unterlassen haben . Einige Tage später waren wir nach Italien unterwegs . Ich siedelte mich zwei Meilen von Genua , unmittelbar an der Küste des herrlichsten Meeres an . Das Glück wollte , daß ich in der Familie eines reichen Engländers , der sich zu einem ähnlichen Zwecke , wie ich , in dem Orte aufhielt , Unterrichtsstunden erhielt , deren Ertrag mich jeder äußern Sorge überhob . Desto größer war meine Sorge für Eleonore . Die Flucht aus Paris war so eilig gewesen , und für Eleonoren so ganz nur das Resultat eines augenblicklichen Impulses ; ihre gleich darauf eintretende Krankheit hatte ihre Willenskraft so vollständig gelähmt , daß sie sich in einer Art von Betäubung allen meinen Anordnungen willig gefügt hatte und eigentlich erst jetzt zu einem Verständniß ihrer Lage kam . Ich hatte nicht bedacht und fühlte erst jetzt an Eleonorens Benehmen mir gegenüber , daß in dieser Abhängigkeit von dem Manne , den sie so schmachvoll verrathen , in der beständigen Nähe dessen , vor dem sie sich am liebsten in der Tiefe der Erde verborgen hätte , zu leben , die härteste Strafe für ein Wesen sein mußte , bei dem der letzte Funken von Ehrgefühl noch nicht erloschen war . Eleonore sprach dies geradezu aus ; aber sie fügte hinzu : diese Sühne ist hart , aber sie ist gerecht ; nur so konnte ich zu einer Erkenntniß dessen kommen , was ich an Dir gefrevelt habe . - Wenn Eleonore so in der Zerknirschung der Reue eine Milderung ihrer Gewissensqualen fand , so hatte ich für mein namenloses Leid nur den für eine bescheidene Seele sehr dürftigen Trost : an Eleonoren zu handeln , wie es mir das Gewissen vorschrieb . Ich konnte ungestört den Schmerzenskelch bis auf den letzten bittersten Tropfen leeren . Das war also die Erfüllung des köstlichen Glücks , von dem ich in den goldenen Tagen von Fichtenau und selbst noch in der Nacht der Festungs-Casematten geträumt hatte ! Diese bleiche kraftlose Gestalt , die gesenkten Hauptes an meinem Arme auf der Höhe des Felsenufers im Abendsonnenschein dahinschritt , an deren Schmerzenslager ich wachte , wenn sie die Krankheit Tage lang in das Zimmer bannte , in deren gebrochenes Herz ich , der ich selbst des Trostes ermangelte , lindernden Balsam zu träufeln hatte - war das Mädchen , das ich mir zum Weibe erkoren , in dem ich die künftige Mutter meiner Kinder ahnungsvoll angebetet hatte ! Und doch ist es gut , daß ich auch das erlebte . Es war eines Abends . Ich hatte die Kranke , die heute besonders aufgeregt war und ängstlich nach Luft und Licht verlangte , auf meinem Arm aus dem Fischerhäuschen , in welchem wir wohnten , bis auf den Rand der schwarzen Basaltfelsen , die hier das Meer umsäumen , getragen und ihr dort von Kissen ein Lager bereitet . Die Sonne ging in strahlender Herrlichkeit im Meere unter . Kaum ein Lüftchen kräuselte die glatte Fläche der See , von der , wie von einem Spiegel , die smaragdnen und goldnen Lichter , die an dem Himmel prangten , reflectirt wurden . Auch auf das bleiche Gesicht der Kranken fiel ihr zauberischer Schimmer - die rosige Lüge - mit der die Sonne und das Leben die Nacht und den Tod verhöhnen . Und in dieser Stunde nahm Eleonore Abschied von der Sonne und dem Leben . Sie sagte mir , daß sie mich stets geliebt habe , selbst in dem Augenblicke , als Eitelkeit und Sinnlichkeit sie verblendeten ; daß ihr ganzes Leben seit diesem Augenblick nur der stete qualvolle Versuch , sich zu betäuben , gewesen sei . Sie möchte nicht genesen , auch selbst nicht dann , wenn es möglich wäre , daß ich ihr wieder meine Liebe schenkte . Sie sei nicht werth , meine Sklavin , geschweige denn mein Weib zu sein . Sie schaudere vor diesem Gedanken zurück . - O , nimmer , nimmermehr , fuhr sie fort , und aus ihren großen dunklen Augen leuchtete ein himmlisches Feuer ; nimmer hier auf dieser Erde , wo ich an Dir so furchtbar gefrevelt habe . Aber , wenn dieser entweihte Leib zerfallen und die Seele von der Fessel , die sie in den Staub zog , befreit ist , dann werde ich Dich umschweben , dann werde ich Deiner harren , und wenn Du kommst , wird Deine Seele meine Seele küssen , und ich werde in diesem Kusse erkennen , daß Alles gesühnt und Alles vergessen und vergeben ist . Ich sagte ihr , daß ich ihr Alles längst vergeben habe , daß ich sie liebe mit einer reineren , heiligeren Liebe , als in den Tagen unseres Glücks . Ich küßte weinend ihre weißen Hände und ihren bleichen Mund . Das ist unser Hochzeitstag ! flüsterte sie , armer , armer Mann ! Sie sank in die Kissen zurück . Ich trug die ganz Erschöpfte nach der Hütte und auf ihr Lager . Es war das letzte Mal . In dieser Nacht starb Eleonore . Berger war aufgestanden , Oswald war seinem Beispiele gefolgt . Jener war mit den Erinnerungen , die so eben , von seiner mächtigen Phantasie mit aller Schärfe und Klarheit der Wirklichkeit ausgestattet , an seines Geistes Auge vorübergezogen waren , dieser mit dem eben Gehörten so vollauf beschäftigt , daß sie kaum des Weges achteten , der sie durch dunkle Tannenwaldungen höher und höher führte . Da traten sie heraus aus den Bäumen auf den kahlen Gipfel des Berges , der von den Bewohnern die Gockeleia genannt wird und der bei weitem höchste ist ringsum unter seinen Brüdern und Schwestern . Die Sonne war bereits untergesunken , aber der westliche Himmel prangte noch in der Gluth des Abendroths , von dem ein schwächerer Abglanz selbst den östlichen Horizont rosa färbte . Hier und da blickte eine der höheren Bergkuppen , in Purpurlicht getaucht , dem scheidenden Gestirn des Tages nach ; aber in den weiteren Thälern