Polizei in der Stube . Den Hut hatte mein Mann schon verkauft . Er hatte ja kein ' rechten Verdienst mehr , in die Fabrik wollt ' er nicht wieder . Mutter , sagt er , seit daß ich hab brummen müssen , hab ich da keine Geduld mehr zu . Wenn ich an all die Jahren denk und an all die Nadelspitzen , wo ich all gemacht hab , dann wird mir ganz kribbelig . So ' n Leben is gar kein Leben , das ' n Hundeleben , das sagen sie da auch alle , die da brummen müssen . Ich möcht was Forsches , ' n Haus anstecken oder so was , bloß aus Überdruß , das kannst mir glauben . Ach , was hab ich geweint ! was hab ich geweint ! Nu war mein Mann ja rückfällig , und sie gaben ihm sechs Monat . Sechs Monat für den alten verfluchten Hut . Ja , nehmen Sie es man nich übel , daß ich fluchen tu ! das soll ja nich sein ! das is auch sonst meine Manier nich , aber manchmal - Nu , wie mein Mann wieder frei kam , sah ich das all : der war krank ! Ach jotte doch , was war der Mann krank . Da war das bald zu Ende . Er hatte die Auszehrung . Der Doktor , der sagte , der Husten wär woll von dem Glasstaub , womit die Nadelspitzen geschliffen werden . Das is nich gesund . Und in den Gefängnis , da war das immer so kalt und feucht gewesen , die husten da alle . Er wußt das nich , daß er sterben tat , er war ganz wie wild , mein Mann . Ich mußt ihn man quälen und bitten , daß er nich auf die Straße ging und was ansteckte . Er wollt immer was anstecken . Mutter , sagt er , wenn das denn so recht brennt ! so ' n Höllenfeuer ! nich du ? Ach , er war ja wohl nich so ganz bei sich , denk ich man . Wie er tot war , dacht ich , nu kriegt ich ' n büßchen Ruh . Nu kam das . « Josefine sah wie erschreckend auf das Notizblatt , das mit Zahlen bedeckt war . Sie hatte diese Ziffern geschrieben , sie hatte die Summe der Knopflöcher berechnet , während die Arme vor ihr den kurzen , furchtbaren Bericht gab über das , was ihr Leben gewesen war . Die Tatsache traf Josefine wie ein unerwarteter Blick in den Spiegel . Sie erblickte sich selbst , und sie sah in ihrem eigenen Bilde das Bild aller Menschen ihrer Kaste und ihres Berufes . Ja ! ja ! ja ! das sind wir ! so sind wir ! wir rechnen , während sie verbluten ! Wir rechnen , und wir glauben , daß wir etwas für sie tun , wenn wir die Schweißtropfen zählen , die sie für uns vergießen ! Das ist die Wissenschaft ! So ist ihre Stellung zum lebendigen , leidenden , blutenden Leben ! Nie , nie , nie wird dem lebendigen , leidenden blutenden Leben durch die Wissenschaft Hilfe kommen ! Es ist alles Lüge und Betrug ! Oft noch in späteren , stumpferen Jahren gedachte Josefine dieser Augenblicke vor der verstümmelten Kranken , wo in ihre bittere Verzweiflung die ersten Tropfen der Selbstverachtung geflossen waren . Und sie gedachte auch , wie mitten in ihren angstvollen Selbstanklagen der behandelnde Arzt zum Verbinden hereinkam , sauber und wichtig mit einem Geruch nach Wein und einer Jovialität , die gleichfalls vom Wein herrührte , und wie geschäftig er von Bett zu Bett eilte , und wie er über die alte Frau lachte , die im Delirium lag und unanständige Lieder sang , und wie er sie ermunterte , mehr dergleichen zu singen . Er lachte wie gekitzelt . Und wie würde er erst gelacht haben , wenn man ihn gefragt hätte , warum er sich so wichtig und vortrefflich vorkomme . Und Josefine erinnerte sich später , wie ihr an dieser Stelle die Phylloxera-Kommission eingefallen war und ihre ausgezeichnet wichtigen und würdigen Mitglieder . Der Vater hatte Josefine von diesen vortrefflichen Herren erzählt , nachdem er ihren Bericht entgegengenommen . Nach der » streng sachlichen « Berichterstattung hatte eines der Kommissionsmitglieder ein hübsches , kleines Frühstück gegeben und dabei ein ganz klein wenig zu viel getrunken . Und in diesem Zustande hatte das würdige Mitglied einen hübschen , kleinen Trinkspruch ausgebracht auf - die Phylloxera , die sie hier so freundschaftlich vereinigt , die ihnen eine so ersprießliche Tätigkeit eröffnet , und die sie hoffentlich noch recht oft so freundschaftlich zusammenführen werde . » Aber die Phylloxera wird , denk ich , bald vertilgt sein ! « hatte Plattner ganz bestürzt gerufen . Worauf der Trunkene treuherzig erwidert : » Wollen ' s nicht hoffen . Da wär ja die Phylloxera-Kommission auf einmal überflüssig . « Möglich oder unmöglich , den gegenwärtigen Zustand zu ändern , dachte Josefine - um die Möglichkeit handelt es sich gar nicht . Es handelt sich darum , daß die Phylloxera-Kommission von der Phylloxera lebt , und daß sie brotlos ist , wenn die Phylloxera vertilgt würde . Es handelt sich darum , daß der Arzt von der Krankheit lebt , und daß es in seinem Interesse liegt , wenn die Gelegenheit nicht ausstirbt , für die er seine Kenntnisse erworben hat . Wie die Made im faulen Fleisch , wie der Richter im Verbrechen , so sucht und findet der Arzt und das Heer seiner Gehilfen in den Krankenhäusern und Kliniken eine auskömmliche Existenz . Und darum liegt es im Interesse der Interessenten , daß faules Fleisch , Verbrechen und Krankheiten immer in genügender Masse vorhanden seien ; und alle Reden von Humanität , Wohlfahrtseinrichtungen , Fortschritten der Zivilisation sind bei der heutigen Ordnung der Dinge und im Munde der sich darin Wohlbefindenden Lüge und Betrug !