Generalprobe . Das ist der Anfang des Endes . Sie hatte es lachend gesagt und er hatte gelacht . Aber als er draußen war und die Treppe hinabstieg , lachte er nicht mehr . Seine Stirn war gefurcht und er murmelte durch die Zähne : Oder war es schon das Ende selbst ? Klotilde saß wieder in ihrem Fauteuil ; Liesbeth spielte zu ihren Füßen auf dem Teppich , ganz wie in der projektierten , hernach verworfenen Idylle . Schade ! Wir waren so gut im Zuge ! Glaube wahrhaftig , ich hätte ihm im nächsten Augenblick einen Kuß gegeben . Die dumme Depesche ! Aber so ist es immer ! Dreizehntes Kapitel In dem großen Freundes- und Bekanntenkreise des Sudenburg ' schen Hauses war seit vierzehn Tagen beinahe nur von den theatralischen Aufführungen gesprochen , durch welche das sechzigjährige Geburtstagsfest des Direktors am fünfzehnten November gefeiert werden sollte . Zwar hatten die zunächst Beteiligten einander zugesagt , der profanen Menge nichts von ihren Künsten zu verraten . Aber von einzelnen mochte die Zusage nicht streng gehalten worden sein , oder die ab- und zugehenden Dienstboten hatten geplaudert - lange vor dem bestimmten Tage hatte sich ein Mythennebel um das kommende Ereignis gelagert . Es sollten ein paar ganz tolle Possen zur Aufführung gelangen , in deren einer über die shopkeepers , in der anderen gar über die Offiziere die blutigste Geißel der Satire geschwungen würde . Die Verständigeren widersprachen : eine derartige Ausschreitung sei in dem Hause eines Ministerialdirektors unmöglich , der genau wisse , welche Rücksichten er auf seine Stellung zu nehmen habe , von denen , welche er seiner Gattin , bekanntlich einer reichen Bankiertochter , und den Portepees seiner beiden Söhne schuldig sei , zu schweigen . Auch pflegten sich Gymnasialprofessoren - und der Verfasser der Stücke sei einer - auf dergleichen Extravaganzen nicht einzulassen . Viel eher stehe bei einer solchen Autorschaft zu fürchten , es werde sich um steifstellige , akademische , hochgradig langweilige dramatische Stilübungen handeln , und man thue gut , sich darauf gefaßt zu machen . Wie immer dies Gerede hinüber und herüber sich zu der Wirklichkeit verhielt , die Erwartungen waren allerseits hochgespannt und man zeigte einander die erhaltenen Einladungskarten als einen Schatz , den man um vieles nicht weggegeben hätte . Nun war der vielbesprochene Abend da . Vor dem Portal des Hauses , in welchem die Dienstwohnung des Direktors lag , war ein mächtiges Zelt errichtet ; Teppichläufer erstreckten sich aus dem hellerleuchteten Flur über das breite Trottoir bis zu dem Fahrdamm . Auf welchem jetzt Wagen auf Wagen heranrollte , deren geputzte Insassen , nachdem der stattliche Portier den Schlag aufgerissen , eilig dem Hause zuschritten zwischen dem dichten Spalier sämtlicher Portierkinder der Straße und der sonst zusammengelaufenen Neugierigen . Daß die Damen so dicht verhüllt waren , und man nur eben ihre frisierten , blumengeschmückten Köpfe bewundern konnte , war freilich ein Jammer . Dafür entschädigte einigermaßen der Glanz der Orden , den die Mäntel und Paletots der Herren nicht immer verhüllten . Von den Herren , die zu Fuß kamen und sich nicht selten erst mit Hilfe der beiden Schutzmänner durch die Menge winden konnten , wurden höchstens noch die Offiziere beachtet . Die höfliche Bitte der Einladungskarten um möglichst pünktliches Erscheinen wäre wohl kaum nötig gewesen : verstand es sich doch von selbst , daß man an einem solchen Abend die Wirte nicht warten lassen dürfe . So hatte sich denn auch binnen kaum einer halben Stunde die ganze Gesellschaft versammelt und den prächtigen Festsaal bis auf den letzten der aufgestellten dreihundert Stühle gefüllt , während in dem Nebensalon , den eine breite Schiebethür mit dem Saal verband , noch Kopf an Kopf eine beträchtliche Menge stand , der man beim besten Willen zu einem Sitzplatz nicht mehr verhelfen konnte . Glücklicherweise hatten die zwei Kameraden , welche an Stelle der verhinderten Haussöhne als Arrangeurs fungierten , noch sämtliche Damen im Saale selbst unterbringen können und baten nur den Himmel , daß jetzt keine mehr kommen möchten . Hatte es doch schon entsetzliche Mühe gekostet , die ersten Sesselreihen für die Minister und ihre Gemahlinnen frei zu halten , in deren Mitte auf Ehrensesseln der Gefeierte selbst und seine Gattin unmittelbar vor dem rotseidenen , golddurchwirkten Vorhang saßen , der , von der einen der Seitensäulen bis zur anderen ausgespannt , die in der kleineren Abteilung des Saales aufgebaute Bühne verdeckte . Und das summte , schwirrte , wirrte nun in der großen erwartungsvollen , eifrig konversierenden Gesellschaft , daß es das Publikum der Première eines neuen Stückes aus der Feder des meistumworbenen , bestgehaßten Modeautors nicht anders zustande gebracht hätte . Albrecht machte diese Bemerkung zu Elimar , mit dem er hinter dem Vorhang auf der noch leeren Bühne stand . Glücklicherweise sind diese Herrschaften ein gut Teil naiver als das Premièrepublikum unserer Modetheater , entgegnete Elimar . Glauben Sie ? Ganz gewiß . Schon deshalb , weil sie aus sehr triftigen ökonomischen Rücksichten die Theater sehr selten besuchen . Ich möchte darauf wetten , daß die meisten von ihnen überhaupt niemals einer Première beigewohnt haben . Dann dürfte man wohl sagen : Iliacos intra muros et extra : wir hier auf der Bühne leisten doch auch an Naivetät das Menschenmögliche und taumeln sorglos an klaffenden Abgründen hin . Das mag für uns gelten , nicht für Sie . Ich prätendiere nicht , eine Ausnahme zu sein , und fühle mich in Rom ganz Römer : schließe die Augen und lasse es gehen , wie ' s Gott gefällt . Ich habe immer gemeint : es gefällt Gott am besten , wenn sie , denen er Augen zum Sehen gab , sie möglichst weit aufthun . Glauben Sie mir , lieber Herr Professor , in einer Welt voll von Gebärdenspähern und Geschichtenträgern ist das dringend nötig . Elimar hatte sich zu Adele gewandt , die aus dem Ankleideraum der Damen auf die Bühne gestürzt kam , sich in ihrer Haushälterinnen-Maske zu präsentieren .