die Dicke , den ganzen Kopf voll mit Papierlocken . Höre , sagt er , du hast es nicht erkannt , aber ich bin selbst ein Jude . Freilich aus einem anderen Land , aus Preußen . Aber nicht darum allein möchte ich mich gern deiner annehmen , sondern weil du höchst wahrscheinlich ein großes Talent bist . Ob du es bist , ob du wirklich für das Theater taugst oder nicht , weiß ich nicht gewiß . So , wie du jetzt bist , kann es dir niemand mit Gewißheit sagen . Aber bei Gott und auf Ehre ! - soweit ich es jetzt beurteilen kann , taugst du vortrefflich dazu , mehr als ich , mehr als jemand von meinen Leuten . Wenn du schon älter wärst oder in einem guten , angenehmen Leben , ich möchte dir das vielleicht nicht sagen . Aber als Fuhrknecht hast du nichts zu verlieren . Und darum will ich , wenn dein Entschluß feststeht , dein Rater und Helfer sein . Mir sind die Tränen in die Augen gekommen , wie er so gut zu mir geredet hat . Ich dank ' Ihnen tausendmal ! - ich hab ' s sagen wollen , aber es ist mir nicht über die Lippen getreten . Endlich fass ' ich mich und sage : Übermorgen komm ' ich wieder und bleibe ! Nein , ruft er , jetzt darfst du noch nicht in das lustige , unsichere Leben hinein ! - Um Gottes willen nicht ! Bleibe zwei Jahre an einem Ort und lerne Deutsch - das ist das Wichtigste - lesen , schreiben , sprechen . Ferner mußt du so das Notwendigste wissen , das übrige findet sich . Hast du in Barnow Gelegenheit dazu ? Wenn es sein muß , mein ' ich , so wird sich alles finden . Gut , sagt er , ich bin jeden Winter hier , vom Oktober bis zum März . Aber vor Ablauf von zwei Jahren will ich dich nicht sehen . Wenn du mir schreiben willst , so wird ' s mich freuen . Ich heiße Nadler , Adolf Nadler . Und nun - Gott mit dir ! Und mit Ihnen , Sie guter Mensch , sag ' ich unter Tränen , und : Sie werden von mir hören ! Und geh ' fort und lade meinen Schmule auf und fahr ' zurück nach Barnow ... « Siebentes Kapitel Als ein veränderter Mensch kam Sender in sein armseliges Heimatstädtchen zurück . Wohl trieb er noch zuweilen seine tollen Possen , aber wahrlich nur als Deckmantel für seine Pläne . Es war eine wilde Energie in ihm wach geworden , die er selbst einige Tage vorher nimmer in sich geahnt hätte , noch minder ein anderer . Alle Sehnen seiner Seele spannten sich , so jäh , so stark , daß er es fast schmerzlich empfand , fast unheimlich , wie den Eingriff einer fremden , übermächtigen Hand . Aber trotz dieser jähen Gluten im Herzen - und dies ist vielleicht der beste Beweis , daß sie echt gewesen - ward er nach außen schlau , vorsichtig , bedächtig . Von seiner Unterredung mit dem Direktor erfuhr zunächst niemand . Vielleicht sagte es ihm der Instinkt , noch mehr als die Überlegung , daß ihn dies nur hemmen müsse . Und dann - » Vor der Thora in der Betschul ' hängt ja auch ein Vorhang « , pflegte er später darüber zu sagen , » mein Plan war meine Thora ... « Er begriff , daß er als Fuhrknecht die » deutsche Weisheit « nicht erlernen könne , und trat vor die Mutter - das unstete Leben freue ihn nicht mehr . Frau Rosel vernahm es erfreut und stimmte eifrig zu . Aber als er nun bat , nach Czernowitz gehen zu dürfen , schlug sie dies rund ab . Was er in der unheiligen Stadt wolle , fragte sie . Er erwiderte : er gedenke bei einem geschickten Meister denn doch wieder die Uhrmacherei zu erlernen . » Gut , werde Uhrmacher « , entschied sie . » Aber hier in Barnow . « Sender widersprach nicht . Und als ihm die Mutter am nächsten Tage mitteilte , daß sie ihn bei Jossele Alpenroth , dem geschicktesten Uhrmacher des Städtchens , in die Lehre getan habe , sträubte er sich auch dagegen nicht und trat in die Werkstätte ein . Aber sein Entschluß stand fest : fand er in Barnow keinen Lehrer des Deutschen , so mußte er auf eigene Faust hinaus - in die Fremde ... Da griff abermals ein seltsamer Zufall in sein Leben , oder doch etwas , was wir armen , kurzsichtigen Menschen gemeiniglich so nennen ... Am Eingang des Städtchens , abseits der Heerstraße , stand damals ein großes , hölzernes Haus , von Ställen und Fruchtschobern umgeben . Die Türen der Baracke waren schwarzgelb angestrichen , und über dem Tore prangte ein kaiserlicher Adler . Das war das k.k. Verpflegsmagazin von Barnow , welches man drei Jahre vorher , im Spätherbst 1849 , in größter Eile gezimmert hatte . Der Unternehmer dieser Bauten , Leib Rosenstengel aus Tluste , war so reich daran geworden , daß er sich im nächsten Jahr bereits Leo nannte , aber dies war auch der einzige Segen , den die Baracke brachte . Denn das armselige Gebäude bot keinen Schutz vor Kälte , Wind und Regen , und im April 1854 , als man es am nötigsten brauchte , stürzte es nachts im Frühlingssturm zusammen . Zwei Soldaten blieben tot , einige andere wurden zu Krüppeln geschlagen und meilenweit trug der Sturmwind die Vorräte über die Heide , daß die Bauern um Barnow noch lange schmunzelnd von dem unverhofften Manna erzählten . Zwei Monate darauf bekam Leo Rosenstengel den Franz-Josephs-Orden . Ob aber nur um dieses oder auch noch einiger ähnlicher Verdienste willen , steht jedoch nicht fest . Zur Zeit , da Sender einen Mentor suchte , im Frühling 1852 ,