Bruder von ihm , von einem alten Prokuristen des Hauses begleitet , war zu rascher Etablierung des Zweiggeschäfts herübergekommen , und ihren gemeinschaftlichen Anstrengungen gelang es denn auch wirklich , in den ersten Oktobertagen eine Filiale des großen Frankfurter Bankhauses ins Leben zu rufen . Van der Straaten nahm an all diesen Hergängen den größten Anteil und sah es als ein gutes Zeichen und eine Gewähr geschäftskundiger Leitung an , daß Rubehns Besuche seltener wurden und in den Novemberwochen beinahe ganz aufhörten . In der Tat erschien unser neuer » Filialchef « , wie der Kommerzienrat ihn zu nennen beliebte , nur noch an den kleinen und kleinsten Gesellschaftstagen und hätte wohl auch an diesen am liebsten gefehlt . Denn es konnt ihm nicht entgehen und entging ihm auch wirklich nicht , daß ihm von Reiff und Duquede , ganz besonders aber von Gryczinski , mit einer vornehm ablehnenden Kühle begegnet wurde . Die schöne Jacobine suchte freilich durch halb verstohlene Freundlichkeiten alles wieder ins gleiche zu bringen und beschwor ihn , ihres Schwagers Haus doch nicht ganz zu vernachlässigen , um ihretwillen nicht und um Melanies willen nicht , aber jedesmal , wenn sie den Namen nannte , schlug sie doch verlegen die Augen nieder und brach rasch und ängstlich ab , weil ihr Gryczinski sehr bestimmte Weisungen gegeben hatte , jedwedes Gespräch mit Rubehn entweder ganz zu vermeiden oder doch auf wenige Worte zu beschränken . Um vieles heiterer gestalteten sich die kleinen Reunions , wenn die Gryczinskis fehlten und statt ihrer bloß die beiden Maler und Fräulein Anastasia zugegen waren . Dann wurde wieder gescherzt und gelacht , wie damals in dem Stralauer Kaffeehaus , und van der Straaten , der mittlerweile von Besuchen , sogar von häufigen Besuchen gehört hatte , die Rubehn in Anastasias Wohnung gemacht haben solle , hing in Ausnutzung dieser ihm hinterbrachten Tatsache seiner alten Neigung nach , alle dabei Beteiligten ins Komische zu ziehen und zum Gegenstande seiner Schraubereien zu machen . Er sähe nicht ein , wenigstens für seine Person nicht , warum er sich eines reinen und auf musikalischer Glaubenseinigkeit aufgebauten Verhältnisses nicht aufrichtig freuen solle , ja die Freude darüber würd ihm einfach als Pflicht erscheinen , wenn er nicht andererseits den alten Satz wieder bewahrheitet fände , daß jedes neue Recht immer nur unter Kränkung alter Rechte geboren werden könne . Das neue Recht ( wie der Fall hier läge ) sei durch seinen Freund Rubehn , das alte Recht durch seinen Freund Elimar vertreten , und wenn er diesem letzteren auch gerne zugestehe , daß er in vielen Stücken er selbst geblieben , ja bei Tische sogar als eine Potenzierung seiner selbst zu erachten sei , so läge doch gerade hierin die nicht wegzuleugnende Gefahr . Denn er wisse wohl , daß dieses Plus an Verzehrung einen furchtbaren Gleichschritt mit Elimars innerem verzehrenden Feuer halte . Wes Namens aber dieses Feuer sei , ob Liebe , Haß oder Eifersucht , das wisse nur der , der in den Abgrund sieht . In dieser Weise zischten und platzten die reichlich umhergeworfenen van der Straatenschen Schwärmer , von deren Sprühfunken sonderbarerweise diejenigen am wenigsten berührt wurden , auf die sie berechnet waren . Es lag eben alles anders , als der kommerzienrätliche Feuerwerker annahm . Elimar , der sich auf der Stralauer Partie , weit über Wunsch und Willen hinaus , engagiert hatte , hatte durch Rubehns anscheinende Rivalität eine Freiheit wiedergewonnen , an der ihm viel , viel mehr als an Anastasias Liebe gelegen war , und diese selbst wiederum vergaß ihr eigenes , offenbar im Niedergange begriffenes Glück in dem Wonnegefühl , ein anderes hochinteressantes Verhältnis unter ihren Augen und ihrem Schutze heranwachsen zu sehen . Sie schwelgte mit jedem Tage mehr in der Rolle der Konfidenten , und weit über das gewöhnliche Maß hinaus mit dem alten Evahange nach dem Heimlichen und Verbotenen ausgerüstet , zählte sie diese Winterwochen nicht nur zu den angeregtesten ihres an Anregungen so reichen Lebens , sondern erfreute sich nebenher auch noch des unbeschreiblichen Vergnügens , den ihr au fond unbequemen und widerstrebenden van der Straaten gerade dann am herzlichsten belachen zu können , wenn dieser sich in seiner Sultanslaune gemüßigt fühlte , sie zum Gegenstand allgemeiner und natürlich auch seiner eigenen Lachlust zu machen . In der Tat , unser kommerzienrätlicher Freund hätte bei mehr Aufmerksamkeit und weniger Eigenliebe stutzig werden und über das Lächeln und den Gleichmut Anastasias den eigenen Gleichmut verlieren müssen ; er gab sich aber umgekehrt einer Vertrauensseligkeit hin , für die , bei seinem sonst soupçonnösen und pessimistischen Charakter , jeder Schlüssel gefehlt haben würde , wenn er nicht unter Umständen , und auch jetzt wieder , der Mann völlig entgegengesetzter Voreingenommenheiten gewesen wäre . In seiner Scharfsicht oft übersichtig und Dinge sehend , die gar nicht da waren , übersah er ebensooft andere , die klar zutage lagen . Er stand in der abergläubischen Furcht , in seinem Glücke von einem vernichtenden Schlage bedroht zu sein , aber nicht heut und nicht morgen , und je bestimmter und unausbleiblicher er diesen Schlag von der Zukunft erwartete , desto sicherer und sorgloser erschien ihm die Gegenwart . Und am wenigsten sah er sie von der Seite her gefährdet , von der aus die Gefahr so nahe lag und von jedem andern erkannt worden wäre . Doch auch hier wiederum stand er im Bann einer vorgefaßten Meinung , und zwar eines künstlich konstruierten Rubehn , der mit dem wirklichen eine ganz oberflächliche Verwandtschaft , aber in der Tat auch nur diese hatte . Was sah er in ihm ? Nichts als ein Frankfurter Patrizierkind , eine ganz und gar auf Anstand und Hausehre gestellte Natur , die zwar in jugendliche Torheiten verfallen , aber einen Vertrauens- und Hausfriedensbruch nie und nimmer begehen könne . Zum Überflusse war er verlobt und um so verlobter , je mehr er es bestritt . Und abends beim Tee , wenn Anastasia zugegen und das Verlobungsthema mal wieder an der