Kind sah den liebenden Bruder nicht wieder . Auf seine Fragen war die Antwort , der Peter sei begraben ; er verstand nicht , was das sei . Noch manchmal sehnte es sich nach dem Bruder und noch manchmal in einem Eckchen saß es Abends , wo das Licht nicht bis hin leuchtete , da sah es in der Dämmerung seine dunkeln Augen es anleuchten , oder war das Einbildung ? - Der Vater hatte das Kind sehr lieb , vielleicht lieber als die andern Geschwister , seinem Schmeicheln konnte er nicht widerstehen . Wollte die Mutter etwas vom Vater verlangen , da schickte sie das Kind , und es solle bitten , daß der Vater Ja sage , dann hat er nie es abgeschlagen . Nachmittags , wenn der Vater schlief , wo keiner Lärm wagte oder Störung zu machen , das Kind aber lief ins Zimmer , warf sich auf den schlummernden Vater und wälzte sich übermütig hin und her , wickelte sich zu ihm in den weiten Schlafrock und schlief ermüdet auf seiner Brust ein . Er lehnte es sanft beiseite und überließ ihm den Platz ; er ward nicht müde der Geduld . Viel Lieblichkeiten erwies er ihm , beim Spazierenfahren ließ er halten auf der Blumenwiese , bis der Strauß groß genug war , das Kind wollte gern alle Blumen brechen , das nahm kein Ende , die Nacht brach ein , und den Strauß , viel zu groß für seine Händchen , bewahrte ihm der Vater . Was ging denn noch Schönes vor und webte allerlei Lustiges ihm in den Lebensteppich . Das belebte Leben auf der Straße ! Gegenüber im Haus die offne Halle , in der vom Mai bis in den Herbst die Nachbarn kampierten den ganzen Tag , da spielten die Kinder mit dem Mops , und der Papagei auf der Stange plauderte Spitzbub , das wollten wir gern den ganzen Tag hören . Wie glücklich war das Kind mit dem Schlüsselblumenstrauß , den die Milchfrau mitbrachte morgens früh . Ach das Land ! - Die Wege hinaus ins Freie ! - Die Kinder schiebelten sich lustig den Wall hinunter ins tiefe Gras . Und das Klapperfeld , wo das Gespenst rumorte im bösen Haus , und der Herr Bürgermeister hatte Wache hinpostiert , zehn Mann von innen , und von außen auch zehn an die Türe gelehnt , hat das Gespenst in der Nacht umgeworfen , in der Nacht mit dem Glockenschlag zwölf . Der Doktor Faust habe da gewohnt ganz im Verborgnen und sei erst jetzt gestorben , seitdem rumort es . Da erzählten sich die Leute abends spät noch Wunder vom Doktor Faust , wie er die Bäume konnte blühen machen mitten im Winter und so schnell , daß man zusehen konnte , wie die Blüte herauskam . Das Kind schlief nicht , es erlauschte alles in seinem Bettchen und freute sich der Unmöglichkeiten . Einmal starb eine vornehme fremde Frau , die in der Stadt krank gelegen hatte an unheilbarem Übel . Sie hatte das Kind oft kommen lassen an ihr Bett und ihm viele Spielsachen gegeben . Ein langgedehnter Grabgesang hallte durch die Straßen , schwarze Männer trugen den Sarg . Da wird die vornehme Frau begraben , hieß es , und man erzählte viel von ihrem schmerzlichen Tod ! - Was ist das , Tod ? Begraben ! Nicht mehr da ! - Das Kind kann ' s nicht begreifen , daß man nicht mehr da sein könne . Und heute noch kann es nicht glauben ans Nicht mehr sein . - Nein ! Nur wie der Schmetterling aus seinem Sarg hervorbricht , ins Blumenelement , und nicht sich besinnt , nur taumelt lichttrunken , nur freudig schwärmt , so lösen die Kranken , die Müden sich ab vom Leib , so steigen sie auf ins reinere Freiheitsleben , das ist alles , was den Sinnen nicht sichtbar war . Wie die Raupe sich veredelnd umwandelt , so kann ' s der Mensch auch . - Hätte es doch wieder vergessen können , was das heißt , von der Erde scheiden ! - Der nächste Frühling , vom Tod an der Hand geführt , kommt und geleitet ihm die schönste Mutter ins Grab . Da ist Zerstörung im Haus , die Freunde ! - Und viele dankbare Tränen fließen . Der Vater kann ' s nicht ertragen , wohin er sich wendet , muß er die Hände ringen , alles scheuet seinen Schmerz . - Die Geschwister fliehen vor ihm , wo er eintritt , das Kind bleibt , es hält ihn bei der Hand fest , und er läßt sich von ihm führen . Im dunklen Zimmer , von den Straßenlaternen ein wenig erhellt , wo er laut jammert vor dem Bilde der Mutter , da hängt es sich an seinen Hals und hält ihm die Hände vor den Mund , er soll nicht so laut , so jammervoll klagen ! - Gesegnetes Haupt , das an seiner seufzenden Brust lag und von seinen Tränen überströmt ihm Linderung gab . - Werde doch auch so gut wie Deine Mutter , sagte in gebrochnem Deutsch der italienische Vater . - Ach , lieber Clemens , heute kann ich nicht mehr von der Kindheitsgeschichte schreiben . Und es ist ja auch gar nichts , was ich da aufgeschrieben hab , und doch bin ich erschüttert und muß um die Toten weinen . Mein Licht geht gleich aus , es ist so kalt im Zimmer , jetzt spür ich erst , daß ich mit bloßen Füßen die ganze Zeit am Schreibtisch sitze . Wenn ich wieder schreibe , will ich fortfahren vom Kloster zu erzählen , wo wir bald nach dem Tod der Mutter hingebracht wurden . Adieu Clemens , wenn wir nach Frankfurt kommen , geh ich gleich in die Karmeliterkirche und sehe , wie es da ist , ich hab Eltern und Geschwister so lange nicht besucht , wenn sie ' s fühlten , wenn