den Türen und Auslagefenstern , die Hände tief in die Hosentaschen vergraben . Schon von weitem sah man die Schar der Schüler vor dem Schulgebäude . Viele standen um eine Litfaßsäule , wo eine Göttin der Vernunft auf einem grünen Plakat ein gelbes Stück Seife emporhielt als wäre es eine Brandfackel . Die Schüler machten ihre unangenehmen Zoten über die Nacktheit der Seifengöttin . Kaum waren Agathon und sein Begleiter , der jetzt seinerseits in Schweigen versunken war und nur bisweilen einen schelen Seitenblick auf den Mitschüler warf , hinzugekommen , als eine Anzahl von Agathons Klassenkameraden auf ihn zustürzte , ihn an Schultern und Armen packte und in ihn hineinschrien : es sei doch einer ermordet worden in Zirndorf , ob er ihn gesehen habe , er solle erzählen , wie es zugegangen sei und so weiter . Die Schüler der unteren Klassen machten respektvoll Platz und begnügten sich damit , am Rande des Kreises ihre Ohren zu spitzen , um etwas zu erlauschen . Agathon sah sich dicht umstellt , und der Kleine schaute in naiver Furcht zu ihm auf und sagte : » Warum hast du das mir nicht gesagt ? « Herr Pedell Dunkelschott erschien pustend auf der Schwelle des Schulhauses , und die Schar strömte laut lärmend in die hallenden Korridore . Agathon saß bald auf dem kleinen Klappstuhl , steif und still - und hörte nichts von dem Toben um sich . Ein süßes Wohlbehagen kam über ihn ; der Ofen summte an seiner Seite , und draußen lag durchsichtig der lichte Herbstnebel . Er sah die Landkarten und es öffneten sich die fernen Länder , den Globus und er fühlte sich weit über der Erde . Er fühlte sich edler und älter , wie ein Mensch , der seine schlummernden Leidenschaften kennen gelernt hat . Der Unterricht begann . Professor Schachno spazierte mit seinen kurzen Veinchen geziert umher und schien bisweilen im Gehen zu schlummern oder er summte behäbig eine stille Weise vor sich , gleichsam einen Hymnus an jene sanfte Milde , mit der er die Welt betrachtete . Seine Haupttätigkeit bestand im Zudiktieren von Strafarbeiten , welche ihm das Ideal der Pädagogik zu sein schienen . Ein vergessenes Heft , ein schlecht gelernter Vers , ein Tintenfleck , ein unzeitgemäßes Lachen , ein unanständiges Rülpsen , das alles waren Fehler , einzig und allein ausrottbar durch das Universal Strafarbeit . Er dozierte deutsche Literatur und sprach über Goethe so , als ob Goethe froh sein müßte , einen Schachno als Nachgeborenen gefunden zu haben . Er summte gerade wieder und schlummerte zugleich ein wenig , als sich Agathon Geyer schwankend erhob und mit erloschenem Blick vor sich hindeutete . In seinem Gesicht lag ein tierisches Entsetzen . Die Schüler erhoben sich bang und flüsternd . Agathon stürzte zum Podium , fiel in die Knie , machte eine Armbewegung , als ob er die Füße eines Menschen umklammerte und sah mit brechenden Augen hinauf in das Gesicht dieser unsichtbaren Gestalt , Sürich Sperlings . Drittes Kapitel Niemals sinkt der Abend so still herab , als wenn die Kirchenglocken läuten ; Nebel fällt wie ein Gespinst über die Dächer , gleitet an den Häuserwänden herab , umhüllt flatternd die Laternen , liegt unbeweglich still in den Gärten und gibt ihnen das Ansehen eines Sees . Die Schritte scheinen leiser zu werden wie auf Teppichen . Agathon stand auf dem nassen Pflaster und schaute in eine glänzend erleuchtete Etage hinauf . Er dachte etwas verwundert nach über die Pracht und den Reichtum dieses Judenhauses , ging dann weiter und begegnete den Juden , die , aus dem Abendgottesdienst kommend , laut feilschten und handelten . Als er sie sah , fühlte Agathon , daß die Judenreligion etwas Totes sei , etwas nicht mehr zu Erweckendes , Steinernes , Gespensterhaftes . Er wandte seine Augen ab von den häßlichen Gesichtern voll Schachereifers und Glaubensheuchelei . Die Kirchweihbuden füllten die Königstraße bis zur protestantischen Kirche hinauf . Die Ausrufer der Schaubuden schrien sich heiser und verdrehten den Körper , als ob sie Leibschmerzen hätten ; mit gesträubten Haaren schrien sie die Vorzüge ihrer Sehenswürdigkeiten aus . Wirr und schrill klangen die Orgeln , Pfeifen und Trompeten und das Gebrüll der Tiere drang aus der Menagerie . Trompeten , Pfeifen und Ratschen erschallten , ein wüstes Summen , Surren und Johlen . Kinder mit vor Neugier bleichen Gesichtern machten sich keuchend Bahn . In den Wirtschaften gröhlten die Zecher . Aus den engen Gäßchen zog der übelriechende Rauch der Heringsbratereien . An der Glückshalle stand Kopf an Kopf eine bewegungslose Menge . Daneben lief ein großes Karussel auf Schienen ; es wurde durch einen sinnreichen Mechanismus in rasende Schnelligkeit versetzt . Man sah dann nur schattenhafte Gestalten , verzerrte Gesichter und bacchantische Schreie . Unter den Leinwanddecken des Zeltes brannten Pechfackeln ; es sah aus wie ein ungeheures , von schwarzem , schwälendem Rauch durchzogenes Feuerloch . Agathon schob sich durch die Massen , während seine Seele warm und gerührt wurde . Ein beglücktes Heimatsgefühl erfaßte ihn ; er hatte freudige Augen für das , was rings geschah und sah die vielen Gegenstände , die allenthalben zur Schau geboten wurden , mit zärtlichen Blicken an . Er blieb vor dem Kasperltheater stehen und schaute zu ; ein alter Arbeiter mit grauem Lockenhaar stand neben ihm und wollte schier sterben vor Lachen . Die Kirchenglocke begann wieder zu läuten . Bestürzt blickte Agathon am Turm empor . Der Ausrufer des Wachsfigurenkabinetts strengte sich mehr an , als seine Kameraden . » Hier kann man sehen die Passion Christi , unseres Heilands , in siebzehn Stationen , - großartig , meine Damen und Herren , großartig ! « schrie er , heiser vor Begeisterung . Wie von einer Faust gestoßen , bestieg Agathon das Podium , zahlte zwanzig Pfennige , das einzige Geldstück , das er besaß , und verschwand hastig hinter dem braunen Vorhang . Tiefaufatmend stand er in der dumpfen Luft des Innenraumes . Nur eine Bauernfamilie