gleichsam von der Tiefe einer Theaterloge aus ! Es galt einen Versuch ! - Sie ging durch die Hausflur in die Wohnstube . Da war es sehr dämmerig ; das Gaslicht kam schwach durch die Fenster herein und warf nur einen intensiveren Lichtfleck auf die eine Wandfläche , auch auf das Zifferblatt der schönen großen , wohlbekannten Standuhr . Das behäbig langsame Ticken des alten Inventarstückes berührte die Heimkehrende herzbewegend wie ein Gruß von lieber Menschenstimme . Tante Sophie war nicht da , sie hatte selbstverständlich oben » alle Hände voll zu thun « ; dafür war das ganze , große Zimmer von dem Duft ihrer Lieblingsblumen erfüllt - auf dem Eßtisch stand ein mächtiger Strauß Levkojen und Reseda , wohl der letzte für dieses Jahr aus Tante Sophiens eigenem kleinen Garten vor dem Thore - wie das alles anheimelte ! - Margarete warf Hut und Mantel auf einen Stuhl , schwang sich auf den hohen Fenstertritt und sah hinaus über den gashellen Markt hin ... Alles wie sonst , da sie noch in den Kinderschuhen gesteckt und die scharfen Steinkanten des holprigen Pflasters unter den Sohlen gefühlt , da der kleine , zum Teil noch von uralten Verteidigungsmauern eifersüchtig umschlossene Straßenkomplex , Stadt B. genannt , für sie die Welt bedeutet hatte , in der sie um jeden Preis leben und sterben gewollt ! ... Alles wie sonst , der bemooste Neptun auf dem Marktbrunnen , das Eckhaus schräg gegenüber mit seinem Steinbild über der gewölbten Thüre - welches besagte , daß der Hausbesitzer zum Bierbrauen berechtigt sei - , die schrille , kleine Glocke auf dem Rathaustürmchen , die eben halb acht schlug , das ferne Klingeln verschiedener Schellen an den Ladenthüren , und auch die edle Wißbegierde der guten Landsmänninnen , die dort in einem Trupp an der Straßenecke standen und , schlafende Kinder in ihre weiten , runden Kattunmäntel gewickelt , lange Hälse machten ; sie konnten sich nicht satt sehen an dem Kronleuchter , der droben in Lamprechts guter Stube brannte , und zischelten wacker durcheinander - der richtige , rechtschaffene Klatsch an der Straßenecke . Die junge Dame verließ ihren hohen Standpunkt am Fenster und lachte - sie machte es ja nicht besser als die schnatternde Gesellschaft da drüben , sie huschte ja jetzt auch hinauf , um zu sehen , was alles dieser Kronleuchter beschien ... 8 Das lautlose Huschen wurde ihr nicht schwer . Ein neuer , breiter Läufer von dickflaumigem Teppichstoff verschlang jeden Fußtritt auf der Treppe . Vor Margarete her eilte der Livreebediente mit einer Platte voll Selterswasserflaschen hinauf ; er bemerkte die junge Dame nicht , und droben ließ er achtlos die Thüre offen , weit genug für einen Flederwisch wie sie , meinte sie und huschte durch den Spalt . Der Flursaal war spärlich beleuchtet ; nur aus der weit offenen Salonthüre strömte der Kerzenglanz und teilte als breiter Streifen den mächtigen Raum in zwei Hälften , und in dem Moment , wo der Bediente mit seinen Flaschen in die offene Salonthüre trat , schlüpfte Margarete hinter ihm weg in den dunkelnden Hintergrund und trat in eine der Fensternischen . Sie konnte einen großen Teil des Salons überblicken ; und es war wirklich , als säße sie in der Theaterloge und sähe ein interessantes Lustspiel ... Der ersten Liebhaberin - das war die junge Fremde dort an der Tafel zweifellos - konnte sie gerade in das Gesicht sehen ; es war ein hübsches , volles , ruhig lächelndes Gesicht auf schneeweißem , rundem Halse und breiten , üppigschönen Schultern . Die junge Dame saß so , daß für die Beschauerin draußen der alte berühmte Lamprechtsche Tafelaufsatz , ein mächtiges , mit Früchten und frischen Blumen beladenes Kauffahrteischiff von gediegenem Silber , dicht neben ihr zu stehen schien - das gab ein farbenprächtiges Bild ; frischer waren die Blumen auch nicht als der blonde Mädchenkopf mit seinem strahlenden Teint ... Also , das war sie , diese Heloise von Taubeneck , die gegenwärtig eine so dominierende Rolle bei » Amtsrats « spielte ! ... Nun , verwunderlich war es gerade nicht , daß die Großmama über diese neue Beziehung so » ganz und gar aus dem Häuschen « sein sollte , wie Tante Sophie sich in Berlin ausgedrückt hatte . Eine Nichte des Herzogs - sei es auch nur die Tochter des verstorbenen apanagierten Prinzen Ludwig aus einer unebenbürtigen Ehe - dereinst Schwiegertochter nennen zu dürfen , das übertraf ja weit , weit Großmamas kühnste Wünsche ! Wie sie wohl dies unmenschliche Glück trug ? - Nun , die ehrgeizige alte Dame lehnte denn auch dort an der Schmalseite der Tafel , mit stolzseligem Gesichtsausdruck und die Hände fast andächtig gefaltet , in ihrem Stuhl und verwandte kein Auge von der blonden Schönheit neben dem Sohn , dem einzigen , vergötterten , der in rapider Geschwindigkeit Staffel um Staffel im Staatsdienst erstieg und mit neunundzwanzig Jahren schon » ein Herr Landrat « war . Wie oft hatte ihn Margarete als Kind aus Papas Munde spottweise » unser zukünftiger Minister « nennen gehört ! Nun war er in der That dem hochgesteckten Ziel nahe , wie Tante Sophie in Berlin erzählt . Sie hatte gesagt , man munkele bereits im Lande , daß ein Wechsel in Sicht sei - der bisherige Chef des Ministeriums kränkele und habe den Wunsch , nach dem Süden zu gehen . Schlechte Leute aber behaupteten , Seiner Exzellenz thue keine Ader weh ; die Diagnose rühre nicht vom Arzt , sondern von einer hohen Persönlichkeit her , und der Herr Landrat Marschall würde , trotz seiner wirklich ausgezeichneten Fähigkeiten , keinesfalls den Harrassprung in die hohe Stellung machen , wenn nicht eben - jenes Fräulein Heloise von Taubeneck wäre . » Ja , die Welt ist gar schlecht mit ihrer losen Zunge ! « Damit waren diese neuesten Nachrichten aus der Heimat unter bedauerlichem Achselzucken geschlossen worden ; aber der Schalk hatte der Tante aus jedem Augenwinkel gelacht . Uebrigens sei Herbert wirklich ein vornehmer