ganz einerlei , ob mal bei meinem Begräbnis ein paar » politisch bedeutende « Leute sagen : » Wieder ein angenehmes Haus weniger - gab doch famose Diners , die Frau « und dann auf die Uhr schauen und wo anders essen gehen ! Ja , wenn man jung wäre und die Schwungkraft besässe , die der Glaube an die Wichtigkeit der Dinge stets verleiht ! Aber ich bin müde - nur immer müde . Und soziale Ambitionen ! - ach , Du lieber Gott ! Wäre mein Bruder nicht bei mir , ich käme mir ganz verloren vor , denn in Berlin fühle ich mich so fremd - fremder beinahe als in Amerika oder China ! Ich hatte mir immer den Glauben bewahrt , dass es , wenn ich mal wieder nach Deutschland käme , gar nicht anders sein könne , als dass mich gleich ein wonniges Heimatsgefühl umfange - und nun ist alles so ganz anders , als ich es mir in der Ferne dachte ! Es ist ja immer alles im Leben anders , als man es sich dachte - aber nie schöner ! Seit ich in Deutschland bin , warte ich beständig auf das Erwachen meines Heimatsgefühls - aber es bleibt immer noch aus . Ich hatte viel Hoffnungen auf den Anblick des Brandenburger Tores gesetzt . Aber vergeblich . Dass die Allee mit den Kurfürsten und sonstigen grossen Männern es nicht weckte , ist nicht zu verwundern , denn die war mir gänzlich neu . Hat mir nur bewiesen , dass mich als Kind ein richtiger Instinkt leitete , wenn ich mich gegen Geschichtsunterricht wehrte - die Ansichten und Urteile sind ja offenbar noch immer gar nicht feststehend . Hier im Hotel Buckingham , Unter den Linden , wo wir wohnen , weil es Amerikaner meinem Bruder empfohlen haben , werde ich sicher auch nicht zum Bewusstsein einer Heimat gelangen . Mit meinem fortwährenden Suchen nach Heimatsgefühl komme ich mir halb rührend , halb komisch vor , etwa so , wie der im heiligen Lande nach seinem verlorenen Glauben suchende Pierre Loti . Aber fürchten Sie nichts , lieber Freund , ich will Ihnen nicht wie er ein ganzes Buch darüber schreiben ! Ich bin nämlich viel schneller als Loti zu einer Erklärung der Vergeblichkeit unseres Suchens gekommen . Ich fürchte , er wie ich sind zu lange fortgeblieben , er von den Stätten des Glaubens , ich von denen der Jugend - für Glauben und für Heimat gibt es vielleicht auch ein » zu spät « . Ist man Ihnen erst einmal völlig fremd geworden , so versteht man sie nicht mehr und sie lassen sich nicht wieder finden . Aber die Sehnsucht nach der einstmaligen Heimat ist doch so stark in mir , dass ich die Erinnerungen daran wenigstens auffrischen will , um sie mit mir zu nehmen , wenn ich wieder hinaus segle . Hier in Berlin ist alles so neu , fremd und gross geworden , dass ich mich vergeblich darin nach meiner kleinen Vergangenheit umschaue . Ich will sie suchen draussen auf dem Lande . Morgen früh will ich nach dem Gute fahren , das einst das Elternhaus meiner Mutter war , und in dem ich dann später bei Verwandten als Waise lebte , bis der unerwartete Glücksfall eintrat , dass sich für mich unbemitteltes Mädchen ein wohlhabender Mann fand ! Als arme Verwandte habe ich dort manch bittere Stunde erlebt und habe den Bruder beneidet , den ich damals selten sah , von dem ich aber wusste , dass er sich zu einem nützlichen , ihn unabhängig machenden Beruf ausbildete . Wie gern hätte auch ich das getan ! Aber meine Verwandten hielten es für ihre Pflicht , mich wie die eigenen Töchter zu erziehen , d.h. mich moderne Sprachen , Handarbeiten und etwas Zeichnen und Malen lernen zu lassen und mir die Sorge der Herrichtung der Fremdenzimmer zu übertragen , wenn Besuche kamen . Es war möglichst unpraktisch , aber ganz standesgemäss . Ich beneidete die Gutsmamsell , die sich ehrlich ihr Brot verdiente , und ich suchte von ihr zu lernen . Die Verwandten lachten mich aus und sagten , ich würde sicher noch mal eine gute Partie machen . Na , sie haben ja in ihrer Art recht behalten - aber die Mamsell habe ich später erst recht beneidet ! Trotz aller bittern Stunden ist mir Garzin doch immer in der Erinnerung geblieben als das eine Fleckchen Erde , an das ich ein Recht habe , das Recht , das man durch Liebhaben erwirbt . In meinen Gedanken habe ich es unbewusst immer » zu Hause « genannt , obschon die Verwandten , denen es damals gehörte , längst tot sind und es jetzt , durch allerhand unverständliche Lehnsgesetze , Eigentum eines ganz fremden , alten Herrn geworden ist , der nie hinkommt , und sein bisschen kränkliches Leben von einem Badeort zum andern schleppt . Dorthin will ich also morgen früh fahren , und bei dem Gedanken dieses Wiedersehens klopft mir das Herz - ich denke mir , so muss einem zu Mute sein , wenn man zu einem Stelldichein geht . Und es ist ja auch ein Stelldichein - mit der Vergangenheit ! Ich trete immer wieder ans Fenster , von dem man auf den innern , zu einem Miniaturgärtchen verwandelten Hotelhof blickt , und schaue an den hohen Wänden hinauf zu dem schmalen Streifen Himmel über mir , und jede graue Wolke , die daran vorüberzieht , beängstigt mich , denn ich möchte mein liebes , altes Garzin nicht im Regen wiedersehen , sondern in seinem hellsten , sonnenbeschienenen Frühlingsgewand . Das stand ihm immer am besten ! 29 Berlin , Mai 1900 . Und ich habe es im Sonnenschein wiedergesehen ! Ganz früh fuhr ich vom Friedrichstrassen-Bahnhof ab . Zuerst durch das hässliche Strassengewirr , an hohen Häusern vorbei , in die man von rückwärts hinein schaut , als wolle man heimlich und hinterrücks all ihre Geheimnisse ergründen . Staub , Russ