Anstrengung , dieser andere zu sein , den sie in ihm sah . Ach Gott , wußte man denn mit solch einem Mädchen , woran man war ? Einmal war es einem ganz nahe und dann so seltsam fern . Vorigen Abend hier im Walde , als der warme Südwestwind wehte und es so berauschend nach feuchter Erde und Knospen duftete , da war alles so selbstverständlich und klar gewesen , da gingen sie eng aneinander geschmiegt , und ein jedes fühlte das Fieber im Blut des andern . Da waren keine Gedanken nötig . Und dann gleich am nächsten Tage auf dem Spaziergang , war sie ganz wieder das Schloßfräulein , das ihn in Distanz hielt , das von der Welt sprach , als sei sie ein wohleingerichteter Salon , in dem lauter gut erzogene Menschen unter festen Gesetzen lebten , ja , sie drängte ihm den Edelmut , die feine Erziehung , die Gesetze geradezu auf , legte sie in ihn hinein . Er konnte sie dann fast hassen , er hätte ihr dann gern etwas gesagt , was sie empörte und demütigte , aber er war zu feige . Wenn die weit offen schillernden Augen ihn begierig ansahen , als wollten sie etwas besonders Neues , Schönes aus ihm herauslesen , dann fürchtete er stets , sie würden den uninteressanten Gesellen in ihm entdecken , lauter ungewohnte , abspannende Gedanken . Er seufzte . Ach Gott , und was für unerbittliche Wirklichkeitsmenschen solche Mädchen waren . Jedes Erlebnis bekam feste Konturen , stand so sachlich und deutlich da , als könnte es nie mehr fortgewischt werden . Ein Erlebnis fallen lassen , wie wir eine angerauchte Zigarette fortwerfen , das kannten sie nicht . Ihnen wurde jedes Erlebnis zu einem Besitz , der mitzählte , als müßte es in ein Hauptbuch eingetragen werden für irgendeine künftige Abrechnung . So waren sie alle , von der schwarzen Lene im Krug bis zu Fastrade . Er hatte seine Wirklichkeit nie so recht gefühlt , er war sich stets ein Erlebnis gewesen , das ihm zufällig zuteil geworden war , das ja zuweilen recht vergnüglich war , aber zur Not auch fallen gelassen werden konnte . Er richtete sich auf , dieses Herumraten an sich und an Fastrade machte ihn müde und unruhig zugleich . Er schenkte sein Glas voll , der alte Portwein hatte zuweilen die Eigenschaft , Dinge , die verworren und schwierig aussahen , plötzlich ganz einfach und klar erscheinen zu lassen . Der Zugwind wehte die Flamme der Kerze hin und her . Gebhard schlummerte , sein Schatten , groß und unförmlich , hüpfte unablässig auf der Wand . Draußen schien der Wind sich gelegt zu haben , nur ein leises , verschlafenes Rauschen ging noch durch den Wald . Deutlich waren jetzt all die kleinen Gewässer ringsum vernehmbar wie ein waches , eigensinniges Lachen , das in die große Ruhe der Nacht hineinspottete . Dann ertönte plötzlich der klagende Ruf eines Kauzes , und ein anderer antwortete ihm noch aus der Ferne . Die haben es gut , dachte Egloff , sich so in der kühlen Dunkelheit anzulocken , durch Zweige und Knospen zueinander zu fliegen , um ihre Liebesnacht zu feiern - raffiniert . Er lehnte sich wieder zurück , er wollte nichts mehr denken , nur Fastrade , Fastrade . Ja , da war es leicht , seine Wirklichkeit zu fühlen , wenn man so königliche Arme hatte und mit einem so königlichen Körper sich abends zu Bett legte und morgens wieder aufstand . Eine angenehme Schläfrigkeit machte ihm jetzt die Glieder schwer , die Gedanken wurden undeutlich , begannen zu Träumen zu werden , zu Träumen , in die das Rauschen des Waldes , das Lachen der kleinen Gewässer hineinklangen , und das Rufen der Käuzchen , die schon nahe beieinander waren . Egloff erwachte von einem kalten Windstoß , der in das Zimmer fegte . Gebhard hatte die Tür geöffnet und schaute hinaus . » Es wird Zeit sein zu gehen , « sagte er , » der Himmel hinter den Bäumen scheint mir schon so weiß . « Egloff sprang auf , der kurze Schlaf hatte ihm gut getan , und er freute sich jetzt auf die Jagd . Er nahm sein Gewehr und löschte die Kerze aus . » Gehen wir « , sagte er . Draußen war es noch finster , eine gute Strecke gingen sie auf einem bequemen Waldpfade hin , bis sie an ein Sumpfland kamen , das weiß von Nebel war . Die Dunkelheit hellte sich ein wenig auf , sie wurde grauschwarz , und deutlich standen Bäume und Büsche in ihr . Egloff und Gebhard begannen vorsichtig zu gehen , der Boden gab nach , jeder Tritt verursachte ein kleines , plätscherndes Geräusch , dann kamen Strecken , die mit dichtem Moos bewachsen waren , in das der Fuß einsank wie in weiche Polster . Zuweilen blieben die Jäger stehen und horchten hinein in all die kleinen Geräusche des Waldes , das Lispeln und Rauschen , um den einen Ton herauszuhören , auf den sie warteten . Der Boden wurde jetzt fester , vor ihnen standen hohe , alte Föhren , in deren dunkelen Schöpfen ein leichter Wind metallisch knisterte . Gebhard blieb zurück und Egloff schlich behutsam vorwärts . Eine köstliche Spannung regte ihm das Blut auf . Plötzlich kam ein Ton , der ihm wie Schreck durch die Glieder fuhr . Er wartete , der Ton kam noch einmal und dann begann dort oben in der Dunkelheit dieses seltsame Zischen und Schnalzen , das für Egloff alle anderen Töne des Waldes auslöschte . Er schlich und sprang , vorsichtig nach Deckung ausspähend und immer hinhorchend auf die Stimme des Vogels , der dort vor ihm leidenschaftlich und schamlos seine Brunst in die Finsternis hineinrief . Schwieg der Hahn eine Weile , dann stand Egloff wie festgebannt still und hörte sein Herz so laut klopfen , als liefe da mit schweren Schritten jemand