die gräfliche Equipage die junge Dame - ( Datum und Stationsort waren genau bezeichnet ) - zur Beförderung nach Schloß Reckenburg erwarten . « So wenig einladend diese Einladung gestellt war , und so schwer den Eltern das wenn auch nur zeitweise Überlassen des einzigen , kaum erwachsenen Kindes in völlig unbekannte Hand vorkommen mochte , die Möglichkeit einer Ablehnung ist gar nicht in Betracht gezogen worden . Die Gräfin aber - nun , sie war eben die reiche Gräfin von Reckenburg und nahe dem achtzigsten Jahre . Das Fräulein von Reckenburg war aber ein blutarmes Ding , wenig begehrenswert für einen Freiersmann und , verlor es den Vater , schutzlos der Welt gegenüberstehend . Mancher mütterliche Sorgenseufzer mochte in dieser Aussicht innerhalb der vertraulichen Ratskammer laut geworden sein . Eine Aussteuer , ein Legat von dem Überflusse der einzigen Verwandtin , die heute zum erstenmal eine Art von Anteil bekundete , konnte nun allen Sorgen und Seufzern ein Ende machen . Der Vater antwortete daher zustimmend , wenn auch in würdigster Haltung . Gunst und Vertrauen wurden erwiesen , mehr als empfangen ; nicht die glänzender gestellte Verwandtin , die zu einem Wunsche berechtigte Patin war es , der man Folge leistete . Längeres Bedenken erregte die Art der Beförderung . Das blutjunge Fräulein konnte nicht allein und nicht in der gelben Postkutsche reisen ; der Vater , wie er es am schicklichsten gefunden haben würde , nicht die Begleitung übernehmen , da der Termin der Einladung mit dem einer kurfürstlichen Revue zusammenfiel , die Mutter aber kränkelte seit einiger Zeit , und der Arzt hatte ihr das Fahren strengstens untersagt . Die Verlegenheit wurde indessen bestens gelöst , da » Muhme Justine « sich freiwillig als Duenna und Reiseschutz erbot . Denn wenn auch hundert Meilen zurückzulegen gewesen wären , statt zwölf , und zwanzig Nachtquartiere zu halten , statt zwei , keinem Menschen auf der Welt würde die Mutter ihr Kind so zuversichtlich übergeben haben als unserer Muhme Justine . Muhme Justine , Du Treueste der Treuen , so trittst Du denn auf dieser Reise zum erstenmal in den Rahmen meiner Geschichte , da Du doch schon beim ersten Schritt der Lebensreise gebührentlich hättest Erwähnung finden müssen . Du hast mich auf deinen Händen an das Licht getragen , hast mich geschaukelt , als die Mutterarme noch zu schwach waren für das » Hünenkind « , und niemals ist ein Pflegling mit zärtlicheren Blicken gehütet worden als die letzte Reckenburgerin von ihrer Muhme Justine . Muhme Justine war als Witwe eines Wachtmeisters in den elterlichen Dienst getreten und hatte ihn , lediglich mit Aushilfe des Soldatenburschen , verwaltet , auch da die Pflege der Neugeborenen sie zum Range einer Muhme erhob . Alle Pflichten und Künste dieser ehrwürdigen Zunft hatte sie geübt und keine ihrer befreienden Befugnisse beansprucht . Erst als ihr » Dinchen « der Zucht einer Kinderfrau entwachsen war , vertauschte sie ihr lastvolles Amt mit dem wenigstens einträglicheren einer Wickelmutter , ohne aber auch dann sich aus dem Gesichtskreise ihres Pflegekindes zu entfernen , denn sie teilte mit der neuen Magd das Kämmerchen zwischen den Gemächern des Hofmeisters und Ehren-Purzels . Sie hatte kein eigenes Kind gehabt und stand allein in der weiten Welt ; so wurde die kleine Hardine ihr ein und alles , und Gott verzeihs der großen Hardine , wenn die Liebe , die sie nicht in gleichem Maße erwidern konnte , sie späterhin manchmal wie eine Last bedrückt hat . Die kleine Hardine war ihr Augapfel , ihr Lebenszweck , ihre Hoffnung , ihr Stolz . Sie sah sie prophetisch unter den Großen der Erde , sie dereinst als Englein mit goldenem Flügelpaar vor Gottes Thron . Der übrigen Menschheit mag sie wohl dann und wann ein wenig bissig und neidisch und haberisch vorgekommen sein ; aber bissig und neidisch und haberisch nur für die Rechte und Vorrechte ihres Fräulein Hardine ; für ihr Fräulein Hardine sann sie und spann sie , sparte und darbte sie ; Fräulein Hardine ist die Erbin der paar hundert Taler geworden , die sie kreuzerweis zusammengescharrt hatte . Muhme Justine war fromm und bibelfest ; aber die göttlichen Verheißungen genügten ihr nicht , wo es das Erdenlos ihres Herzblatts galt . Die geheimnisvollsten Wahrnehmungen mußten für sie ausgedeutet , dunkle Orakel befragt werden , und das Schlußbild sämtlicher Gesichte zeigte immer nur Glück und wieder Glück . Schon der Tauftag , der dritte des Lebens , war segenverheißend gewesen : Täuflingin hatte , während ihr das Mützchen gelöst ward , dreimal kräftig geniest : item , sie war ein Weltwunder von Geist und Gaben ; sie hatte unter dem Träufeln des Taufwassers unbändig gestrampelt und gebrüllt : item , ihrer harrten der Erde Schätze und Güter . Seit dieser Weihestunde stand für Muhme Justine die gräfliche Erbschaft fest wie ein Evangelium , und es verging selten ein Tag , daß sie für ihr Goldkind nicht irgend etwas Herrliches in ihren Träumen oder Karten ausgespäht hatte . Ein Glücksbrief war angekündigt , wochenlang bevor die Einladung der Gräfin die Insassen der Baderei so hoch überraschte . Nur in einem einzigen Punkte wollten die geheimnisvollen Orakel seltsamerweise niemals mit den Herzenswünschen meiner alten Muhme stimmen . Sooft die hochwichtige Frage nach dem Zukünftigen erhoben ward , zeigte die Seherin sich kopfhängerisch und kleinlaut , an ihr Fräulein aber erging die deutungsschwere Mahnung : » sich vor Schindern und Schabern in acht zu nehmen « . Auf einen Obsieg des Herzkönigs schien die Muhme nach manchen leidvollen Proben verzichtet zu haben ; aber selber die vielverheißendste Konstellation des Grünkönigs wurde im letzten Augenblicke jederzeit von einem ausverschämten Schellenunter gekreuzt . Wer war nun aber dieser unvermeidliche Schellenunter , der die Nachtruhe meiner alten Muhme so grausam störte ? Eine Zeitlang hatte sie ein gar böses Auge auf den wortkargen , hochfahrenden Wirtssohn gerichtet ; seit dessen plötzlicher Entfernung aber und dem veränderten Glückszustande seiner Braut waren die Gedanken in eine andere Bahn gedrängt worden . Der verhängnisvolle