s nicht erraten ? “ fragte Leuthold . „ Ist er tot ? “ „ Er ist ’ s , nach einer Agonie von vierundzwanzig Stunden ! “ „ Na , Gott sei Dank ! “ sagte Frau Bertha und faltete ihre kurzen dicken Hände . „ Ja — wenn ich an einen Gott glaubte — ich würde jetzt auch so sagen ! “ erwiderte Leuthold und warf sich auf einen Küchenstuhl . „ Weib , fasse es nur , das unerhörte Glück ! Wir sind nun reich , un ­ abhängig — erlöst von der zehnjährigen Sklaverei — erlöst ! Ach ! “ — Er fächelte sich mit dem Taschentuche , welches er an Hartwichs Leiche benützt hatte , um die Tränen zu trocknen , die er nicht weinte , Luft zu . Frau Bertha stand trotz allen Glückes etwas be ­ klommen da . „ Es jammert mich doch fast , daß er sterben mußte , “ sagte sie kleinlaut . „ Ich meine immer , es sei eine Sünde , sich über eines Menschen Tod so zu freuen , er könnte uns einmal erscheinen ! “ „ Schwatze nicht so albern , Du weißt , daß ich solchen Unsinn nicht hören will ! “ zürnte Leuthold . „ Tust Du doch , als hätten wir ihn umgebracht ! Wünsche , meine Liebe , sind weder Gift noch Dolch , und wir freuen uns jetzt auch nicht seines Todes sondern nur unseres Erbes . Das ist menschlich ! “ „ Ach ja , “ meinte Bertha beruhigt ; „ da hast Du wieder Recht . Wenn wir das Geld nur bei seinen Lebzeiten schon hätten bekommen können , so würde ich ihm das Leben ja gegönnt haben ; meinetwegen mochte er dann hundert Jahre alt werden . Es ist seine eigene Schuld , daß wir seinen Tod herbei wünschten — warum hielt er uns so knapp ! “ Leuthold nickte ihr lächelnd zu . „ Ich sehe , Du nimmst Vernunft an und wirst jetzt auch so gut sein , mit mir hinunter zu gehen und der Leiche Deine Reverenz zu machen . “ „ Wozu soll ich denn das ? “ fragte Bertha er ­ schrocken . „ Weil es anständig ist ! Ich habe Dich über diesen Punkt schon genug belehrt , Du kennst meinen Willen , also komm ’ ! “ Mit diesen so fein und scharf wie ein Rasiermesser gesprochenen Worten war jeder Widerstand abgeschnitten . Bertha setzte ihre Töpfe vom Feuer , sah nach dem Sack mit den Tauben und folgte dem voranschreitenden Gatten . Unterwegs fragte sie ihn : „ Was soll ich denn machen bei der Leiche ? “ „ Nicht viel , “ sagte Leuthold mit Laune . „ Die Unterhaltung mit solch einem steifen stummen Kerl ist bald gemacht : ein paar Ach ’ s und O ’ s genügen voll ­ kommen , auch ist es für Damen sehr geziemend , an Totenbetten auf die Knie zu sinken , wobei ich Dich jedoch bitte , dies nicht mit Deinem gewohnten Un ­ gestüm zu tun . Der schwere Fall könnte sonst die Ruhe des Toten stören und ihn wieder erwecken ! “ „ Du bist ein abscheulicher Mensch , “ klagte Bertha . „ Mir graut wahrhaftig vor Dir . Wirst Du auch solche Witze reißen , wenn ich einmal sterbe ? “ „ Ich werde Dich nicht überleben , meine gute Bertha ! “ sagte Leuthold wehmütig . „ Wenn es aber geschehen sollte , so sei überzeugt , daß ich nach Dir weinen werde — wie der Säugling nach seiner Amme ! “ Frau Bertha sah den Gemahl zweifelhaft an , sie wußte nicht recht , was sie aus dieser zärtlichen Beteuerung machen sollte , und erwiderte nichts . Sie waren vor Hartwichs Tür angekommen . „ Wo ist Dein Tuch — Dein Taschentuch ? “ fragte Leuthold leise . Bertha suchte nach — sie hatte es vergessen ! „ Wie ungeschickt , “ flüsterte Leuthold wütend , „ das Taschentuch zu vergessen — bei solchen Gelegenheiten . . . “ „ So gib mir Deines , “ bat Bertha . „ Törin , das brauch ’ ich ja selbst . Nimm Deine Küchenschürze , halte sie vor ’ s Gesicht — so ! “ Mit diesen Worten öffnete er und trat langsam , Bertha vor sich her schiebend , ein . Hartwich lag ausgestreckt auf seinem Schmerzenslager , sein Gesicht war so furchtbar entstellt , daß Bertha nun froh war , die Augen mit ihrer Schürze verhüllen zu können . Leuthold stand mit würdevoller Haltung neben ihr , sein stiller männlicher Schmerz gefiel allen Anwesenden , — dem Chirurgen , der den Sterbenden gepflegt , den Knechten und Mägden , welche ihren toten Herrn be ­ trachteten . Sie überzeugten sich sämtlich , daß Herr Gleißert seinen Stiefbruder doch lieber gehabt habe , als man es geglaubt , und daß man Unrecht getan , ihn für herzlos zu halten . Nach einigen Augenblicken legte er milde seiner Gattin die Hand auf die Schulter , aber ein starker Kniff des Daumens belehrte sie über den Zweck dieser Zärtlichkeit , sie an den Kniefall zu erinnern . Sie sank nun mit möglichster Vorsicht nie ­ der , der Gatte drückte ihr noch zum Überfluß den Kopf auf die Leiche und so war die hingegossene Frau mit dem breiten weißen Rücken ein sehr schönes und rührendes Bild der Trauer . Nach einigen Augen ­ blicken bog er sich zu ihr herab und sagte weich : „ Komm , mein Kind , rege Dich nicht so auf , unsere Tränen können den Armen nicht mehr lebendig machen — komm ! “ Damit hob er sie empor , legte ihren Kopf an seine Brust , ihr Gesicht zu verbergen , und führte sie hinaus . Verwundert sahen ihnen die Leute nach . „ Daraus soll nun Einer klug werden , “ sagte der Chirurg . „ Man weiß doch ,