, dem pochte das Herz ungestüm , wenn sie ihn so strahlend ansah oder ihr duftiger Athem ihn streifte . Nelly aber , die kleine Nelly , was hatte sie nur ? Sie , die sonst so willenlos dem Bruder gehorchte , ihm in Allem Recht gab , [ 738 ] was er sagte und that , bereit war den leisesten Wunsch von seinen Augen zu lesen , sie brachte heute der Cousine ein so gleichgültiges Wesen entgegen , schien so wenig Theilnahme zu haben für Alles , was um sie vorging , daß es beinahe an Unart streifte . Ihr rother Mund , der sich so gern zum herzlichen Lachen öffnete , blieb heute streng geschlossen , und ihre Augen streiften nur mitunter scheu die glücklichen Züge ihres Bruders , der so unerschöpflich in Aufmerksamkeiten war für seine Nachbarin . Vor ihren Augen tauchte immer und immer wieder ein erblaßtes Gesichtchen mit ein paar großen Thränen in den blauen Augen auf : was hatten sie nur dem Lieschen gethan , ihrem Lieschen ? Nein , sie mußte erst hin zu ihr – und sie sollte es sagen , wer sie beleidigt . – – Es war völlig dunkel geworden , als Nelly einige Stunden darauf aus Lieschen ’ s Stübchen trat , wo sie in der Dämmerung mit der Freundin geplaudert hatte . „ Es ist nichts , Nelly , “ versicherte Lieschen einmal über das andere mit ihrer weichen Stimme , „ es war recht kindisch von mir , daß ich etwas übel nahm , was gar nicht der Rede werth ist , und nun komm , ich werde Dich begleiten . “ Und so schritten sie denn über den Mühlensteg und in dem tiefen Dunkel der Bäume den alten bekannten Weg entlang . Es war ein warmer Abend ; kein Lüftchen regte sich am fernen Horizont lag unheimlich eine dunkle Wolkenschicht , schwaches Wetterleuchten zuckte von Zeit zu Zeit auf und warf ein falbes Streiflicht auf die Gegend ; die Nachtigallen schlugen in allen Gebüschen , und aus der Ferne ertönte der Gesang junger Burschen , die ihre Festlust so recht aus voller Seele hinausjubelten . „ Ich weiß nicht , wie mir ist , “ begann Lieschen und athmete tief , „ als ob ich ersticken müßte ! Wie ist die Luft heute so schwer und dumpf ! Ich glaube , die Muhme hat Recht – es kommt ein Gewitter . “ Nelly nickte . „ Meine Mutter klagt auch , daß sie gar nicht athmen kann , “ fuhr Lieschen fort ; „ weißt Du , Nelly , mir ist Pfingsten noch nie so traurig vorgekommen wie diesmal , und es ist doch Alles so wie sonst gewesen . Wenn nur nichts Schlimmes passirt , falls das Wetter doch kommt ! “ So waren sie bis zur Parkthür gelangt , mechanisch gingen sie noch weiter in den dunklen Lindenweg , der Duft des Flieders und Faulbaums drang ihnen fast betäubend entgegen , und Lieschen griff mit der kleinen Hand an die schmerzende Schläfe – auf einmal fühlte sie einen leichten Druck auf dem Arm , und Nelly blieb stehen . „ Lieschen , ich bitte Dich , “ bat sie , „ war das nicht Blanka ’ s Stimme ? “ Es war ein Weilchen Alles ruhig und still ; dann kamen ihnen Schritte entgegen ; das Rauschen eines Kleides begleitete sie , und nun drang durch die Stille eine süße klare Stimme herüber : „ Army , mein lieber , lieber Army ! “ Wie berückend das klang ! Dem jungen Mädchen dort unten war zu Muthe , als bohrte sich ein spitzes Messer in ihre Brust ; unwillkürlich preßte sie die Hand auf ’ s Herz . Und jetzt ein Flüstern : das war seine Stimme , – wie gut , daß sie nicht vernahm , was er sagte ! Wäre sie doch nicht mitgegangen ! Das Rauschen des Kleides und die langsamen Tritte kamen näher ; sie ließ die Hand der Freundin los und flüchtete hinter den dicken Stamm einer Linde , und doch beugte sie sich vor , und da – da leuchtete ein greller Schein am Himmel auf und zeigte ihr eine hohe , edle Männergestalt , und in seinem Arm hing , wie eine Elfe so zart und licht , die schöne Cousine mit den rothgoldnen Haaren ; sie hatte den Kopf zurückgebogen und er beugte sich zu ihr hernieder und küßte sie . Es war nur ein Moment , aber er reichte hin , um den zwei bangen blauen Mädchenaugen Alles zu verrathen ; sie legte den Kopf an den Stamm des alten Baumes und schloß die Augen in heißem , nie gekanntem Schmerz . Nelly aber schrie gellend auf : „ Army ! Army ! “ – wie anklagend , wie warnend tönte es . Und dann antwortete er , und so lustig klang die Stimme : „ Schwesterchen , wo bist Du denn ? So komm doch , sieh nur , was ich gefunden ! Komm her – Du sollst voraus laufen und der Großmama sagen , daß das Glück nun wirklich eingekehrt ist , daß Blanka mein geworden ! “ Und da flammte es wieder auf im grellen Schein durch die Bäume und beleuchtete eine schlanke Mädchengestalt , welche die Allee hinab heimwärts floh . Vor dem Brautpaare stand die kleine Nelly und sah mit bangen , großen Blicken zu dem Bruder auf , und als der Schein erloschen , da rang sich ein heißes Schluchzen aus ihrer Brust und mit gesenktem Kopfe schritt sie zum Schloß , um der Mutter zu sagen , daß die Blanka und der Army – ihr lieber , guter Army – Braut und Bräutigam geworden seien . – – Die Muhme aber saß auf der Sandsteinbank vor der Thür und wartete auf ihren Liebling ; der Hausherr und seine Frau promenirten im Garten auf und ab , und Herr Selldorf begleitete sie und erzählte von seiner Heimath und seinen