, der Vollkommenheit näher rückt , - und sein Begehren , ein Kind lieben zu dürfen , war so stark , daß er oftmals glaubte , ohne diese Liebe nicht leben zu können . Und gerade über dieses Begehren hatte er strenges Gericht gehalten - und sein Urteil selbst gesprochen . Die Erkenntnis , die ihm Vernunft und Gewissen mit unbarmherziger Nüchternheit diktierten , sprach zu ihm , - daß er selbst verzichten müßte , die ewige Substanz des Lebens weiter zu bauen . Er durfte nicht aus dem Schoß eines geliebten Weibes einen Menschen erwachsen lassen , der die Lasten seiner eigenen , beladenen Körperlichkeit mitbekam ; er war streng und unerbittlich in diesem Punkt . Sollte er in edles Ackerland kümmerlichen Samen streuen ? Gerade er träumte - zart , heiß und in gebändigter Begier , - von einer jener heilen , arttüchtigen Frauen , die ihr Geschlecht stolz verpflanzen , und in seinen einsamen Träumen sank er vor dieser unbekannten Gestalt , als vor dem hochgelobten Bildnis der Anbetung , in die Knie . Er träumte , - ohne zu begehren . Es wäre ihm auch ein müßiges Begehren erschienen ; denn würde je ein Weib , das er lieben könnte - ihn lieben ? Aber er verehrte . Er erglühte in Ehrfurcht , wenn ihm ein Weib » bestimmt zur Hochzucht « , wie er es nannte , begegnete ; und er erkannte solche Art scharf und schnell . Wunderbar war die kurze Zeit gewesen , die er hier im Nebenzimmer verbracht hatte , während diese Frauenstimme , voll und dunkel , wie gedämpfter Glockenklang , zu ihm geklungen war . Und was sie sprach , - es schien ihm wie die Weisheit der Fruchtbaren , der auf Erhaltung Bedachten . Ihr starkes Herz hatte er hören dürfen , und , wie die grünen Pflanzenblätter der Sonne zuwachsen , sich ihr zubiegen und -dehnen , so hatte er heile Instinkte dem Lichte arterhaltender Vernunft sich zuwenden sehen , jener tiefsten Vernunft der Natur , die , ohne zweckhaft zu sein , mit unberechenbarem Drang den Weg der Erhaltung der tauglichen Arten sucht , Sonne , Regen und Wind zu ihnen dringen läßt und , in geheimnisvoller Chemie , das Böse und das Gute tief im Kelch dieser Wesen verarbeitet , zu keinem andern » Zweck « , als um neue Nahrung , neues Wachstum für sie daraus zu gewinnen . Eine tiefere Logik als die durch Ideenreihen zu beweisende , ein unbewußtes , aber instinktstarkes Vertrauen in den logischen Sinn des eigenen Seins , war ihm aus diesen Frauenworten gekommen , - und so unvollkommen der Teil des Gesprochenen gewesen , den er belauschen durfte , so vollkommen klar war ihm der Zusammenhang dessen , was er hörte , mit dem , was ihm seine Schwester berichtet hatte , und ließ ihn die scharf umrissenen Linien eines Schicksals und einer Persönlichkeit erkennen . Die Geschwister blieben nicht mehr lange . Evas Gatte wurde zum Abend zuhause erwartet , und keiner von den dreien empfand den Wunsch , ihr Beisammensein in seiner Gegenwart fortzusetzen . So schieden sie . Schweigend gingen die Beiden durch die Anlagen des Villenviertels , das in tiefer Abendstille , die nur selten vom Rollen eines vereinzelten Wagens unterbrochen wurde , dalag . Ihr Sinn war erfüllt von dem Bilde der Frau , der sie heute nahe gekommen waren , um , vielleicht für immer , von ihr zu scheiden . Und Stanislaus schien es , als ob diese Frau ihre große Prüfung schon bestanden hätte , und als ob ihr das ausgleichende Schicksal nun die Erfüllung schulde - die Erfüllung ihrer persönlichen , noch verdeckten Bestimmung . Denn mußte nicht solcher Art , wie dieser , Verstärkung werden ? Hatte sie nicht die verschleierte Versuchung mit ahnendem Auge erkannt und überwunden ? War sie nicht , indem sie , unanfechtbar von triebhaftem Drang , und nüchtern bedacht , äußerlich in der Falle einer mißlichen Situation verblieb , an der wahren Falle vorbeigegangen , - jener , die ihrer letzten zweckhaften Bestimmung vielleicht gesetzt war ? Und diese Bestimmung , sie konnte bei ihr , wie bei jedem andern , der da auf dem Weltplan seine Rolle bekam , keine von außen gesetzte sein , - es war nichts , als die letzte , unerbittlich logische Folge der Wirkung der gestalteten Substanz , gemäß jener Gesetze , die ihr jeweilig eigneten . Tief in solche Gedanken verloren , ging Stanislaus wortlos neben der Schwester des Weges ; und ihr Herz war ähnlich erfüllt wie das seine und sandte stumme Fragen in das Dunkel , das über jener Frau - wie über ihnen selbst lag . Drittes Kapitel Berlin Motto : » Freiheit ist eine kräftigere Herzstärkung als Tokayer . « Schopenhauer . Immer , wenn Olga nach Berlin gekommen war , so war ihr , wenn der Bahnzug die äußersten westlichen Vororte durcheilte , freier zumute geworden . Mit fröhlichen Augen hatte sie aus dem Fenster des Coupés die Villenkolonien , die zur Weltstadt gehören , begrüßt , und auch diesmal war dieses bekannte Wohlgefühl in ihr aufgestiegen , als die Perrontafel mit der Aufschrift » Groß-Lichterfelde « mit Eilzugsgeschwindigkeit am Coupéfenster vorüberraste und sie im funkelnden Vormittagslicht jener sonnigen Oktobertage , an denen das Berliner Klima so reich ist , draußen die Villen , die Gärten , die freien Felder des Vorortes und die dunkle Linie des Grunewaldes vorüberfliegen sah . » Wechsle den Ort und du wechselst das Glück « , hatte Cousin Diamant getoastet . Und wahrhaftig , sie konnte es brauchen . Gespannt , gequält , oft voll mühsam unterdrückter Ungeduld , so war ihr in letzter Zeit immer öfter zumute gewesen . Und sie hatte oft das Gefühl gehabt , als müsse sie irgend etwas zerschlagen , etwas , das sie von ihrem Schicksal fern hielt , das ihr verwehrte , sich frei den Dingen zuzuwenden mit dem Willen , das Gute in ihnen aufzufinden . Und sie