bis über die Ohren verliebt in seinen Jungen « – um seinetwillen würde sie ihr Vorhaben , nach Ableben ihres Vaters für immer in das Kloster zurückzukehren , freudig aufgeben ... Dann war Baron Steinbrück seinem Leiden erlegen ; die Tochter hatte dem Freiherrn den Todesfall angezeigt und seitdem eifrig mit ihm korrespondiert . Sie mußte gut zu schreiben verstanden haben , denn seit der Zeit war es ein glühender Wunsch des alten Herrn gewesen , seinen Sohn mit ihr zu vereinen und damit zugleich sein altes Geschlecht in den Besitz der verpfändeten Güter wieder einzusetzen . Der Schlaganfall , der ihn selbst an den Rand des Grabes gebracht hatte , war sein Helfershelfer bei der Verwirklichung des Planes geworden – Arnold , der mit inniger Zärtlichkeit an dem Vater hing , hatte am Krankenbett scheinbar ohne jedweden inneren Kampf in alles gewilligt , um