Dunkelheit . Dann sah ich : Schmale , steile Stufen liefen hinab in tiefste Finsternis . Ich stieg hinunter . Eine Zeitlang tastete ich mich mit den Händen die Mauern entlang , aber es wollte kein Ende nehmen : Nischen , feucht von Schimmel und Moder , - Windungen , Ecken und Winkel , - Gänge geradeaus , nach links und nach rechts , Reste einer alten Holztüre , Wegteilungen und dann wieder Stufen , Stufen , Stufen hinauf und hinab . Matter , erstickender Geruch nach Schwamm und Erde überall . Und noch immer kein Lichtstrahl . - Wenn ich nur Hillels Kerze mitgenommen hätte ! Endlich flacher , ebener Weg . Aus dem Knirschen unter meinen Füßen schloß ich , daß ich auf trockenem Sand dahinschritt . Es konnte nur einer jener zahllosen Gänge sein , die scheinbar ohne Zweck und Ziel unter dem Ghetto hinführen bis zum Fluß . Ich wunderte mich nicht : die halbe Stadt stand doch seit unvordenklichen Zeiten auf solchen unterirdischen Läuften , und die Bewohner Prags hatten von jeher triftigen Grund , das Tageslicht zu scheuen . Das Fehlen jeglichen Geräusches zu meinen Häupten sagte mir , daß ich mich immer noch in der Gegend des Judenviertels , das nachts wie ausgestorben ist , befinden mußte , obwohl ich schon eine Ewigkeit gewandert war . Belebtere Straßen oder Plätze über mir hätten sich durch fernes Wagenrasseln verraten . Eine Sekunde lang würgte mich die Furcht : was , wenn ich im Kreise herumging ! ? In ein Loch stürzte , mich verletzte , ein Bein brach und nicht mehr weiter gehen konnte ? ! Was geschah dann mit ihren Briefen in meiner Kammer ? Sie mußten unfehlbar Wassertrum in die Hände fallen . Der Gedanke an Schemajah Hillel , mit dem ich vag den Begriff eines Helfers und Führers verknüpfte , beruhigte mich unwillkürlich . Vorsichtshalber ging ich aber doch langsamer und tastenden Schrittes und hielt den Arm in die Höhe , um nicht unversehens mit dem Kopf anzurennen , falls der Gang niedriger würde . Von Zeit zu Zeit , dann immer öfter stieß ich oben mit der Hand an , und endlich senkte sich das Gestein so tief herab , daß ich mich bücken mußte , um durchzukommen . Pötzlich fuhr ich mit dem erhobenen Arm in einen leeren Raum . Ich blieb stehen und starrte hinauf . Nach und nach schien es mir , als falle von der Decke ein leiser , kaum merklicher Schimmer von Licht . Mündete hier ein Schacht , vielleicht aus irgendeinem Keller herunter ? Ich richtete mich auf und tastete mit beiden Händen in Kopfeshöhe um mich herum : die Öffnung war genau viereckig und ausgemauert . Allmählich konnte ich darin als Abschluß die schattenhaften Umrisse eines wagerechten Kreuzes unterscheiden , und endlich gelang es mir , seine Stäbe zu erfassen , mich daran emporzuziehen und hindurchzuzwängen . Ich stand jetzt auf dem Kreuz und orientierte mich . Offenbar endeten hier die Überbleibsel einer eisernen Wendeltreppe , wenn mich das Gefühl meiner Finger nicht täuschte ? Lang , unsagbar lang mußte ich tappen , bis ich die zweite Stufe finden konnte , dann klomm ich empor . Es waren im ganzen acht Stufen . Eine jede fast in Manneshöhe über der andern . Sonderbar : die Treppe stieß oben gegen eine Art horizontalen Getäfels , das aus regelmäßigen , sich schneidenden Linien den Lichtschein herabschimmern ließ , den ich schon weiter unten im Gang bemerkt hatte ! Ich duckte mich , so tief ich konnte , um aus etwas weiterer Entfernung besser unterscheiden zu können , wie die Linien verliefen , und sah zu meinem Erstaunen , daß sie genau die Form eines Sechsecks , wie man es auf den Synagogen findet , bildeten . Was mochte das nur sein ? Plötzlich kam ich dahinter : es war eine Falltür , die an den Kanten Licht durchließ ! Eine Falltür aus Holz in Gestalt eines Sternes . Ich stemmte mich mit den Schultern gegen die Platte , drückte sie aufwärts und stand im nächsten Moment in einem Gemach , das von grellem Mondschein erfüllt war . Es war ziemlich klein , vollständig leer bis auf einen Haufen Gerumpel in der Ecke und hatte nur ein einziges , stark vergittertes Fenster . Eine Türe oder sonst einen Zugang mit Ausnahme dessen , den ich soeben benützt , vermochte ich nicht zu entdecken , so genau ich auch die Mauern immer wieder von neuem absuchte . Die Gitterstäbe des Fensters standen zu eng , als daß ich den Kopf hätte durchstecken können , so viel aber sah ich : Das Zimmer befand sich ungefähr in der Höhe eines dritten Stockwerks , denn die Häuser gegenüber hatten nur zwei Etagen und lagen wesentlich tiefer . Das eine Ufer der Straße unten war für mich noch knapp sichtbar , aber infolge des blendenden Mondlichts , das mir voll ins Gesicht schien , in tiefe Schlagschatten getaucht , die es mir unmöglich machten , Einzelheiten zu unterscheiden . Zum Judenviertel mußte die Gasse unbedingt gehören , denn die Fenster drüben waren sämtlich vermauert oder aus Simsen im Bau angedeutet , und nur im Ghetto kehren die Häuser einander so seltsam den Rücken . Vergebens quälte ich mich ab herauszubringen was das wohl für ein sonderbares Bauwerk sein mochte , in dem ich mich befand . Sollte es vielleicht ein aufgelassenes Seitentürmchen der griechischen Kirche sein ? Oder gehörte es irgendwie zur Altneusynagoge ? Die Umgebung stimmte nicht . Wieder sah ich mich im Zimmer um : nichts , was mir auch nur den kleinsten Aufschluß gegeben hätte . - Die Wände und die Decke waren kahl , Bewurf und Kalk längst abgefallen und weder Nagellöcher , noch Nägel , die verraten hätten , daß der Raum einst bewohnt gewesen . Der Boden lag fußhoch bedeckt mit Staub , als hätte ihn seit Jahrzehnten kein lebendes Wesen betreten . Das Gerümpel in der Ecke zu durchsuchen , ekelte ich mich