aber den Eindringling erkennend , faßte sie sich sofort , und nun hörte man sie in dem atemlosen Schweigen mit Strenge sagen : » Was verlangst Du den Schutz dieses Heiligtums , in das Du ohne Recht eingedrungen bist , Yung Lu ? Weißt Du nicht , daß kein Beamter aus der Provinz in die Hauptstadt kommen darf ohne kaiserlichen Befehl ? « » Ich weiß es , Gnadenreiche , und bitte um spätere Strafe , « antwortete der Kniende , » aber ich konnte nicht warten , ich bringe zu wichtige Kunde . « Die Kaiserin neigte sich bei diesen Worten vom Throne herab , Li lien ying war näher herangetreten . Der Kniende sprach indessen weiter , leise und hastig . Man hörte nur Murmeln . Aber Tschun sah , wie die Kaiserin plötzlich erbleichte . Und dann trat Li lien ying vor und rief mit sardonischem Lächeln und lauter Stimme : » Kaiserlicher Befehl : Theater wird heute nicht mehr gespielt ! « Und so stark war die Macht uralter Tradition , daß trotz der Erregung , die alle ergriffen hatte , bei dem Wort » kaiserlicher Befehl « sämtliche Anwesende ganz automatisch auf die Knie sanken und den Boden mit der Stirn berührten . Die Kaiserin aber hatte sich erhoben . Und so , hoch über den anderen auf der obersten Thronstufe stehend , schien sie zu etwas Ungeheuerlichem emporzuwachsen , zur unerbittlichen Furie grausamer Rache , der all die gebeugten Nacken ein Piedestal bildeten , aus zitterndem , ihr willenlos untertanem Menschenfleisch . Doch schon wurden die Glasfenster zugeschoben , die Loge von Bühne trennten . Tschun konnte nichts mehr von dem sehen , was im Zuschauerraum nun vor sich gehen mochte . Von hastenden Menschen wurde er selbst fortgeschoben , weitergedrängt zwischen all den grinsenden Pappungeheuern . Die Schauspieler redeten wirr durcheinander mit dünnen , zitternden Stimmen , gestikulierten in ihren phantastischen Trachten , rissen sich die schreckenerregenden Masken ab und sahen nun erst recht erschreckend aus in ihrer bleichen Furcht . Denn sie alle , die sie ja Palastwächter waren und zur Kaiserin gehörten , fühlten sich plötzlich bedroht . Das unerhörte Eindringen Yung Lus , seine unheilkündenden Worte , das nie dagewesene Abbrechen der von der Kaiserin über alles geliebten Theatervorstellung - all das konnte ja nur etwas Entsetzliches bedeuten - irgendeine unheimliche Gefahr mußte in unmittelbarem Anzug sein - war vielleicht schon da . Aber was war sie ? Wo war sie ? Und wie konnte man sich retten ? Die kostbaren Gewänder flogen zu Boden , die schwachen Theaterwaffen wurden verächtlich beiseite geworfen . Alle zu gleicher Zeit wollten sie hinaus und fliehen , die geängstigten Menschen , ohne doch deutlich zu wissen , wovor , noch wohin . Und auch Tschun , der bloß dunkel fühlte , daß irgendwo irgendetwas Schauriges vorgehen mußte , hatte nur das eine Verlangen , fort , fort aus diesen Unheilsräumen ! Unter all den grausig grotesken Ungetümen mit ihren wilden Verzerrungen wähnte er sich in die chinesische Hölle des Tempels versetzt , und überall sah er plötzlich riesige schwarze Brummfliegen , aber kein Wedel vermochte sie zu scheuchen , sie kamen näher , näher ! Das Entsetzen kroch Tschun am Rücken entlang , riesengroß . Er mußte plötzlich schreien . Und schon antworteten ihm andere Schreie , als hätten sie nur auf ihn gewartet . Die Panik hatte sie alle ergriffen - diese sonst zu unerschütterlicher Bildhaftigkeit erstarrten Menschen . Und nun liefen sie alle durch den dämmernden Garten dem Ausgangstor zu . Die Palastwächter voran zeigten den Weg . Jetzt waren die großen Hornlaternen angezündet und blutrot grinsten ihre riesigen Glückszeichen auf den leuchtenden Kugeln . Gespenstisch stand die bleiche Marmorbalustrade gegen das dunkle Wasser , blassen Gesichtern Verstorbener gleich hoben sich die Lotosblüten aus der finsteren Tiefe . Nach der Schwüle des Theaters gewannen die Geängsteten hier im Freien etwas Ruhe und Ueberlegung wieder . Tschun und Mahan , die bei der Vorstellung getrennt gewesen , hatten sich jetzt wiedergefunden . Unter dem Eindruck , daß die ganze äußere Welt ja noch genau so geblieben war , wie sie sie vor wenigen Stunden verlassen , legte sich auch etwas die innere Erregung . Das Rennen wurde allmählich zum Gehen . So kamen sie zu den drei von blutroten Mauern umgebenen Höfen . Die waren gefüllt mit Menschen , wie auch die Wartehäuser an den Seiten . An den äußersten Toren aber , durch das einer der Palastwächter die aus den Dörfern stammenden Knaben entlassen wollte , tönte ihnen der Ruf der Türhüter entgegen : » Die Tore sind verschlossen . Der Befehl erging : Niemand darf vor morgen früh den Sommerpalast verlassen . « Und nun erst erkannte Tschun im flackernden Schein großer Laternen , die an Stäben aufgestellt waren , daß die Gäste des Theaterspiels da noch warteten , umgeben von einer Unzahl eigener Bediensteter . All diese Menschen sahen gespannt und erwartungsvoll aus . Wenn sie einen Augenblick in das unstete Licht der Laternen traten , sah man die glatten pergamentenen Antlitze der Jüngeren , die runzligen Schildkrötengesichter der Alten . In den Bambusbauern , an den Zweigen der alten Zedern , flatterten die Vögel , erschreckt ob des ungewohnten Lichtes . Manchmal kreischten sie laut auf . Die Knaben kauerten sich nieder auf den Stufen eines der Wartehäuschen . Durch die offenen Türen hörte man von drinnen abgerissene Worte heraustönen . Und auch durch die Höfe ging ein erwartungsvolles Murmeln . Dann nach ein paar Stunden erscholl Lärm von jenseits der hohen blutroten Umfassungsmauer . Das eilige Heranfahren von Karren . Die Rufe von Sänftenträgern . Die Türhüter öffneten sofort eilfertig ein Tor . So waren es also nicht Feinde , die da nahten ? Nein , Helfer , herbeigerufene Bundesgenossen mußten es sein ! - Ein Aufatmen ging durch die ängstlich Harrenden : es gab also in den Tiefen des nächtlichen Sommerpalastes einen starken , unbeugsamen Willen , der den Kampf aufgenommen hatte und dessen Ruf noch