Sie ging ihm und seiner Mutter entgegen . Fast mit Leutseligkeit . Jedenfalls mit der Verbindlichkeit einer , die von sich die hohe Meinung hat , andere durch ihr Wesen und Dasein zu erfreuen . Das war so bemerkbar , daß Sophie stutzte . Und überhaupt war sie erstaunt : sie hatte ein junges Paar erwartet . Dieser Mann mußte über vierzig , die Frau über dreißig sein . Der Mann sah ein wenig gebückt aus . Seine Augen waren hell und ausdruckslos . Doch belebten sie sich und glimmerten weißlich , wenn er sprach . Das Haupt war fast kahl , die Züge regelmäßig und angenehm . Einen kurzen , trockenen Husten , der an ihm auffiel , konnte man für eine gedankenlose Angewohnheit nehmen . Wie der Mann so war , verschwand er durchaus neben der auffallenden und sehr betonten Erscheinung seiner Frau . Sie wirkte , wie sie lächelnd in der vorteilhaft gedämpften Beleuchtung stand , sehr reizvoll . Sophie mit ihren scharfen Beobachteraugen sah es rasch : das war eine von jenen bleichen , nervösen Frauen , die je nach ihrer Stimmung unwiderstehlich anziehend oder bemitleidenswert verblüht erscheinen können . Von jener gefährlichen , unregelmäßigen Schönheit , deren Einzelzüge man immer vergißt , weil die Augen in dem Gesicht triumphieren . Groß und schwarz waren diese Augen , und sie strahlten und flammten , als bräche ein sprühendes , geheimes Innenleben unaufhaltsam daraus hervor . Als man dann , nach Erklärungen , Entschuldigungen , Glückwünschen , im großen Speisesaal an einem runden Tisch saß , vor der Hauptwand , in der Reihe vieler anderer solcher Tische , da kam eigentlich nicht die unbefangene Lebhaftigkeit der Unterhaltung auf , wie man von der Gelegenheit und zwischen vier gescheiten , durch Interessengemeinschaft verbundenen Menschen hätte erwarten dürfen . Frau Julia roch zuweilen an den Rosen , die Allert ihr , dem Geburtstagskind , mitgebracht hatte , und sah ihn dann dabei immer mit einem tiefen Glanz in den Augen besonders vertraulich an . Auf einige halb fragende Bemerkungen Sophiens hin erzählte Doktor Dorne , daß er bisher ein stilles Gelehrtenleben geführt habe , in seinem Laboratorium forschend und experimentierend - auch habe er einige Erfindungen gemacht und Patente darauf genommen - aber zur rechten Ausnutzung sei nichts gekommen - er habe immer zögernd gewartet - sich nicht in das hochgesteigerte Konkurrenzleben der chemischen Industrie hineinbegeben mögen - indessen , die Anforderungen heute seien sehr groß - eine Rente mit dem Charakter der festen Grenze im Finanziellen werde oft unbequem - die Töchter wuchsen heran - und so entschloß er sich , sein Geld arbeiten zu lassen . - Der gemeinsame Bekannte , der ihm vorgeschlagen hatte , sich Allerts jungem Unternehmen anzuschließen , war ihm autoritativ . Sophie sprach den Wunsch aus , die Verbindung möge beiden Teilen zum Segen gereichen . Aber es kam nur ganz höflich aus ihrem Munde , fast zerstreut . » Ich stellte meinem Mann vor , « sagte Frau Julia Dorne - sie sprach oft etwas stockend , als suche sie den besten Ausdruck und wolle nichts übereilt oder in nachlässiger Form sagen - » daß er geradezu ein Unrecht begehe , wenn er seine Wissenschaft , die ich bewundere , nicht ausnutze . So bedeutende Veranlagungen und so unerhörte Kenntnisse darf man heute nicht als Privatgenuß kultivieren . Die Allgemeinheit hat ein Recht daran . « Und ihr Mann sah sie aufmerksam und mit einem leisen dankbaren Lächeln an . Im Grunde nahm nun die Frau das Gespräch in die Hand . Allert hörte zu . Er sah wohl , die schwarzen Augen hatten viel Güte für ihn - er empfand das von fern - wie ein Schauspiel - kein neues , kein ungewöhnliches - auch diese kleine Tafelrunde hier und die sacht huschenden Kellner , die leisen Gäste an den andern Tischen - die still glühenden Lichter zwischen den Prismen spürte er . - Vor seinem geistigen Auge war ein anderes Bild : klebrig , graugelber Nebel , stechende Feuchtigkeit ringsum , Kohlengeschmack in der Luft , trüb umflorte Laternen und mißtöniges Grölen . Und dazwischen das kluge , liebe Angesicht , blonde Haare und klare , graue Augen . - - Das hab ' ich geträumt ! dachte er . Aber dies hier war Wirklichkeit : Die schöne Frau , die aufblühte wie eine Jerichorose und , im Vergnügen , gefallen zu wollen , von allen Seiten beachtet zu werden , immer reizender wurde ... » Erzählen Sie mir doch etwas von der Hamburger Gesellschaft . Ihr Sohn sagt , Sie seien so scharmant aufgenommen worden . Wir müssen uns orientieren - mit Vorsicht wählen - bis Ingeborg und Dolores erwachsen sind , « mit einem Lächeln darüber , daß man ihr ja doch nie die erwachsenen Töchter glauben werde , sagte sie es - » ja , bis dahin müssen wir einen festen Kreis haben . - Man kann ja nicht exklusiv genug sein - es heißt , eine Auslese treffen ... « » Auslese treffen ? « wiederholte Sophie , etwas benommen von all dem Selbstgefühl , » ich glaube - es scheint mir - es ist nicht so ganz leicht , hineinzukommen . « » Nun , « sagte Frau Julia mit einem Siegerlächeln , » es gilt nur die ersten Anknüpfungen - dann sehen ja die Leute , mit wem sie es zu tun haben . « » Gnädige Frau fühlen sich offenbar vorderhand als Prinzessin Inkognito , « meinte Allert neckend . » Durchaus , und ich ernenne Sie zu meinem Ritter und ersten Kammerherrn . « Dabei leuchteten die schwarzen Augen ihn funkelnd an . Allert verbeugte sich . Ihr Mann lächelte nachsichtig . » Ihre Töchter aber werden traurig sein , daß sie am Geburtstag der Mama nicht mitessen durften , « sagte Sophie . » O , Ingeborg und Dolores dürfen noch nicht ins Restaurant , « erklärte Doktor Dorne , » meine Frau ist mit Recht dagegen . « Sehr