, Amt und Neigung in ein gewisses Gleichgewicht zu bringen , war aber damit gescheitert . Es sei gestattet , einen Augenblick bei diesem Punkte zu verweilen . Die Studierstube besaß zwei nach dem Garten hinaussehende Fenster , zwischen denen unser Freund eine bis in die Mitte des Zimmers gehende Scheidewand gezogen hatte . So waren zwei große , fast cabinetartige Fensternischen gewonnen , von denen die eine dem Prediger Seidentopf , die andere dem Sammler und Altertumsforscher gleichen Namens angehörte . Innerhalb dieser Nischen war das Balanciersystem , das sich schon in ihrer äußeren Anlage zu erkennen gab , ebenfalls festgehalten , indem auf dem Arbeitstische in der Camera archaeologica » Bekmanns historische Beschreibung der Kurmark Brandenburg , Berlin 1751 bis 53 « , auf dem Arbeitstisch in der Camera theologica » Dr. Martin Luthers Bibelübersetzung , Augsburg 1613 « , aufgeschlagen lag . Beides Prachtbücher , wie sie nur ein Sammler hat , groß , dick , in festem Leder , mit hundert Bildern . Über eine Äußerung des Kandidaten Uhlenhorst , der auf einer Versammlung in Hohen-Sathen gesagt haben sollte : » Prediger Seidentopf greife mitunter fehl und schlage in Bekmann statt in der Bibel nach « , gehen wir wie billig an dieser Stelle hin . Es war dies ein rechter Uhlenhorstscher Sarkasmus , wie ihn die Konventikler wohl zu haben pflegen ; aber darin hatten sie recht , daß nicht nur der in der archäologischen Abteilung stehende Lehnstuhl viel tiefer eingesessen , sondern daß auch der ganze , diesseits der Fensternischen verbliebene Rest des Zimmers ein heidnisches Museum , eine bloße Fortsetzung alles dessen war , was schon der Flor geboten hatte . Nur die Walfischrippe und der Alligator fehlten . Zwei mächtige , rechts und links neben der Tür stehende , über den Sims hin durch einen Mittelbau verbundene Glasschränke bildeten eine Art Arcus triumphalis , durch den man in die Studierstube eintrat ; und alles , von dem Steinmesser und dem Aschenkrug an , was die märkische Erde nur je an Altertumsfunden herausgegeben hat , das fand sich hier zusammen . Daneben konnte freilich die theologische Bibliothek des Zimmers nicht bestehen , die , ihrer äußersten Verstaubung ganz zu geschweigen , auf einem schmalen , zweibrettrigen Real zwischen Wandvorsprung und Ofen ihre Unterkunft gefunden hatte . Unser Seidentopf war ein archäologischer Enthusiast trotz einem und ausgerüstet mit all den Schwächen , die von diesem Enthusiasmus so unzertrennlich sind wie die Eifersucht von der Liebe . Er phantasierte , er ließ sich hinters Licht führen ; aber in einem unterschied er sich von der großen Armee seiner Genossen : er sammelte nicht , um zu sammeln , sondern um einer Idee willen . Er war Tendenzsammler . Innerhalb der Kirche , wie Uhlenhorst sagte , ein Halber , ein Lauwarmer , hatte er , sobald es sich um Urnen und Totentöpfe handelte , die Dogmenstrenge eines Großinquisitors . Er duldete keine Kompromisse , und als erstes und letztes Resultat aller seiner Forschungen stand für ihn unwandelbar fest , daß die Mark Brandenburg nicht nur von Uranfang an ein deutsches Land gewesen , sondern auch durch alle Jahrhunderte hin geblieben sei . Die wendische Invasion habe nur den Charakter einer Sturzwelle gehabt , durch die oberflächlich das eine oder andere geändert , dieser oder jener Name slawisiert worden sei . Aber nichts weiter . In der Bevölkerung , wie durch die Sagen von Fricke und Wotan bewiesen werde , habe deutsche Sitte und Sage fortgelebt , am wenigsten seien die Wenden , wie so oft behauptet werde , in die Tiefen der Erde eingedrungen . Ihre sogenannten » Wendenkirchhöfe « , ihre Totentöpfe niedrigeren Grades , wolle er ihnen zugestehen , alles andere aber , was sich , mit instinktiver Vermeidung des Oberflächlichen , eingebohrt und eingegraben habe , alles , was zugleich Kultur und Kultus ausdrücke , sei so gewiß germanisch , wie Teut selber ein Deutscher gewesen sei . Um diese Sätze drehte sich für ihn jede Debatte von Bedeutung . Er war sich bewußt , in seinem archäologischen Museum durchaus unanfechtbare Belege für sein System in Händen zu haben , unterschied aber doch zwischen einem kleinen und einem großen Beweis . Der kleine war ihm persönlich der liebere , weil er der feinere war ; er kannte jedoch die Welt genugsam , um dem blöden Sinn der Masse gegenüber je nach einem andern als nach dem großen Beweis zu greifen . Die Stücke , die diesen bildeten , befanden sich sämtlich in den zwei großen Glasschränken des Arcus triumphalis , waren jedoch selbst wieder in unwiderlegliche und ganz unwiderlegliche geteilt , von denen nur die letzteren die Inschrift führten : » Ultima ratio Semnonum « . Es waren zehn oder zwölf Sachen , alle numeriert , zugleich mit Zetteln beklebt , die Zitate aus Tacitus enthielten . Gleich Nr. 1 war ein Hauptstück , ein bronzenes Wildschweinsbild , auf dessen Zettel die Worte standen : Insigne superstitionis formas aprorum gestant , » ihren Götzenbildern gaben sie ( die alten Germanen ) die Gestalt wilder Schweine « . Die anderen Nummern wiesen Spangen , Ringe , Brustnadeln , Schwerter auf , woran sich als die Sanspareils und eigentlichen Prachtbeweisstücke der Sammlung drei Münzen aus der Kaiserzeit schlossen , mit den Bildnissen von Nero , Titus und Trajan . Die Trajansmünze trug um das lorbeergekrönte Haupt die Umschrift : » Imp . Caes . Trajano Optimo « , auf dem danebenliegenden Zettel aber hieß es : » Gefunden zu Reitwein , Land Lebus , in einem Totentopf . « Das » in einem Totentopf « war dick unterstrichen . Und vom Standpunkte unseres Freundes aus mit vollkommenem Recht . Denn es führte den Beweis , oder sollte ihn wenigstens führen , daß nicht alle Totentöpfe wendisch , vielmehr die » Totentöpfe höherer Ordnung « ebenfalls deutsch-semnonischen Ursprungs seien . Auflehnung gegen so beredte Zeugen erschien unserem Seidentopf unmöglich , und dennoch hatte er sie zu befahren , wobei es sich so glücklich oder so