dem kahlen Schädel und warf es in die offenstehende Küche nach einer Katze , die eben auf den Tisch gesprungen war , um sich eine der Tauben anzueignen . Er humpelte hinein und jagte das Tier mit dem Stocke in den Hof , worauf er die Küche verschloß . Sie war noch leer . Aber dem Suppentopf kräuselte kein Dampfwölkchen – das Herdfeuer war offenbar längst ausgegangen . » Was das nun wieder für Dummheiten sind ! « brummte der Amtmann , rot vor Ärger und Aufregung . » Und wenn man zehn Dienstboten hält und bezahlt , sie lassen , eine wie die andere , Tür und Angel offen und sieden und braten für die Katze , was man für sein teures Geld anschafft ... Um ein Haar wären wir um unser Mittagsmahl gekommen ! – Dummes Zeug ! – Wo sie nur wieder einmal steckt ! « Ja – wo mochte sie sich wohl versteckt halten ? dachte auch Herr Markus ergrimmt , nachdem er sich vom Amtmann verabschiedet hatte und über den Hof nach dem Garten schritt , um auf dem Weg , den er gekommen , nach dem Gute zurückzukehren . Er warf einen bösen Blick hinauf nach dem Dachstubenfenster , wo sich eben wieder der Mullvorhang wie ein Sommerwölkchen in den blauen Lüften wiegte . – Höchst wahrscheinlich hatte sie sich zu Fräulein Erzieherin geflüchtet , und zwei Mädchenköpfe sahen ihm nun verstohlen und hohnlächelnd nach ... Es war doch stark , daß sie die kärgliche Mahlzeit ihrer Herrschaft achtlos preisgab und sich die schärfsten Verweise derselben zuzog , nur um ihm nicht wieder in den Weg zu kommen ... Im Garten war es auch still und einsam . Die brütenden Grasmücken zwitscherten leise in dem Gebüsch , durch welches vor einer halben Stunde die vermeintliche weiße Dame gekommen war , um eiligst die nötigen Küchenkräuter abzuschneiden . Noch lagen die ihr im raschen Lauf entfallenen grünen Stengel über den Weg verstreut ; es war offenbar kein Fuß wieder darüber hingeschritten . Und in der Lindenlaube konnte Herr Markus das Schreibheft dreist in die Hand nehmen – es war weit und breit kein Menschenauge , um zu sehen , wie er spöttisch lächelte . Die ersten Seiten des kleinen Buches waren richtig bedeckt mit dem zierlichen Geschreibsel derselben Feder , in welche der Amtmann seinen herausfordernden Brief diktiert hatte . Es waren aber keine Verse , nur abgerissene Gedanken , wie sie der Augenblick eingegeben haben mochte , Ansichten und Aussprüche eines klaren , wohlgeordneten Mädchenkopfes . – Diese Blattseiten waren eigentlich ein günstiges Charakterzeugnis für die Schreiberin . Wie sie plötzlich ihre angenehme Stellung aufgegeben , um Krankenpflegerin zu werden , so hatte sie auch diese nicht durchaus notwendigen poetischen Seelenergüsse mit dem pünktlich geführten , kärglichen Einnahmenverzeichnis des verarmten Onkels ohne Zaudern vertauscht ... Wie aber reimte sich diese entschlossene Handlungsweise mit dem Gebaren der jungen Dame zusammen , die sich nach wie vor von der Kammerjungfer wie eine Prinzessin bedienen ließ ? Er zerknitterte im Unwillen das unschuldige Schreibheft in seiner Hand – aber er hatte auch alle Ursache , erregt zu sein . In welchen Zwiespalt war sein sonst so ruhiger Kopf geraten ! Er , dem sonst der heitere Lebensgenuß das Dasein ausfüllte , der daheim pünktlich und voll frischen Eifers seinen Obliegenheiten am Kontorschreibtisch nachkam , um sich dann in den Erholungsstunden voll Lust in den Strom schöner Seelenergüsse zu werfen , dem bis dahin nichts die Wohltat des süßen Schlafes , den Vorzug eines gesunden Appetits zu rauben vermocht hatte , ihm war jetzt der ursprünglich so anziehende Landaufenthalt verdorben durch aufdringliche Grübeleien , die sich durchaus nicht abweisen ließen – er schob Frau Griebels Leckerbissen widerwillig beiseite und hatte heute morgen schlaflos den Kopf in den heißen Kissen hin und her geworfen , noch bevor die Haushähne auf dem Hinterhof ihren grellen Morgenruf in das dunkelverhangene Schlafzimmer geschickt hatten . Dieses Vorwerk , dieses alte Wrack mit der rätselhaften Dame Erzieherin und dem halbtollen Aufschneider , dem Amtmann , das Mädchen mit dem Sphinxgesicht und der edelschönen Gestalt im armseligen Arbeitskittel , das ihn reizte und ärgerte , wie es noch niemand vermocht , und den » menschenfreundlichen , wißbegierigen « Forstwärter , den unausstehlichen Menschen , der seine Fangarme begehrlich nach ihr ausstreckte – er wünschte sie samt und sonders in das Mohrenland , um der Unruhe willen , die ihn peinigte , und welche er doch mit aller Zorngewalt nicht abzuschütteln vermochte . Heute noch wollte er in die Stadt fahren und mit dem Baumeister , der auch den Neubau der Schneidemühle übernehmen sollte , eingehend beraten . Der Riß des neuen Vorwerkshauses konnte schon in den nächsten Tagen in seinen Händen sein , ebenso der Bauvertrag , behufs der Abschließung . Alles andere durfte er getrost in Pachter Griebels Hände und die seiner wackeren Frau legen – das Anstellen des neuen Gesindes , die einstweilige Übersiedlung der Amtmannsfamilie in das Gutshaus , den späteren Ankauf des Viehstandes . – Zu diesen Anordnungen bedurfte es nur weniger Tage , dann – wollte er den Staub von den Füßen schütteln und in Jahr und Tag den Hirschwinkel nicht wiedersehen ... Einstweilen blieb die letztwillige Verfügung im Notizbuch der seligen Frau Oberforstmeisterin sein Geheimnis , bis er wieder ruhig geworden war und es sich im Lauf der Zeit herausgestellt hatte , wessen Obhut das sorgenfreie Dasein der kranken Frau auf dem Vorwerk anvertraut werden durfte . – Er warf das Schreibheft auf den Steintisch und verließ den Garten , dessen altes , ausgedientes Gittertürchen mit schwachem Geseufze hinter ihm zufiel . Mit diesem leisen , lebensmüden Geräusch wähnte er die direkte Beziehung zu den Menschen , die er da zurückließ , nunmehr abgeschlossen . Er war weit entfernt davon , sich einzugestehen , daß er sich ja selbst kopfüber in die fremden Verhältnisse gestürzt habe und allein schuld sei , wenn die Webefäden fremden Geschickes sich an ihm festklammerten , wie in diesem Augenblick die zähen ,