uns an einem Felsen blühen . Die großen Blätter wuchsen fröhlich aus dem Gestein empor , die ganze reiche Wurzel hing frei in der Luft , nur die zartesten Aederchen verbanden sie mit dem Felsen , aus dem sie Leben zog . Das sind wir , sagte ich damals . Du bist der kalte Stein , ich bin das Farrenkraut ; sieh , wie fest es an dem Felsen hängt , wie es sich an den Kalten schmiegt . Er blickte hin und meinte : Weißt Du nicht , daß in dem Steine , der Dir so kalt erscheint , heißes , vulkanisches Feuer glüht ? Fühlst Du nicht , daß Du nur durch dies Feuer leben , nur in der Wärme meiner Liebe blühen kannst ? - Und wenn der Winter kommt ? fragte ich scherzend . - Dann muß Alles welken , was blühte , antwortete Julian , damit Raum werde für neues Leben , das ist Naturgesetz . Er hatte es auch nur scherzend gesprochen , aber doch zerriß es mir die Seele in bangem Vorempfinden . Nun ist ' s geschehen ! Es war schon lange Herbst , ich wollte es nicht bemerken ; nun ist der Winter da ! Es lag ein großes Weh in der Milde , mit der sie die letzten Worte sprach . Alfred fühlte sich unfähig , ihr einen Trost zu geben . Er war voll Bewunderung , voll Theilnahme für sie . Er ergriff ihre Hand und sagte : Der Mann , der das Leid der ganzen Menschheit wie sein eigenes empfand , der zu sterben vermochte , um der Menschheit die Freiheit des Gedankens zu erkaufen , Christus sprach das göttliche Wort : Ich habe die Welt überwunden ! - Ueberwinden Sie den Schmerz , begraben Sie die Vergangenheit ! so viel Liebe darf sich nicht eigensüchtig in sich selbst verzehren . Suchen Sie den Weg , auf dem Sie zu wandeln vermögen ; und kann die Sorgfalt eines Sie bewundernden Mannes Sie dorthin führen , Ihnen Stütze sein , so nehmen Sie mein Wort darauf , daß Ihnen meine Freundschaft niemals fehlen soll , wenn Sie sie nicht verschmähen . Sophie drückte ihm schweigend die Hand . Dann sagte sie nach einer Weile : Sie geben mir viel , mehr als ich Ihnen danken kann in diesem Augenblick , aber ich nehme es an . Noch weiß ich nicht , was mir frommt . Ich muß allein sein , allein mit mir fertig werden , das fühle ich . Verlassen Sie mich . Wenn ich Ihrer bedarf , wenn ich Ihrer würdig bin , fordre ich Sie auf , zu mir zu kommen . Leben Sie wohl , Herr von Reichenbach ! - Sie reichte ihm nochmals die Hand und ging ohne weitere Rücksicht auf ihn in das andere Gemach . Alfred sah ihr lange nach und blieb sinnend eine Weile in ihrem Zimmer sitzen . Er konnte sich nicht erklären , wie Julian gleichgültig werden mochte gegen eine Frau wie diese , wie er Gefallen finden konnte an der leichten Tändelei Eva ' s nach dem Besitz von so viel Geist und Herz , als sich in Sophie vereinigt fand . Er wollte dem Freunde Vorstellungen machen , er wollte versuchen , ihn wieder mit der einst Geliebten auszusöhnen , aber er kannte das Menschenherz zu gut , er kannte Julian zu gut , um an die Dauer einer solchen Versöhnung zu glauben , und es war und blieb ja auch etwas Mißliches in dem Verhältniß , das bei des Präsidenten Stellung doppelt in das Gewicht fallen mußte . Dazu war Julian ' s Charakter ein sehr eigenthümlicher . Bei einer anscheinend kalten Außenseite , die den Fremden abstieß , besaß er eine große Weichheit des Gefühls und eine Beweglichkeit des Geistes , die ihn jedem neuen und besonders jedem schönen Eindruck leicht zugänglich machten . Alles Große und Wahre ergriff ihn tief und schnell . In solchen Stimmungen war er großer Opfer , war er einer uneigennützigen Großmuth fähig , aber eine anhaltende Begeisterung für denselben Gegenstand , eine dauernde Liebe lagen nicht in seiner Art. Was er im Augenblick der Gefühlserregung mit voller Hingebung gethan hatte , konnte oft wenig Stunden darauf sein zersetzender Verstand als lächerlich bespötteln . Diese Charaktere nennt die Menge Verstandesmenschen , während man sie Gefühlsmenschen heißen sollte . Sie gelten für stark und sind doch schwach , weil sie nicht nach Ueberzeugungen , sondern nach augenblicklichen Eingebungen handeln . Conventionelle Begriffe , wie Ehrgefühl und Schicklichkeit müssen bei ihnen das wahre Pflichtgefühl ersetzen , und dennoch sehen wir gerade solche Menschen oft Thaten vollbringen , welche dem selbstständigsten , festesten Charakter schwer fallen würden . Seinen Freunden ein zuverlässiger Freund , seiner Schwester der zärtlichste Beschützer , besaß er den Frauen gegenüber eine Genußsucht und einen Leichtsinn , die schon manches Herz verwundet , manches gebrochen hatten . Wenn ihn weibliche Anmuth reizte , trieb es ihn unwiderstehlich , nach ihrem Besitz zu streben ; und ohne jemals seine Ansicht von der Flüchtigkeit solcher Verbindungen zu verbergen , errang er fast immer Liebe , wo er sie forderte . Er hatte einen feurigen , phantasiereichen Geist , eine einschmeichelnde Liebenswürdigkeit und eine überzeugende Wohlredenheit . Dazu besaß er die sicherste Waffe des Mannes gegen die Frauen , den Ruf , unbeständig und ihrer Ruhe gefährlich zu sein . Solch einen Mann , sagte sich Alfred , wollen alle Frauen kennen lernen , man beschäftigt sich schon im voraus mit ihm . Die Eitele hofft ihn dauernd zu fesseln ; die Edle , ihn zu bessern . Jede traut sich die Kraft und die Klugheit zu , die Gefahr zu vermeiden , die ihr von dem siegreichen Manne droht . Leichtsinnig , neugierig stürzen sie sich in den ungleichen Kampf und kehren bald mit zerrissenem Herzen daraus zurück , wie die arme Sophie . Von diesen und ähnlichen Gedanken bewegt , ging er eilig durch die Straßen und fand sich ,