danke Ihnen , Herr Doctor , für die Anregung , die Sie mir gegeben ... Und hoffentlich ... hoffentlich ist es nicht das letzte Mal , das wir zusammengeplaudert . Die Welt ist gemein ... ganz Recht ! ... und die Menschen sind Bestien ... sie schwatzen und klatschen und kritisiren und ... keifen und ... zucken die Achseln und treten einander todt ... Hülfreich ist der Mensch , Edel und gut - Doch zuweilen , wenn er gerade Durscht hat , Säuft er seines Nächsten Blut ... Eh bien ! ... Das ist eine bekannte Geschichte ... Doch das ist der Pessimismus der Jugend , der zwanziger Jahre ... Man findet Alles gemein , weil man Alles noch zu allgemein findet ... finden muß ... Qu ' importe ? Wenn ich nicht zu sehr Ihre Kreise störe , Herr Doctor - - « » Bitte ! ... « » Also auf Wiedersehen ! ... Wollen Sie mich gütigst Ihrem Fräulein Tochter empfehlen ... Ich habe die Ehre ! ... « » Adieu ! ... « Adam verließ das Zimmer . Auf dem Corridor athmete er einmal tief auf und schaute unwillkürlich nach der feschen Dienstmaid aus . Er hätte zu gern eine kleine Abwechslung gehabt . Aber das Mädel blieb unsichtbar . Als Adam die letzten Treppenstufen hinunter schritt , betrat Hedwig den Hausflur . Der Herr Doctor ging langsam an ihr vorüber und grüßte sehr förmlich . Die Dame nickte kurz . An der Thür wandte sich Adam noch einmal um . Fräulein Irmer stieg ruhig die Treppe hinauf . Adam gab einen kurzen , grellen , scharfen Pfiff von sich . Dann schlug er die große , schwere , ungefüge Thür hinter sich zu . - Endlich war Nachricht von Lydia gekommen . Frau Lange schrieb mit kleiner , schräger , nicht besonders geübter , kaum charakteristischer Schrift : » Werther Herr Doctor ! Wollen Sie morgen Abend die bewußte Tasse Thee bei mir trinken - ? Gegen acht Uhr - ja ? Bitte , bringen Sie doch die Stimmung wieder mit , in der Sie den Brief geschrieben ! Er hat mir viel Vergnügen gemacht , trotzdem ich ihn wohl noch nicht ganz verstanden habe . Wir wollen ihn noch einmal gemeinschaftlich durchstudiren . Haben Sie Ihr Bibelcapitel fertig ? Ich habe leider wieder sehr viel Abhaltung gehabt . Mit bestem Gruße Lydia Lange . « » Oy sxedon ti « meinte Adam schmunzelnd , befriedigt . Und er las das Billet ein zweites Mal . - IX. Am nächsten Tage schwankte Adam unaufhörlich in seinen Stimmungen hin und her . Er wußte wieder einmal nicht ein noch aus . Es war ihm wieder einmal das Talent ganz abhanden gekommen , sich von der Widerspenstigkeit der Objecte anziehen , belustigen zu lassen . Das kann doch zuweilen wirklich sehr amüsant sein . Zweifelte er an sich , an seinen Kräften und Fähigkeiten ? Er besaß ein sehr schlechtes Gedächtniß für sich . Eine erneute Stimmung nahm ihn immer so ganz hin . Und war das gerade eine Stimmung marternder Geisteszerrissenheit , so mußte er ganz vergessen , daß ihm einmal klarer , einfacher , unmittelbarer , praktischer zu Sinn gewesen . Es lastete ein unerklärlicher Druck auf ihm , eine gerechtfertigt-ungerechtfertigte Trauer ... eine peinigende , gegenstandslose Betrübniß ... kein schneidender Gethsemaneschmerz ... eine lähmende , zusammenzwingende Schwere . Er hatte keine Freude daran , die kleinen Arbeiten des Lebens auf sich zu nehmen . Nichts Großes erschütterte ihn , das kleine Gewürm halber , angedeuteter Gefühle verleidete ihm das Leben , welches ihm doch manchmal mit seinem bunten Wirrwarr , seinem unermüdlichen Farben- und Formenspiel so unendliche Reize bieten konnte . Warum sollte er heute Abend zu Lydia gehen ? Es war doch eigentlich nicht der geringste Grund dazu vorhanden . Gewiß ! Er wollte ihr im letzten Augenblick noch abschreiben - das war das Gescheiteste . Er konnte nicht für sich gutsagen . Er hatte die Empfindung , als müßte er heute Frau Lange gegenüber zu bizarr in seinem Betragen , zu willkürlich sein . Oder würde ihn die fremde , gewiß vornehme , in eigener Ordnung ausgebaute Umgebung doch einengen ? Würde seine zwar nicht besonders große , aber noch immerhin genügende Fähigkeit : Cavalier , Gesellschafter zu sein , hervortreten , sobald er Lydia gegenüber stand ? Er hatte ja schon , wie er sich äußerlich erinnerte , eine ganze Reihe derartiger Jongleurkunststücke fertig gebracht . Aber Hedwig ? Hedwig ? Wie stand er zu ihr ? Liebte er sie ? Er hatte sich allerdings sehr oft eingebildet , ein Weib zu lieben - und er hatte sich für dasselbe schließlich nur interessirt , ganz beiläufig » interessirt « . Er hatte Gefallen an ihm gefunden , irgend Etwas hatte ihn gereizt : schönes Haar ; schöne Augen ; graciöse Beweglichkeit des Oberkörpers ; Halbfülle der Gestalt ; ein kurzer , entschiedener Tritt ; oder Naivetät des Herzens ; das Parfum geistiger Selbständigkeit ; Unbeholfenheit oder Schlagfertigkeit ... Vorurtheilslosigkeit ... Coquetterie ... ehrliche oder gemachte Verschämtheit ... oder so etwas Aehnliches ... Und Hedwig ? Ja ! Ja ! Es wurde ihm mit bezwingender Deutlichkeit klar : er liebte sie - liebte sie mit all ' der Glut und Leidenschaft , deren er noch fähig war ... die er noch für sie aus allen seinen früheren , engeren oder loseren Beziehungen und » Verhältnissen « hatte retten müssen . Der Gedanke an sie hatte doch unwillkürlich - jetzt wurde er sich dessen bewußt - in den letzten zwei Tagen die stete Unterströmung seines Seelenlebens gebildet . Immer wieder war ihr Bild vor ihm aufgetaucht , manchmal schärfer , deutlicher , manchmal unklarer , schwächer , linienmatter . Er hatte der einzelnen Gelegenheiten gedenken müssen , die ihn mit ihr zusammengeführt . Er hatte sich die Worte ... das Herüber und Hinüber ... das bewegte Widerspiel der Gefühle und Gedanken wiederholen müssen , die ihn in ihrer Gegenwart besessen , die sie ihm