daß er sich aufraffte , einmal von der Trockenwiese davonschlich und auf das Gemeindeamt ging . Dieser erste Weg , den er machte , ohne daß er auf den Arm der Hanne gestützt war , wurde ihm recht sauer ; aber je weiter er ging , desto mehr fühlte er wieder seinen Mut und seine Kraft wachsen . Freilich , da in der dumpfen Stube neben einem greinenden Kind und einem stillen traurigen Mädchengesicht , auf dem Krankenbett oder auf dem Pranger am Fenster , dem Gespötte und Geschimpfe preisgegeben , wer kann sich da erholen , und selbst die Trockenwiese , wo die Welt mit Leintüchern verhängt ist , » ein wahres Versimpeln das « , murrte der Leopold vor sich hin und trat immer fester auf , und ehe er es versah , war er auch schon oben in der Gemeindekanzlei . Er kam sich aber wie ein Bettler vor , als er mit dem Hute in der Hand neben der Türe stand und auf seinen Bescheid wartete . Er hatte schon soundso oft schriftlich angefragt , wann er wieder seinen Dienst antreten könne , er hatte die Hanne hergeschickt und anfragen lassen , aber sie sagten ihr , er müsse selbst kommen . Nun also , jetzt war er da ! Warum ließen sie ihn aber so dastehen , als ob er gekommen wäre , sich eine Gnade auszubitten ? Er wußte ja nicht , daß seine Entlassung schon vor Monaten beschlossen war , daß sie in einem Brief mit großem Siegel in die Blaue Gans geschickt wurde und daß sie hinter der Uhr verborgen steckte von der Hanne , um vorläufig wenigstens eine Sorge von ihm zu nehmen . Die Hanne war auch nie auf das Amt gegangen , sie bog alleweil nur um die nächste Ecke und lief dann auf einem andern Wege nach der Trockenwiese , wo sie sitzen blieb und das Kinderzeug zurechtflickte , das sie sonst beiseite schieben mußte . » Ihre Stelle ist längst vergeben , mein lieber Weis , reichen Sie neu ein , wenn - wenn Sie sich ganz erholt haben « , sagte der Vorsteher und musterte den Leopold vom Wirbel bis zur Zehe . - » Aber ... « » Ist Ihre Frau schon wieder heimgekehrt , oder leben Sie noch immer so - « , näselte der Beamte . » Gehört das auch zu meiner Entlassung , oder ist es genug , daß ich krank war und darum meinen Dienst nicht hab versehen können ? « meinte der Mann und biß die Zähne übereinander . » Warum wurden Sie krank ? « meinte der Beamte hochmütig und lächelte so , als ob er die Menge Dinge wüßte , über welche er nicht reden möchte . » Weil ... Ei so ! « murmelte der Leopold , warf seinen Hut auf den Kopf , zerrte an der Krempe und drehte sich auf den Absätzen um , ohne noch einmal in das rotgetupfte Gesicht des Menschen zu sehen , der ihn halb wie einen Narren und halb wie einen Taugenichts abgefertigt hatte . Nicht das , was er zu ihm sagte , war es , sondern wie der Kerl , der allezeit hinter dem Schreibtisch hockte , es sagte , das war es . » Ob das wohl früher einer riskiert hätte , he ? « ... Als er noch im Regiment stand und sich da unten mit zwei heilen Armen herumraufen konnte , und auch noch später , vor Monaten , als er rechtschaffen mit Weib und Kind neben seinen Nachbarn lebte , der Angesehenste fast . » Wenn ich nur wüßte warum ? « brummte der Leopold und stolperte durch die engen Gassen . Da er niemand hatte , dem er sein Mißgeschick erzählen konnte , so wurmte ihn der Gedanke , daß er jetzt vor dem unleidigen Patron da oben eine alberne Rolle gespielt habe , zu der ihm die Hanne verholfen . Obwohl er recht gut erkannte , warum sie ihm die üble Kunde verborgen hatte , konnte er doch den Ärger nicht verwinden ; er eilte heim und begehrte den Brief von ihr . Verschüchtert kramte das Mädchen die Unheilsschrift hervor , und als er das Ding in Händen hielt , kam auch die Verbittertheit rückhaltlos hervor . Das war ein ganz regelrechter Verweis , den die Hanne bekam , etwa so , wie ihn ein Mann seinem Weibe gibt . Alles das , was er in den bittersten Stunden der Lene nicht zu sagen gewagt hätte , alle starrsinnige Rechthaberei , aller niedergehaltene Grimm brach los . Da war ja ein Geschöpf , das widerstandslos schwieg , weil es eine Tat begangen hatte , die ihn schädigte . Beiläufig so stellte sich ihm die Sache dar , und darum schrie er jetzt so und klagte über sein Unglück . Er schrak zusammen , als ihn die Hanne mit gefalteten Händen bat : » Leopold , besinn dich , die Leut . « » Die Leut , alleweil die Leut ! « sagte er grollend , als er aber sah , daß die Hanne leise vor sich hin schluchzte , nahm er mißmutig seinen Hut und ging . » Gestritten , die wilden Eh ' leut « , kicherte eine Nachbarin , die gehorcht hatte . » Jetzt wird sie bald Schläg kriegen « , erwiderte die Laternenanzünderin weinerlich , und beide trugen das Ereignis brühwarm zu der alten Frau Walter . Der Leopold ging , so rasch er konnte , immer weiter und weiter , als könnte er allen Wirrnissen , in die er geraten , davonlaufen , als könnte er sich von jedem Ungemach befreien , wenn er das langgestreckte Haus , die große halbdunkle Stube , das hagere , blasse , geduldige Mädchen hinter sich ließe ... Was war aus seinem Leben geworden ? Abwehr und Schimpf hatten die für ihn , unter denen er aufgewachsen , das Brot hatten sie ihm boshaft vom Munde genommen , schwach war er