Löcher , welche ich in ihnen bemerkte , schloß ich , daß sie nicht gut ausgebessert sein konnten . « Hier hielt er inne . » Ihre Weisungen sollen befolgt werden , Sir , « sagte Miß Temple , » Und , Madam , « fuhr er fort , » die Wäscherin erzählt mir , daß einige der Mädchen zwei reine Halskrausen in der Woche gehabt haben ; das ist viel zu viel . Die Hausregel beschränkt sie auf eine . « » Ich glaube , Sir , daß ich diesen Umstand genügend erklären kann . Am vorigen Donnerstag waren Agnes und Catherine Johnston eingeladen , bei ihren Freunden in Lowton den Thee zu nehmen . Ich gab ihnen die Erlaubnis , für diese Gelegenheit reine Halskrausen anzulegen . « Mr. Brocklehurst nickte . » Nun , für einmal mag es hingehen , aber ich ersuche Sie , diesen Fall nicht zu oft eintreten zu lassen . Noch eine andere Sache hat mich höchlichst überrascht . Indem ich die Rechnung mit der Haushälterin abschloß , fand ich , daß während der letzten zwei Wochen den Schülerinnen zweimal ein Gabelfrühstück serviert worden ist , welches aus Brot und Käse bestand . Was bedeutet das ? Ich habe die Statuten durchlesen und fand dort keiner Mahlzeit erwähnt , die sich Gabelfrühstück nennt . Wer hat diese Neuerung eingeführt und auf welche Autorität gestützt ? « » Für diesen Umstand bin ich verantwortlich , Sir , « entgegnete Miß Temple , » das Frühstück war so außergewöhnlich schlecht zubereitet , daß die Schülerinnen es nicht essen konnten , und ich durfte nicht zugeben , daß sie bis zum Mittagessen fasteten . « » Miß Temple , gestatten Sie mir einen Augenblick zu reden . – Sie wissen , daß es meine Absicht bei der Erziehung dieser Mädchen ist , sie nicht an Luxus und Wohlleben zu gewöhnen , sondern sie abzuhärten und sie selbstverleugnend , geduldig und entsagend zu machen . Sollte nun einmal zufällig solch eine kleine Enttäuschung des Appetits vorkommen , wie z. B. das Verderben einer Mahlzeit , das Versalztwerden eines Fisches u. s. w. , so sollte dieser kleine , unbedeutende Zwischenfall nicht neutralisiert werden , indem man den verlorenen Genuß noch durch einen größeren Leckerbissen ersetzt und damit den Körper verweichlicht und den Zweck und das Ziel dieser barmherzigen Stiftung verrückt . Man sollte ein solches Vorkommnis dazu benützen , den Schülerinnen eine geistige Erbauung zu schaffen , indem man sie ermutigt , auch bei temporären Entbehrungen ihre geistige Kraft zu behaupten . Eine kurze Ansprache bei solchen Gelegenheiten würde sehr angemessen sein . Ein kluger Lehrer würde z. B. auf die Leiden und Entsagungen der ersten Christen hinweisen ; auf die Qualen der Märtyrer , ja , sogar auf die Gebete unsers gesegneten Heilands selbst , der seine Jünger ermahnt , ihr Kreuz auf sich zu nehmen und ihm zu folgen ; auf seine Warnungen , daß der Mensch nicht vom Brote allein lebt , sondern von einem jeglichen Worte , so aus dem Munde Gottes gehet ; auf seine göttlichen Tröstungen » glücklich seid ihr , so ihr für mich Hunger oder Durst leidet ! « O , Miß Temple , wenn sie anstatt des angebrannten Haferbreis Brot und Käse in den Mund dieser Kinder legen , so füttern sie allerdings ihre sündigen Leiber , aber Sie denken wenig daran , daß sie ihre unsterblichen Seelen verhungern lassen . « Mr. Brocklehurst hielt wieder inne – – wahrscheinlich von seinen Gefühlen übermannt . Beim Beginn seiner Rede hatte Miß Temple zu Boden geblickt ; jetzt aber sah sie gerade vor sich hin , und ihr Gesicht , welches von Natur bleich wie Marmor war , schien auch die Kälte und Unbeweglichkeit dieses Materials anzunehmen ; besonders ihr Mund schloß sich so fest , als hätte es des Meißels eines Bildhauers bedurft , um ihn wieder zu öffnen , und auf ihrer Stirn lagerte eine versteinerte Strenge . Inzwischen stand Mr. Brocklehurst vor dem Kamin , die Hände hatte er auf den Rücken gelegt und majestätisch ließ er seine Blicke über die ganze Schule schweifen . Plötzlich zuckte er zusammen , wie wenn sein Auge geblendet oder schmerzhaft berührt worden sei ; dann wandte er sich um und in schnelleren Accenten , als er bisher gesprochen , sagte er : » Miß Temple , Miß Temple , was – was ist jenes Mädchen da mit dem lockigen Haar ? Rotes Haar , Madam , lockig – ganz und gar lockig ? « – Mit diesen Worten streckte er seinen Stock aus und zeigte nach dem entsetzlichen Gegenstande . Seine Hände zitterten vor Erregung . » Es ist Julia Severn , « entgegnete Miß Temple sehr ruhig . » Julia Severn , Madam ! Und weshalb hat sie oder irgend eine andere gelocktes Haar ? Weshalb bekennt sie sich so offen allen Vorschriften und Grundsätzen dieses Hauses entgegen zu den Gelüsten der Welt – hier in einem evangelischen Institut der Barmherzigkeit – daß sie es wagt , ihr Haar in einem großen Wust von Locken zu tragen ? « » Julias Haar ist von Natur lockig , « entgegnete Miß Temple noch ruhiger . » Von Natur ! Ja ! Aber wir sollen uns der Natur nicht anpassen . Ich wünsche , daß diese Mädchen Kinder der Gnade werden . Und wozu jener Überfluß ? ich habe doch zu wiederholten Malen angedeutet , daß ich das Haar einfach , bescheiden , glatt anliegend arrangiert zu sehen wünsche . Miß Temple , das Haar jenes Mädchens muß augenblicklich abgeschnitten werden , förmlich rasiert ; morgen werde ich einen Barbier herausschicken , und ich sehe noch andere , die viel zu viel von diesem Auswuchs haben – das große Mädchen dort zum Beispiel ; sagen Sie ihr , daß sie sich umdreht . Sagen Sie den Mädchen der ganzen ersten Bank , daß sie sich erheben und die Gesichter der Wand zuwenden . Miß Temple fuhr mit dem Taschentuch über