und davon gesprungen ist . Der Chirurgus aber , welcher sich auch herzugemachet , hat schleunigst den Deckel losgemacht und abgehebt , und hat sich das Tödlein als lebendig aufgerichtet und ist ganz behende aus dem Gräblein gekrochen und hat uns angeblicket . Und wie im selbigen Moment die Sonne seltsam und stechend durch die Wolken gedrungen , so hat es in seinem gelblichen Brokat und mit dem glitzrigen Krönlein ausgesehen wie ein Feyen- oder Koboltskind . Die Frau Mama ist alsobald in eine starke Ohnmacht verfallen und der Herr v. M. weinend zur Erde gestürzet . Ich selbst habe mich vor Verwunderung und Schrecken nicht gerühret und in diesem Moment steif an ein Hexenthum geglaubt . Das Mägdlein aber hat sich bald ermannt und ist über den Kirchhof davon und zum Dorf hinaus gesprungen , wie eine Katz , daß alle Leute voll Entsetzen heimgelaufen sind und ihre Thüren verriegelt haben . Zu selbiger Zeit ist just die Schulzeit aus gewesen und ist der Kinderhaufen auf die Gasse gekommen , und als das kleine Zeugs die Sache gesehen , hat man die Kinder nicht halten können , sondern ist eine große Schar dem Leichlein nachgelaufen und hat es verfolget und hintendrein ist noch der Schulmeister mit dem Bakel gesprungen . Es hat aber immer ein zwanzig Schritt Vorsprung gehabt und nicht eher Halt gemacht , als bis es auf dem Buchberg angekommen und leblos umgefallen ist , worauf die Kinder um dasselbe herumgekrabbelt und es vergeblich gestreichelt und caressiret haben . Dieses Alles haben wir nach der Hand erfahren , weil wir mit großer Noth in das Pfarrhaus uns salviret und in tiefer Desolation verharret sind , bis man das Leichlein wiederum gebracht hat . Man hat es auf ein Matraz gelegt und ist die Herrschaft darauf verreiset mit Hinterlassung einer kleinen Steintafell , worein Nichts als das Familienwappen und Jahrzahl gehauen ist . Nunmehr liegt das Kind wieder für todt und getrauen wir uns nicht , zu Bett zu gehen aus Furcht . Der Medicus sitzet aber bey ihm und meint nun , es sey endlich zur Ruh gekommen . « » Heute hat der Medicus nach unterschiedlichen Experimenten erklärt , daß das Kind wirklich todt seye und ist es nun in der Stille beigesetzt worden und nichts Weiteres arriviret « usf. Sechstes Kapitel Ich kann nicht sagen , daß , nachdem Gott einmal die bestimmte und nüchterne Gestalt eines Ernährers und Aushelfers für mich gewonnen hatte , er mein Herz in jenem Alter mit zarteren Empfindungen oder höheren Gemütsfreuden erfüllt habe , zumal er aus dem glänzenden Gewande des Abendrotes sich verloren , um in viel späterer Zeit es wieder umzunehmen . Wenn meine Mutter von Gott und den heiligen Dingen sprach , so fuhr sie fort , vorzüglich im Alten Testamente zu verweilen , bei der Geschichte der Kinder Israel in der Wüste oder bei den Kornhändeln Josephs und seiner Brüder , bei der Witwe Ölkrug , der Ährenleserin Ruth und dergleichen oder ausnahmsweise bei der Speisung der fünftausend Männer im Neuen Testamente . Alle diese Ereignisse gefielen ihr ausnehmend wohl , und sie trug mir dieselben mit warmer Beredsamkeit vor , während diese mehr einem unparteiischen und pflichtgemäß frommen Erzählen Raum gab , wenn das bewegte und blutige Drama von Christi Leidensgeschichte entwickelt wurde . Sosehr ich daher den lieben Gott respektierte und in allen Fällen bedachte , so blieben mir doch die Phantasie und das Gemüt leer , solange ich keine neue Nahrung schöpfte außer den bisherigen Erfahrungen , und wenn ich keine Veranlassung hatte , irgendeinen angelegentlichen Gebetvortrag abzufassen , so war mir Gott nachgerade eine farblose und langweilige Person , die mich zu allerlei Grübeleien und Sonderbarkeiten reizte , zumal ich sie bei meinem vielen Alleinsein doch nicht aus dem Sinne verlor . So gereichte es mir eine Zeitlang zu nicht geringer Qual , daß ich eine krankhafte Versuchung empfand , Gott derbe Spottnamen , selbst Schimpfworte anzuhängen , wie ich sie etwa auf der Straße gehört hatte . Mit einer Art behaglicher und mutwillig zutraulicher Stimmung begann immer diese Versuchung , bis ich nach langem Kampfe nicht mehr widerstehen konnte und im vollen Bewußtsein der Blasphemie eines jener Worte hastig ausstieß , mit der unmittelbaren Versicherung , daß es nicht gelten solle , und mit der Bitte um Verzeihung ; dann konnte ich nicht umhin , es noch einmal zu wiederholen , wie auch die reuevolle Genugtuung , und so fort , bis die seltsame Aufregung vorüber war . Vorzüglich vor dem Einschlafen pflegte mich diese Erscheinung zu quälen , obgleich sie nachher keine Unruhe oder Uneinigkeit in mir zurückließ . Ich habe später gedacht , daß es wohl ein unbewußtes Experiment mit der Allgegenwart Gottes gewesen sei , welche ebenfalls anfing , mich zu beschäftigen , und daß schon damals das dunkle Gefühl in mir lebendig gewesen sei Vor Gott könne keine Minute unseres innern Lebens verborgen und wirklich strafbar sein , sofern er das lebendige Wesen für uns sei , für das wir ihn halten . Indessen hatte ich eine Freundschaft geschlossen , welche meiner suchenden Phantasie zu Hilfe kam und mich von diesen unfruchtbaren Quälereien erlöste , indem sie , bei der Einfachheit und Nüchternheit meiner Mutter , für mich das wurde , was sonst sagenreiche Großmütter und Ammen für die stoffbedürftigen Kinder sind . In dem Hause gegenüber befand sich eine offene dunkle Halle , welche ganz mit altem und neuem Trödelkram angefüllt war . Die Wände waren mit alten Seidengewändern , gewirkten Stoffen und Teppichen aller Art behangen . Rostige Waffen und Gerätschaften , schwarze zerrissene Ölgemälde bekleideten die Eingangspfosten und verbreiteten sich zu beiden Seiten an der Außenseite des Hauses ; auf einer Menge altmodischer Tische und Geräte stand wunderliches Glasgeschirr und Porzellan aufgetürmt , mit allerhand hölzernen und irdenen Figuren vermischt In den tieferen Räumen waren Berge von Betten und Hausgeräten übereinandergeschichtet und auf den Hochebenen und Absätzen derselben , manchmal auf einem gefährlichen einsamen Grate , stand überall noch eine schnörkelhafte Uhr ,