diesem Augenblick aber war er der alten Stigerin von Herzen dankbar für einen Entschluß , der Dorotheen aus ihren elenden Verhältnissen heraushalf . » Es sind doch gute Leute , und sie meinen es redlich , wenn einer es auch nicht immer so empfindet « , dachte er , indem er sich mit seltener Freudigkeit wieder an sein Tagwerk machte . » Da ist ' s denn doch ganz anders als beim Krämer , der nur für sich selbst wohlhabend ist « , dachte er , als er abends neben Dorotheen beim Nachtessen saß . Siebentes Kapitel Jos fängt an gemütlich zu werden Jener Handwerker , welcher sagte , um den Taglohn trage er das ganze Jahr Wasser vom Brunnen in den Bach oder werfe seinem Arbeitgeber Prügel und Steine nach , war gewiß ein armer Mann , der täglich im Schweiße des Angesichtes sein Brot verdienen mußte und auf der Welt nichts Höheres kennen lernte als den Feierabend . Er war doppelt arm , weil er die Freuden der Arbeit nie empfand , weil er sich nicht für einen Schaffenden , sondern nur für ein Werkzeug hielt . Die Bauern haben daher vielleicht gar nicht so unrecht , wenn sie jene Rede einen Fabriklerspruch nennen . Und auch der arme Ladenschneider hinter einem Berge von unfertiger Arbeit , worauf sollte er sich freuen als auf Feierabend und Lohn ? Wer soll ihm danken für seinen Fleiß , wer seine Geschicklichkeit loben , wenn es sein Arbeitgeber nicht tut , dem das alles zugute kommt ? Ihm fehlt sogar das gemütliche Verhältnis mit seiner Kundschaft , das anderen Handwerkern , die selbst mit dieser verkehren , so wohl tut . Bei seinem Schaffen hat er nicht die Befriedigung , sein Werk allmählich werden und wachsen zu sehen , hier schon die bisherige Tätigkeit belohnend , dort neuen Fleiß , neue Anstrengung fordernd , wie der Bauer , dessen einzelnes Tagwerk einem Nadelstich gleicht an dem Kleide für sich selbst , zu dem ihm sein eigenes Wollen und Können das Maß gibt . Auf dem Stighof , der dem Jos wie eine kleine Welt vorkam , fiel es ihm bald gar nicht mehr ein , daß er eigentlich immer nur für einen anderen arbeiten müsse . Müssen - davon war jetzt keine Rede mehr . Wer hätte die Kühe hungern , die schönen Felder unbearbeitet lassen können ? Hier schaffte er nicht mehr wie beim Krämer nur ins Blaue hinein . Die Wohltat jeder Arbeit kam seiner ganzen kleinen Welt zu , der sie , wie der Segen des Herbstes , gleichzeitig Frucht und Samenkorn wurde . Dorothee war ihm bald wie eine Schwester , Hans wie ein Bruder geworden , und das Lächeln der alten Stigerin , die er nicht selten Mutter nannte , seit er erfuhr , wie sie an Dorotheen handelte , belohnte ihn wie das Mädchen , und es tat ihm wohl , wenn die gute Frau ihn und Hansen wegen ihrer Eifersucht neckte . Anderen Leuten , die gern hatten sehen wollen , wie lange die geldstolze , strenge Frau mit dem trotzigen Jos erträglich auskommen werde , kam das bald etwas kopfschütterlich vor . Man wollte bemerkt haben , daß Jos und Dorothee sich lieber hätten , als zur Verrichtung ihrer Arbeiten nötig wäre . Viele Väter wohlhabender hübscher Mädchen , die bisher eine Heirat Hansens mit seiner Magd gefürchtet hatten , begannen wieder neue Rechnungen zu machen und sagten sich sogar , der klugen Stigerin sei vielleicht Dorotheens Liebelei mit dem Knechte ganz erwünscht und sie sehe nicht ungern , daß der so zwischen sie und Hansen gekommen sei . Wenn aber auch die Stigerin so gedacht hätte , so wäre es ihr ein leichtes gewesen , sich selbst zwischen die beiden zu stellen , und sie hätte darum gewiß nicht eine andere Liebschaft großziehen mögen . In dem Stücke war sie ungemein streng . Von jener Weisheit , die den Menschen erst alles durchgenießen und dann ein lebendiges Buch des Predigers werden läßt , hatte sie freilich nichts , und wie jetzt hatte sie schon vor dreißig Jahren immer nur gefragt , was etwas nütze und was im besten oder im schlimmsten Falle daraus entstehen könnte . Einzig ihre vielen Wohltaten wurden nicht auf dieser Waage gewogen . Als das einzige Kind wohlhabender Eltern und von Jugend auf gesunder und kräftiger als ihr Vater , hatte sie schon früh den Sohn ersetzen müssen wie vorher ihre Mutter den Vater . Alles , was in Kauf und Lauf kam , ging durch ihre Hand , und selbst der Neid wußte ihr nicht nachzureden , daß sie dabei jemals einen schlechten Schick gemacht hätte , wenn man nicht ihre Heirat einen solchen nennen wollte . Wer aber sie und diejenigen kannte , welche um sie warben , dem mußte es ganz begreiflich vorkommen , daß sie , wenn nun einmal durchaus geheiratet werden sollte , nur dem Reichsten gestattete , von ihr oder eigentlich ihrem Hofe den Namen Stiger zu bekommen . Nie stellte der Bregenzerwälder sich trotziger , verschlossener der » Welt da draußen « und allem , was aus dieser zu ihm kommen wollte , gegenüber als gleich , nachdem die alte freie Verfassung des kleinen , kaum beachteten Achtales aufgehoben wurde . Früher strebte der Ehrgeiz der Unabhängigen nach Höherem als nach Geld und Gut ; man hatte gesucht , in der Gemeinde , im Lande etwas Rechtes zu sein , im Männerrate ein entscheidendes Wort mitzusprechen und sich bei den Wahlen zur Geltung zu bringen . Nun aber mußte auf einmal das alles den studierten Herren überlassen werden , und der Bregenzerwälder sah nichts Besseres mehr vor sich als den Genuß des Erworbenen . Die sogenannten unruhigen Köpfe und Neuerer wurden aus dem Lande verdrängt , wenn sie es nicht vorzogen , freiwillig zu gehen , und die Ruhigen besannen sich bald , es sei nun das gescheiteste , sich wohl sein und die ganze Welt unbekümmert gehen zu lassen .