zwischen den Stämmen , und kaum hundert Schritte noch , so lag der Wald zurück , und ein breites Stück Moorland tat sich auf , durch das , jetzt , mitten hindurch , der Weg unmittelbar auf den Grat hinaufführte . Wo der Torf nicht zutage lag , war alles von einem gelben , sonnverbrannten Gras überwachsen ; dazwischen aber blinkten Sumpf und Wasserlachen , auf deren schwarzer Fläche die Mondsichel sich spiegelte . Kein Leben , kein Laut . Aber während Lehnert dieser Lautlosigkeit noch nachhorchte , klang plötzlich , durch die tiefe Stille hin , ein helles Läuten herauf . » Das ist das Kapellchen unten . Das fängt an und läutet den Sonntag ein . « Und wirklich , ehe noch eine Minute vergangen , fiel das ganze Tal mit all seinen Kirchen und Kapellen ein , und wie im Wettstreit klangen die Glocken mächtig und melodisch bis auf den Koppengrat hinauf . Und nun war auch Lehnert oben und sah hinab . Der Mond gab eben Licht genug , ihn alles im Tal unten , drin eben ein dünner Nebel aufstieg , wie in einem halben Dämmer erkennen zu lassen . Da lagen die beiden Falkenberge , deren einer seine Zacken phantastisch emporstreckte , dahinter aber waren die Friesensteine , noch von einem letzten Widerscheine des Abendrots überglüht . Lange sah er hinab , bis der Widerschein verblaßt und das weite Tal unten nichts mehr als eine Nebelkufe war . Nur um ihn her war noch klare Luft , und die Mondsichel blinkte . » Wohin jetzt ? « fragte er sich . Er sah nach links hin , den Grat entlang , und bemerkte das Licht , das oben auf der Koppe schimmerte . » Wenn ich mich ranhalte , bin ich in zwanzig Minuten oben ... Und dann bin ich ihm nicht begegnet . Aber warum nicht ? Weil ich ihm nicht begegnen konnte , weil ich ihm aus dem Wege gegangen bin . Ist das das Rechte ? Heißt das sein Schicksal befragen ? Ich darf ihm nicht aus dem Wege gehen , das ist kein richtig Spiel ; ich muß dahin , wo sich ' s begegnen läßt ... Da ist mein Platz . « Und rasch entschlossen wandt er sich wieder und schritt denselben Weg zurück , auf dem er gekommen war . Solang er das Moor und seine freie Fläche zu seiten hatte , hing er allerhand Träumereien nach , kaum aber daß der Hochwald wieder um ihn her war , so schien auch sein Auge zwischen den Stämmen hin das Dunkel durchdringen zu wollen . Aber es blieb trotzdem , wie ' s war , und er war schon wieder bis an jene Wegstelle , wo sich die Bank befand und der Quell in den Steintrog fiel , ohne daß sich etwas geregt oder ihm auch im geringsten nur die Gegenwart seines Gegners verraten hätte . » Was soll er auch hier auf der großen Straße ? Feige bin ich , nichts als Feigheit . « Und sich von der Bank her , drauf er abermals eine kurze Rast genommen , zum Weitergehen anschickend , bog er drüben in den am Steintroge vorüberführenden Querpfad ein , der in langer Linie , waagrecht und ohne jede Steigung , auf die Hampelbaude zulief . » Da will ich hin . In der Hampelbaude will ich schlafen . Und hab ich ihn bis dahin nicht getroffen , so soll es nicht sein . Und ich muß ins Prison oder in die weite Welt . « Er mußte so sprechen , denn er wußte nur zu gut , daß er bis dahin mit der Begegnungsfrage bloß gespielt hatte . Jetzt aber mußte sich ' s zeigen . Und wunderbar , statt erregter zu werden , ward er mit jedem Augenblicke stiller und seine Seele ruhiger , vielleicht , weil er jetzt ein Ende absah . Und ihn verlangte danach , so oder so . Nur eines war ihm lästig , die Mondsichel blinkte so hell , als ob Vollmond wäre . » Der Bart ist doch immer nur eine halbe Verkleidung . Und wenn die Toten auch schweigen ... Es wäre besser , die Wolke drüben legte sich vor . « Und wirklich , sie tat ' s. Und was jetzt niederflimmerte , war nur noch das matte Licht der Sterne ... Da kam wer auf ihn zu . » Steh ! « Opitz war um eine Wegecke gebogen und hielt auf fünf Schritt . Und Lehnert stand . » Gewehr weg ! Was ein Richtiger ist , der weiß , wie sich ' s gehört . Aber du bist wohl ein Böhm ' scher ... Eins , zwei ... « Lehnert , das Gewehr in der Hand , zögerte noch . » Gewehr weg ... drei . « Und im selben Augenblicke schlug der Hahn auf das Piston . Aber das Zündhütchen versagte . Und nun schlug Lehnert an , und zwei Schüsse krachten . Opitz brach zusammen . In engem Bogen an ihm vorbei ging Lehnert auf die Hampelbaude zu . Zwölftes Kapitel Zehn Uhr war durch , als Lehnert , der inzwischen sein Gewehr an einem anderen Versteckort wieder untergebracht hatte , bei der Hampelbaude eintraf . Trotz später Stunde war noch Leben drin , sogar Tanz , zu dem zwei böhmische Harfenistinnen von mittleren Jahren und ein zwölfjähriger Geiger lustig aufspielten . Lehnert setzte sich und ließ sich ein Nachtessen geben , als es aber vor ihm stand , schob er es wieder zurück und sprach nur dem Bier zu . Was um ihn her tanzte , waren Sommergäste , darunter Mütter , die dicht vor der silbernen Hochzeit , und Töchter , die dicht vor der ersten Konfirmationsstunde standen . Auch die Väter waren , in Ermangelung anderen Tanzmaterials , mit herangezogen worden , behäbige Männer mit ängstlich kurzen Hälsen , die durch Bemerkungen wie » frei weg « oder » immer feste « jeder weiteren Legitimation hinsichtlich