Doch , sagen Sie mir , liebe Gräfin , warum wollen Sie selbst nicht diese Rolle übernehmen ? - Ich ? - Unmöglich . Alice dankte mit einem ironischen Lächeln für diese indirekte Schmeichelei . - Erstlich würde ich zu ungeschickt dazu sein und dann ist meine Stellung eine viel zu offene , als daß man mir nicht leicht in die Karten sehen sollte . - Ich glaube gerade , daß je offener Ihre Stellung ist , desto leichter sollte es Ihnen werden . Nächst dem entlegensten Schlupfwinkel gewährt Nichts eine größere Sicherheit als Orte , die Allen zugänglich sind . Man sieht nicht , wo man nichts vermuthet . Indeß ich gebe zu , Sie mögen Ihre Gründe haben . Um so mehr hoffe ich Nachsicht bei Ihnen für die meinigen zu finden . Und dann - soll ich Ihnen noch einen Grund sagen ? Ich habe eine unbezwingliche Abneigung gegen alle Politik . - Ich will nicht weiter in Sie dringen . Die Sache ist abgethan , sprechen wir nicht mehr darüber . Die beiden Frauen erhoben sich , um sich in den großen Gesellschaftssaal zu begeben . - Ich werde Sie en passant mit unseren Notabilitäten bekannt machen - sagte die Gräfin , während sie Arm in Arm mit Alicen durch die Säle schlenderte , und sich beide eben im Zeitungszimmer befanden . - Sehen Sie dort den schmächtigen jungen Mann mit der feinen Nase und den klugen Augen , welcher den Pariser Constitutionel studirt , das ist der Professor Lips , der sich durch seine Reisen nach Aegypten einen Namen und durch die Heirath mit einem reichen Gänschen ein glänzendes Vermögen erworben hat . In seinem Nachbar zur Rechten , ich meine jenen kurzen , dicken Herrn mit der grünen Brille , die fast das halbe hochrothe Gesicht bedeckt , erblicken Sie einen unserer bekanntesten Millionärs , der das doppelte Verdienst besitzt , in eben so naher Verwandtschaft zu der weiland berühmten Sängerin S .... , als zu der nicht minder berühmten Hofbuchdruckerei von D ... zu stehen . - Ihm gegenüber sitzt der Prinz A .. Betrachten Sie ihn genau und antworten Sie mir dann aufrichtig , ob Sie sein Gesicht interessant finden . Herr von St. Just , mit dem ich gestern über den Prinzen sprach , ist freilich vernarrt in ihn . A propos , kennen Sie Herrn von St. Just ? Doch nein , das ist ja unmöglich , da er erst seit kurzer Zeit hier ist und Sie kaum von der Eisenbahn gestiegen sind . Desto besser , so steht Ihnen noch eine interessante Bekanntschaft bevor . Ich hoffe , Ihn noch heute hier zu sehen , dann werde ich ihn Ihnen sogleich vorstellen . In diesem Moment öffneten sich die Flügelthüren des großen Saals , in welchen die beiden Frauen eben eintraten , und der Jäger meldete den » Chevalier Arthur von Saint Just . « Unwillkührlich erhoben sich die Blicke Alicens auf den Neuangekommenen und blieben erstaunt einige Sekunden auf seinem Gesichte ruhen . Fast in dem nämlichen Augenblicke begegnete ihrem Auge auch schon das blitzende Auge des Chevaliers , und Alice wendete sich mit scheinbarer Gleichgültigkeit zu ihrer Begleiterin . - Wohlan , folgen wir dem Winke des Schicksals - sagte sie lächelnd - das uns in derselben Minute den Chevalier entgegentreten läßt , in welcher Sie mich auf seine interessante Bekanntschaft neugierig machen . Nachdem der Chevalier der Gräfin begrüßend die Hand geküßt hatte , stellte sie ihn ihrer Freundin vor , und verließ darauf Beide , um sich der übrigen Gesellschaft zu nähern . Um den Grund des Erstaunens zu erklären , mit dem Alice auf den Chevalier St. Just geblickt hatte , müssen wir den Leser benachrichtigen , daß Herr von St. Just Alicen keineswegs unbekannt war , da sie auf den ersten Blick in ihm die Person erkannte , mit der sie heute bereits eine Zusammenkunft gehabt hatte , um ihr einen Brief des Fürsten Lichninsky zu überreichen . Die Adresse des Briefes lautete aber nicht an den Chevalier St. Just , sondern schlichtweg an Herrn - Gilbert . - Was soll ich von Allem dem denken , Chevalier ? - sagte sie fast beleidigt . - Hoffentlich nichts Anderes , als daß ich ein vorsichtiger Mann bin . Setzen Sie den Fall , daß der Brief von Ihnen verloren - oder Ihnen genommen und von dem neuen Besitzer an mich abgegeben worden sei , um , wer weiß , welche Geheimnisse bei mir zu spüren , wäre ich nicht in große Verlegenheit gekommen , wenn ich ohne Weiteres meinen Namen genannt hätte ? Gilbert und der Chevalier St. Just haben Nichts mit einander gemein . Auch kennt mich hier Niemand unter jenem Namen . - Selbst die Gräfin nicht ? - fragte Alice hingeworfen . - Am allerwenigsten . - So habe ich mich also an den Absender zu halten , und gerade bei diesem ist mir dieser Mangel an Vertrauen unerklärlich . Gilbert lächelte . - Vielleicht hatte er einen ähnlichen Grund , die Furcht , der Brief möchte verloren gehen . - So konnte er mir den rechten Namen mündlich mittheilen - sagte Alice zornig . - Das war unmöglich . - Und warum ? wenn ich bitten darf - fragte Alice stolz . - Weil er ihn selbst nicht kannte . Se . Durchlaucht , der Präsident des Wiener akademischen Vereins , kennt keinen Chevalier von St. Just . - Und wozu denn dieses Verstecken spielen mit doppelten Namen ? Wissen Sie wohl , Chevalier , daß dies abgeschmackt und lächerlich erscheinen kann ? - Wenn nichts weiter dahinter steckt , als Geheimnißkrämerei , allerdings . Aber die Nothwendigkeit werden Sie schon einsehen . Doch davon ein ander Mal . Jetzt will ich vor allen Dingen Rapport abstatten . Die Achtzehner erwarten Sie mit Sehnsucht , ja mit Begeisterung . Ich habe in Ihrem Namen versprochen , daß Sie morgen in ihrer Mitte erscheinen werden . Die Vorbereitungen sind getroffen