sorgfältiger , als ich es früher gethan hatte . Ich war der Meinung gewesen , daß es ein zusammengefaltetes Blatt sei , aus nur einem Stücke bestehend . Als ich den Brief nun gegen das Licht hielt , bemerkte ich , daß er aus zwei Teilen bestand , dem Umschlage und dem eigentlichen Schreiben , welches innen lag . Der Umschlag war kein Couvert in unserm Sinne , mit vier auf die Rückseite geschlagenen und dort zusammengeleimten Ecken , sondern einfach ein zusammengelegtes und mit den Enden ineinander gestecktes Papier , ungefähr so , wie unsere Apotheker die Papierumschläge fertigen , in denen sie ihre Pulver verkaufen . Es gab also auf der Rückseite nicht vier zusammenstoßende Ränder , sondern nur einen , der quer über die Mitte ging . Er war durch das mittelste Siegel verschlossen worden . Die andern vier Siegel erschienen also als vollständig überflüssig , obgleich anzunehmen war , daß man auch sie nicht ohne Grund angebracht hatte . Es handelte sich also nur darum , den Mittelverschluß zu öffnen , ohne daß dies später zu entdecken war . Als ich das den beiden Andern mitteilte , bat der Pedehr mich um den Brief . Er bekam ihn , hielt ihn auch gegen das Licht , griff mit dem Zeigefinger erst rechts , dann links in den Umschlag und sagte lachend : » Wo sich Gelehrte vergeblich die Köpfe zerbrechen , da findet der ungelehrte Mutterwitz sofort das Richtige . Ich mache auf , ohne ein Siegel anzurühren ! « Er zog auf der einen Seite den nach innen geschlagenen Teil des Umschlages heraus , schob hierauf zwei Finger hinein und brachte das Schreiben hervor . Der Ustad lachte , und ich stimmte ein . Der Pedehr aber sagte ernst : » Hier zeigt sich wieder einmal , wie wenig sich der Böse auf den Bösen verlassen kann . Und wenn der Ungerechte seine Absichten sogar fünfmal versiegelt , sie kommen trotzdem an den Tag , und zwar infolge seines eigenen Leichtsinnes und seiner Unvorsichtigkeit ! « Wir schlugen das Schreiben auf . Wir waren fast begierig , es zu lesen . Wir thaten das zu gleicher Zeit , ich mit meinem Kopfe ganz neben dem des Ustad . Aber schon nach kurzer Zeit erhob er den seinen , ich den meinen . Wir sahen einander verwundert an . » Kannst du es lesen ? « fragte er mich . » Nein , « antwortete ich . » Ich auch nicht ! Ist dir diese Sprache bekannt ? « » Nein . « » Auch mir nicht ! So können nur ganz wilde Geschöpfe sprechen . Aber die schreiben doch nicht ! « » Es ist Täliq-Schrift ! « » Ganz wohl ! Dieselbe Schrift , von welcher wir vorhin - - - « Er hielt mitten in der Rede inne , sprang auf , machte eine Gebärde der Ueberraschung und fuhr dann fort : » Effendi , welch ein Gedanke ! Wenn er richtig wäre ! « » So sprich ihn aus ! « » Diesen Brief hat ein Sill geschrieben . Du behauptest , der Multasim sei auch ein Sill und hältst ihn für den Adressaten . Wir haben vorhin bei ihm ein Täliq-Alphabet gefunden . Sollte dieses Alphabet sich etwa auf diesen Briefwechsel beziehen ? « Dieser Gedanke war zwar frappierend , aber ganz natürlich . Wir nahmen das kleine Heftchen vor , schlugen es auf und begannen , zu vergleichen . Wie freuten wir uns , schon gleich bei den ersten Buchstaben zu sehen , daß der Ustad mit seiner Vermutung das Richtige getroffen hatte ! Es stand in dem Heftchen ganz deutlich , wie das Schreiben , welches wir geöffnet hatten , zu lesen war . Wir hatten sehr einfach die Buchstaben so zu verwechseln , wie es dort angegeben wurde . Indem ich auf meine Umschreibung in das deutsche Alphabet auf Seite 62 dieses Buches zurückgreife , ist dies so zu verdeutlichen , daß t statt a , u statt b , v statt c , w statt d u.s.w. zu lesen war . Der Ustad holte zwei Papierblätter , für sich eine und für mich das andere . Dann setzten wir uns hin , um die vorgeschobenen Buchstaben in die richtigen zu verwandeln . Als wir damit fertig waren , stellte es sich heraus , daß zwischen den beiden Schreiben nicht der geringste Unterschied bestand . Nun hatten wir mit dem Sinne der Worte zugleich den Inhalt des Briefes kennen gelernt . Für den Uneingeweihten wäre er selbst jetzt nach der Entzifferung ein Rätsel geblieben . Aber so wenig wir über die Silben wußten , so war es doch genug für uns , diesen Inhalt zu verstehen . Der Brief lautete folgendermaßen : » An Ghulam el Multasim , meinen Henker ! Es ist die Zeit gekommen , daß die Gul-î-Schîraz auf der Brust von Rafadsch Azrim zu erblühen hat . Das soll am fünften Tage des Monates Schaban geschehen , zur Zeit des Abendgebetes , keine Stunde früher , keine später . Du brauchst ihn nicht zu suchen . Er wird dir zugeführt , wo es auch immer sei . Du weißt , daß ich zwar unsichtbar , doch auch allmächtig und allgegenwärtig bin ! Blüht sie nicht ihm , so blüht sie sicher dir ! Der Aemir-i-Sillan . « » Welch eine wichtige Entdeckung wir da machen ! « rief der Ustad aus , als diese Zeilen laut vorgelesen worden waren . » Wenn man doch wüßte , wer dieser Aemir-i-Sillan ist ! « » Greif nicht sofort zu hoch ! « forderte ich ihn auf . » Wie meinst du das ? « fragte er . » Laß uns , ehe wir Fragen aufwerfen , den Brief erst geistig anschauen ! Der Inhalt ist uns verständlich ; aber das , worauf er sich bezieht , kennen wir noch nicht . Wir haben es uns zu suchen , auf dem Wege des Nachdenkens . Auf den Obersten