- also auf der gewohnheitsgeglätteten Bahn . Die neuen , noch nie gehörten Ideen , die Rudolf vorgebracht hatte , blieben teils unverstanden , teils flößten sie Bangen ein . Namentlich von seinen Standesgenossen mußte er Vorwürfe hören . Die älteren Herren gaben ihm wohlmeinende Belehrungen . Sie waren ja erfahrene Politiker - » Realpolitiker « ; sie wußten also genau Bescheid und versuchten eindringlich , ihn von seinen unpraktischen Anschauungen abzubringen . An und für sich mag ja dies und jenes richtig sein - gaben sie zu - einiges sogar unanfechtbar , dennoch dürfe man es nicht vorbringen , weil es an gewissen Stellen verstimmen könnte - und vor allem gälte es , die eigene Partei regierungsfähig zu machen - nur dann sei überhaupt etwas zuerreichen . Daher ist Unterwerfung unter das Parteiinteresse das wichtigste politische Prinzip : nachgeben auf gewissen Gebieten , damit auf der anderen Seite auch nachgegeben werde - » Kurz , « unterbrach Rudolf solche Weisheitslehren , » der Kultus des heiligen Kompromiß - nein , ich danke . « Dem meisten Widerstand begegnete Rudolf von einer Seite , von der er ihn am wenigsten erwartet hätte - bei seiner Frau und deren Mutter . Kein direkter Widerstand gegen seine Prinzipien , denn von diesen verstanden sie nichts und er hatte sie ihnen auch nicht mitgeteilt , sondern indirekt durch das Hervorkehren ihrer Auffassung des ganzen parlamentarischen Berufs , in welchem sie nichts sahen , als den Hebel zur Erlangung eigener Vorteile . Als die eigentliche Aufgabe , als die unabweisbare Pflicht eines Abgeordneten betrachteten sie das Bestreben , durch die politische Tätigkeit Karriere zu machen . Also natürlich alles tun und reden , was den jeweiligen Ministern und noch mehr was allerhöchsten Orts gefallen muß . » Darum , nicht wahr , Rudi , nur immer eintreten für Thron , Altar und Armee ... unser Hof ist ja sehr fromm ... Und - friedliebend ist der Kaiser ja auch - aber er liebt seine Armee und tut so viel für sie ... was Friedrich Tilling wollte , ist ja recht schön ; aber nur darf man das Militär nicht angreifen ... je stärker das Heer ist und je besser gerüstet , desto weniger werden die anderen sich trauen , Krieg anzufangen ... was würde auch aus allen Söhnen des Adels werden , wenn man weniger Offiziere brauchte ? ... Und dann : es ist gar nicht anständig , nicht patriotisch , wenn man gegen den Militarismus loszieht - das tun ja die sogenannten Roten , die alle Ordnung untergraben wollen ... « Rudolf wehrte derlei Einmengungen zwar ungeduldig ab , aber in einer Form oder der anderen schwirrten sie immer wieder um seine Ohren . Es war ihm daher beinahe wie eine Erleichterung , als er nicht gewählt wurde ; denn zu dem Kampf , der im Reichsrat aufzunehmen war , hätte sich noch der Kampf mit den Seinen gesellt . Er wäre zwar nicht zurückgeschreckt vor diesem Kampf , und war entschlossen , bei nächster Gelegenheit wieder auf den Plan zu treten . Den vor längerer Zeit seiner Mutter mitgeteilten Plan , mit den Führern der Friedenssache in brieflichen und persönlichen Verkehr zu treten , hatte er ausgeführt . Er schrieb an Hodgson Pratt und Randal Cremer nach London , an Frèdéric Passy und Simon nach Paris , an Franz Wirth nach Frankfurt a. M. , an Virchow nach Berlin , an Professor Graf Kamarowsky nach Moskau , an Teodoro Moneta nach Mailand , an Ruggiero Bonghi und Beniamino Pandolfi nach Rom , an Frederic Bajer nach Kopenhagen , an General Türr nach Budapest ; von diesen erfuhr er genau , wie die » Bewegung « für Frieden und Schiedsgerichte in den verschiedenen europäischen Ländern stand und in das bekannte Protokoll gab es wieder viel einzutragen . Hätte Rudolf dem Parlamente angehört , so würde er versucht haben , sich an die Spitze einer österreichischen Gruppe der Interparlamentarischen Union zu stellen . Eine solche entstand anläßlich der im November 1891 in Rom tagenden interparlamentarischen Konferenz , und zur Anregung dieser Bildung hatte er redlich beigetragen . Im übrigen war und blieb er ein Feind des Vereinswesens . Martha hatte ihm nahegelegt , daß für ihn die beste Art , Tillings Ideen zu verwirklichen , darin bestände , die internationale Bewegung , mit deren Trägern er ja so eifrig korrespondierte , nach Österreich zu verpflanzen , indem er auch in Wien einen Verein ins Leben riefe , dessen Mitglieder dann an den alljährlichen Kongressen teilnehmen würden . Aber dazu konnte er sich nicht entschließen . Er war nicht , was so viele Menschen nach mehrjähriger Erfahrung werden - vereins müde denn er hatte darin keine Erfahrungen , - sondern er war vereins scheu . Konkrete Dinge , wie beim Roten Kreuz , Rettungsgesellschaft , Tierschutz und dergleichen - die konnten wohl durch Organisation ersprießlich betrieben werden ; abstrakte Ideen , sittliche Ideale , philosophische Wahrheiten : nein , diesen half es nichts , sie in ein Bureau mit Funktionären und Sitzungen mit Protokollen , oder in Kongresse mit Resolutionen zu zwingen ; die mußten , um die öffentlichen Institutionen umzuwandeln , ihren Weg ins Haus , in die Schule , in die Köpfe der geistigen Führer und der Staatslenker finden . » Eine Weltanschauung , « pflegte er zu sagen , » läßt sich nicht organisieren ; zur Heranziehung einer Gemeinde gehören nicht Vorsitzende , Schriftführer und Kassenwarte , sondern Apostel . « » Und willst Du nicht Apostel werden ? « hatte ihn Martha gefragt . » Wollen - hängt das vom Wollen ab ? « fragte er zurück . » Ebensogut könnte man sich vornehmen , ein Genie zu werden . Wie hoch die Kraft sein wird , die man in den Dienst einer Sache stellt , das kann man nicht bestimmen , nur das eine kann man sich vornehmen : treu zu dienen - mit der ganzen Kraft , die man überhaupt hat . « Da ihm die Tribüne des Abgeordnetenhauses